Aussterbende Sprachen Sprechen Sie Saterfriesisch?
"Gouden Dai. Wo gungt et die?" Nur noch 2500 Menschen auf der Erde können sich so auf Saterfriesisch nach dem Wohlbefinden anderer erkundigen. Heinrich Pörschke, Vorsitzende des Heimatvereins Seelter Buund, ist einer von ihnen. Mit seinen Kindern unterhält er sich zuhause nur in seinem Dialekt. Begegnet er einem anderen Saterfriesen, so wird er mit "Mie gungt et goud!" antworten, wenn es ihm gut geht. Und zurückfragen: "Un die?"
Leuchtturm an der nordfriesischen Küste: "Gouden Dai. Wo gungt et die?"
Foto: DPAIm Saterland, einer kleine Gemeinde mit etwa 12.000 Einwohnern im Nordwesten Niedersachsens, hat sich das Saterfriesische deshalb erhalten, weil eine Moorlandschaft rings um die Siedlung lange für Abgeschiedenheit sorgte. Doch inzwischen führen viele Wege ins Saterland. Die Kehrseite des Forschritts ist der schleichende Tod der alten Sprache, gegen den nur eine Frischzellenkur hilft. Pörschke versucht das Interesse für Saterfriesisch gerade bei jungen Menschen zu wecken. In fünf Kindergärten und allen Schulen im Saterland können Kinder das Saterfriesische wieder lernen. Meist sind es ältere Damen, die einmal pro Woche für eine Stunde mit den Kindern sprechen. "Das ist wenig, das wissen wir", räumt Pörschke ein. Wenigstens lernen 350 Kinder Saterfriesisch wohlgemerkt freiwillig.
Fast so wie um das Saterfriesisch steht es auch um andere Sprachen von Minderheiten. Zwar sprechen noch etwa 8000 Menschen Nordfriesisch, doch sind einzelne Dialekte wie zum Beispiel das Südgoesharder bereits ausgestorben. Und obwohl Obersorbisch noch von rund 40.000 Menschen beherrscht wird, fehlt auch hier der Nachwuchs. Das Niedersorbische sprechen nur noch etwa 7000 bis 10.000 Personen.
Vier Sprachen, ein Problem
Vier unterschiedlichen Sprachen mit dem gleichen Problem: Lernen nicht genug junge Leute diese Sprachen, wird es sie in einigen Jahren nicht mehr geben, weil sie niemand mehr spricht. "Damit geht auch ein wichtiger Teil der Kultur, der Identität verloren", sagt Jana Schulz vom Sorbischen Institut. Besonderheiten die zwei sorbischen Sprachen kennen zum Beispiel neben Singular und Plural auch den Dual wären weg. Und auch die verschiedenen Dialekte, die teilweise so unterschiedlich sind, dass sogar Sylter Friesen und Friesen auf dem Festland Verständigungsschwierigkeiten haben, sind ohne Nachwuchs bald verloren. Die vier Sprachen und das Romanes der Sinti und Roma, eine Sammelbezeichnung für die unterschiedlichen Sprachen der verschiedenen Stämme, sind als Minderheitensprachen durch den Europarat anerkannt. Niederdeutsch besser bekannt unter dem Namen Plattdeutsch ist als Regionalsprache geschützt.
Die Strategie, um die bedrohten Sprachen zu retten: Kinder so früh wie möglich für die Sprache begeistern. Am besten sollten die Eltern damit anfangen, denn Kinder könnten ohne Probleme mehrere Sprachen auf einmal lernen, wenn die Eltern die Regel "eine Person eine Sprache" befolgen. Doch weil die mittlere Generation die Sprache oft selbst nicht mehr beherrscht, läuft viel über freiwilliges Lernen in Kindergärten und Schulen wie im Saterland.
Auch für Nordfriesisch gibt es freiwilligen Unterricht, jedoch nicht durchgehend bis zum Abitur. Dadurch sei es sehr schwer, die Sprache mit ihren verschiedenen Dialekten am Leben zu erhalten, kritisiert Hans Otto Meier vom Nordfriesischen Verein. Um die Sprache wirklich effektiv weiterzugeben, müsste sie in allen Kindergärten und Schulen in Nordfriesland angeboten werden. Wie viele Kinder dieses Angebot freiwillig wählten, sei dann eine andere Frage. Aber zumindest die Option sollte da sein, fordert Meier. Um Kinder und Jugendliche für Nordfriesisch zu begeistern, organisiert der Verein auch verschiedene Fahrten und Feste um zu zeigen, dass die Sprache lebendig ist.
Zweitsprache so mühelos lernen wie die Muttersprache
Zwischen Hoyerswerda, Bautzen und Kamenz, wo selbst beim Bäcker noch Sorbisch gesprochen wird, ist Obersorbisch sehr lebendig. Außerhalb dieses Kerngebiets sieht es allerdings schlechter aus. Um Kinder dort wieder an die Sprache heranzuführen, sprechen Erzieherinnen in Witaj-Kindergärten mit ihren Schützlingen konsequent sorbisch, selbst wenn sie es noch nicht können. Die Idee dahinter: Zweitsprachen können Kinder im frühen Alter so mühelos lernen wie ihre Muttersprache. Und zweisprachig Aufwachsende hätten es dann auch später leichter, wenn sie eine dritte oder sogar vierte Sprache kennen lernen.
Was heute als Vorteil gesehen wird, galt lange als Makel: Denn noch in den Sechziger Jahren hatten die Lehrer Angst, dass die Schüler wegen Saterfriesisch kein anständiges Hochdeutsch lernen könnten. Viele Eltern hatten damals aufgehört, mit ihren Kindern ihre Sprache zu sprechen. Darüber kann Heinrich Pörschke nur den Kopf schütteln. Er selbst ist mit Saterfriesisch, Plattdeutsch und Hochdeutsch aufgewachsen. "Wenn wir zehn Kilometer weiter rausfahren, versteht uns ja sonst keiner mehr." Jeder, der Saterfriesisch, Sorbisch oder Nordfriesisch spricht, kann auch Hochdeutsch.
Mit zweisprachigen Orts- und Bahnhofsschildern, Radiosendungen und Internetauftritten zeigen sich die kleinen Sprachen stärker in der Öffentlichkeit. Unter dem Ort Scharrel steht jetzt der saterfriesische Name Schäddel, unter Ramsloh Roomelse. Das Bahnhofsschild Westerland auf Sylt heißt auf Sölring dem Sylter Friesisch Weesterlön (Söl). Der Seelter Buund schaltete eine Anzeige für Saterfriesisch in der Zeitung. "Wir müssen alles nutzen, damit die Sprache nicht ausstirbt", erklärt Pörschke. Immerhin konkurrieren sie bei den jungen Leuten mit Fußball, Computer und der Prestigesprache Englisch.
Kampf um die Sprache
Was für Sorben, Nord- und Saterfriesen ein Segen ist die Minderheitensprachen werden in Schulen gelehrt und in Behörden gesprochen lehnt die Sinti Allianz Deutschland für ihre Sprache Sindetikes ab. Teil der Sintikultur ist, dass die Familie die Sprache mündlich weitergibt. Staatlicher Unterricht laufe ihrer Tradition zuwider und sei auch nicht vonnöten, "weil wir selbst seit mehr als tausend Jahren unsere Sprache erhalten haben", erklärt Natascha Winter von der Sinti Allianz. Weil die Sprache ohne Schriftform von der älteren Generation immer an die jüngeren Sinti weitergegeben wird, sterbe sie nicht aus. Auch Großeltern im Saterland reden mit ihren Enkeln inzwischen wieder Saterfriesisch. Und Gesangsgruppen, Kirchenmessen oder Kulturzentren, die die Minderheitensprachen pflegen, stärken die Verbundenheit zur Sprache.
Ob der Kampf um die Sprachen wirklich erfolgreich war, wird sich in einigen Jahren herausstellen. Und der Norfriesische Verein, der sich neben dem Erhalt der nordfriesischen Sprache auch um den niederdeutschen Dialekt kümmert, warnt schon vor der nächsten Gefahr. Denn selbst wenn jetzt noch schätzungsweise 100.000 Menschen Plattdeutsch sprechen, prophezeit Meier: "Wenn man nicht rechtzeitig aufpasst, nimmt es den gleichen Weg wie das Nordfriesische nur zwei Generationen später."