Ballett-Premiere auf Kampnagel: Available Light - DER SPIEGEL
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Ballett-Premiere auf Kampnagel: Die ganz große Bewegung

Foto: Markus Scholz/ dpa

Lucinda-Childs-Premiere auf Kampnagel Wenn Avantgarde zahm wird

Alle tanzen alles: "Available Light" hieß 1983 die wagemutige Ballett-Produktion von Lucinda Childs, Frank Gehry und John Adams. Jetzt gastiert das einst bahnbrechende Stück in Hamburg.
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Eine Architektur, die auch heute noch irritiert: Das Oben und Unten, das sich Frank Gehry 1983 für das postmoderne Konzept der Choreografin Lucinda Childs ausdachte, splittet den Blick des Zuschauers und torpediert von Beginn an seine Sehgewohnheiten beim Ballett. Zwei Akteure erhoben, der Rest darunter.

Die Ballett-Produktion, die das Tanztheater neu definierte, trägt den Titel "Available Light". Mit ihr begannen vor 32 Jahren in Brooklyn, New York, andere Zeiten. Wo vorher von Romeo und Julia, vom Schwanensee oder Giselle erzählt wurde, ging es nun um Abstraktes. Räume, Farben, Impressionen, Bewegungen wurden präsentiert und neu vermessen, als absolut gesetzt, losgelöst von einer Geschichte. Tanz pur, nichts weiter. Das war damals radikal.

So radikal wie die Ideen von Architekt Frank Gehry, der gerade begonnen hatte, aus Häusern Skulpturen zu machen, die ihn zu einem der maßgeblichen Gebäudekonstrukteure aller Zeiten werden ließen. Passend zum reinen Tanz machte er die Bühne zum absoluten Raum. Die melodiefreie elektronische Musik "Light Over Water" von John Adams formte diese Vorstellung akustisch aus.

Reiner Tanz, absoluter Raum

Genau jene revolutionäre Aufführung der amerikanischen Tanzkünstlerin Childs lud Intendant András Siebold nun zum diesjährigen Theater-Sommerfestival auf der Hamburger Kampnagel-Fabrik ein - in einer Neufassung des Klassikers als Europa-Premiere. Gut für das Festival, das in den vergangenen Jahren ständig an Zuspruch und Relevanz gewonnen hat, gut auch für die Kulturlandschaft der Hansestadt, die mit eigenständigen Festival-Ideen nicht gerade verwöhnt ist. "Available Light" setzte in einer knappen Stunde (kurze Events sind das Markenzeichen von András Siebold) auf bewährte Avantgarde, wohlige Erinnerung und große Namen - und transportierte dann doch wieder Bewährtes. Aber auf dessen Präzision ist halt Verlass.

Ein "Revival" sollte es werden, keine Erneuerung, das hatte Lucinda Childs vorab in ihrem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung klargestellt , und so agierten die sieben Tänzerinnen und vier Tänzer überraschungsarm in ihren strengen, knappen Outfits in Schwarz, Rot und Weiß. Sportliche Typen die Herren, die Damen auch keine zarten Elfen, eher athletische Amazonen, denn es geht in den Bewegungsarrangements von Lucinda Childs auch um Kraft, Energie und wuchtigen Ausdruck.

Athletische Amazonen, sportliche Herren

Den Bühnenhintergrund hatte Frank Gehry wie bekannt eher spartanisch gefasst. Metalkästen, querverstrebt, die an Lastenaufzüge erinnern, aber doch nur die rückwärtige Begrenzungsfläche geometrisch strukturieren. Hier werden die Auf- und Abgänge der Akteure geordnet, der Rückzugsraum definiert, Klarheit erzeugt.

Das Bewegungsrepertoire der elf Tänzerinnen und Tänzer schöpft aus bekannten Elementen. Schwingende Arme, klassische Drehungen, eher dezente Posen. Keine artistischen Sprünge, keine klassischen Ballett-Stunts aus der zirzensischen Abteilung. Aufeinander bezogen, in Gruppen bis zu vier Tänzern, aber häufig auch einzeln und zwischen den Gruppen wechselnd. Traditionell anmutende Pas-de-deux nur auf der oberen Ebene, als würde dort die Reminiszenz an die Vergangenheit verhandelt. Alle tanzen alles: Alles wird zu einer großen Bewegung.

Das Original berührt, verstört aber nicht mehr

Dabei ging es in Lucinda Childs' choreografischem Konzept nicht um die Illustration von Musik durch Tanz. Im Gegenteil, es soll manchmal sogar takttechnisch gegen den Rhythmus gehen, wie sie im Interview erläuterte. Hier offenbart sich schnell ein Schwachpunkt der aktuellen Produktion. John Adams' elektronische Klänge mäandern für heutige Ohren wie unvollkommen modifiziertes Dröhnen durch kreative Hohlräume, ihr minimalistischer Ansatz öffnet nichts, sondern versiegelt eher die Eindrücke durch Monotonie. Es ist, als ob man eine Stunde lang das Intro zu "Baba O'Riley" von The Who immer wieder hören muss.

Erst im zweiten Teil seiner Komposition variiert John Adams die Klänge mit rhythmischen Akzenten, allerdings ohne wesentliche Richtungsänderung. Durch wachsende Dynamik und breitere Sounds steigert Adams die Dramatik zum Finale, flankiert durch das zur flächigen Breitseite aufgebrezelte Bühnenlicht: Auch das eine heute fast heimelige, sanft anmutende Klimax.

Wie man die einst revolutionäre Idee des schrankenlosen Balletts heute durchaus mit unbombastischen, minimalistischen Mitteln weiterentwickeln kann, zeigen die Produktionen des Nederlands Dans Theater in Den Haag, die den Ideen von Lucinda Childs eine Menge verdanken. Auf jeden Fall gebührt András Siebold Dank, dass er die bahnbrechende Choreografin Childs zur Würdigung nach Deutschland geholt hat. Dass ehemalige Avantgarde heute fast anrührend vertraut und zahm wirkt, ist das Schicksal aller wirklich wichtigen Innovationen. Das Original berührt, wenn es auch nicht mehr verstört.