Balthus Nicht alle Mädchen sind Lolitas
Château d'Oex - "Früher wollte ich schockieren. Heute langweilt mich das", sagte der Maler Balthus, der zeitlebens mit dem Vorwurf der pornografischen Malerei konfrontiert war, einmal. Nicht, dass ihn solche Etiketten sonderlich geschert hätten. Die Deutung seiner teils rätselhaften Arbeiten überließ er mit dem Hinweis, dass die Malerei sich allein genüge, immer anderen.
Erst im hohen Alter wurde er gesprächiger. Er monierte, dass "von Literatur und Psychoanalyse beeinflusste Kritiker in meine Bilder Erotik, ja Perversität" hineingedeutet hätten. "Ich verstehe wirklich nicht, warum die Leute in allen Bildern von Mädchen immer gleich Lolitas sehen", sagte er der "New York Times" 1996.
Bis zu seinem Tod am Sonntag kurz vor seinem 93. Geburtstag lebte Balthus zurückgezogen in seinem Chalet Rossinière in der Nähe von Chateau d'Oex im Schweizer Kanton Waadt. "Die zeitgenössische Kunst verliert einen ihrer geheimnisvollsten und deswegen lange missverstandenen Meister", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung".
Balthus drang im Paris der 30er Jahre mit einem Skandalwerk in die Kunstszene. Das Bild "Gitarrenstunde" zeigt eine halb nackte Schülerin auf den Knien ihrer ebenfalls entkleideten Gitarrenlehrerin. Entblößte jungen Mädchen, meist zwischen Traum und Wirklichkeit, wurden zu seinem Markenzeichen. Mit "Les Enfants Blanchard" wurde Balthus als einer der wenigen Maler weltweit schon zu Lebzeiten im Louvre gewürdigt.
Wie aus einer fernen Zeit
Balthus, 1908 in Paris als Balthasar Klossowski de Rola in eine hoch kultivierte polnische Adelsfamilie geboren, ließ sich in keine gängige Schublade stecken. "Er ragt wie aus einer fernen Zeit in die gegenwärtige Kunstszene hinein", schrieb ein Kritiker. Der Autodidakt, Sohn Kunst liebender Eltern kam an einem 29. Februar zur Welt - "Schon allein deshalb stehe ich außerhalb der Zeit", sagte er einmal. Selbst als die figurative Malerei verpönt war, rannte Balthus nicht dem Zeitgeist nach. Sammler reißen sich um seine Werke. Preise von fünf Millionen Dollar sind keine Seltenheit.
Der junge Balthus wuchs in Paris, Berlin, Genf und Bern auf. Die illustren Freunde seiner Eltern wurden seine Mentoren. Mit 16 Jahren beschloss er, Maler zu werden. Auf Anraten von Bonnard begann er, große Meister zu kopieren: im Louvre Poussin, Fresken der italienischen Frührenaissance, Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter- Illustrationen.
Rainer Maria Rilke verhalf ihm 1921 zur ersten Veröffentlichung von Tuschezeichnungen. Über Gerüchte, dass Rilke sein Vater sei, ging Balthus stets mit Schweigen hinweg. Gesichert ist, dass Balthus' Mutter Baladine mit Rilke zeitweise eine sehr enge Beziehung pflegte.
Balthus lebte lange in Paris, später auch in Berlin, Rom und in der Schweiz. In dem imposanten Chalet in Rossinière aus dem 18. Jahrhundert war er seit 24 Jahren zu Hause. Er lebte dort mit seiner zweiten Frau, der japanischen Malerin Setsuko.
Christiane Oelrich, dpa