Barbara Davatz zeigt Paare As Time Goes By
Wer zu sehen versteht, sieht viel in den Porträts der Schweizer Fotografin Barbara Davatz. 1982 hat sie erstmals zwölf junge Paare fotografiert. Es sind Menschen aus ihrer Umgebung, die verliebt, befreundet, verwandt oder beruflich verbunden sind. Postiert hat sie sie vor dem anonymen Hintergrund des Fotostudios, in strikter Frontalität, den Blick in die Kamera gerichtet. Noch zwei weitere Male bittet Barbara Davatz die Paare zum Fototermin: 1988 und 1997.
In der rein äußerlichen Betrachtung dokumentieren diese Porträts Mode und Zeitgeist: Ging es Anfang der achtziger Jahre zuweilen betont cool zu - knallenge schwarze Lederhosen für Männer sind "in" - gibt man sich schon sechs Jahre später eher lässig und freakig. Ende der Neunziger zeigt sich der gewachsene Wohlstand auch in der Kleidung: Wer es sich leisten kann, trägt teure Designerklamotten.
Blickt man von der Kleidung tiefer, zeigen die Bilder wechselnde Präferenzen der Porträtierten, was die Wahl der Menschen betrifft, mit denen sie sich umgeben. Linien, die sich in Gesichter eingraben, neue Generationen. Manche Paare haben neue Partner gefunden oder sind nach der Trennung allein geblieben. Enzo etwa lässt sich mit drei verschiedenen Frauen ablichten: 1982 neben Katja, brav in Strickpullover und Tweedjackett. Sechs Jahre später heißt seine Partnerin Pamela. Enzo hat sich eine Haartolle wachsen lassen, das Streifen-Jackett sitzt schlecht. Weitere neun Jahre später: Enzo neben Cornelia, mit moderatem "Dali"-Bart und teurem Leinen-Jackett im Stil der Siebziger. Der unsichere und fragende Blick ist selbstbewusst und skeptisch geworden.
Äußeres und Inneres verbinden sich schließlich: Das Faszinierende des Bildbands liegt in der Bewusstmachung, dass unsere Erscheinung der eigentliche Schlüssel zu unserer Persönlichkeit ist. "Das Äußere ist ein in den Geheimniszustand versetztes Inneres", hat einst der Dichter Novalis formuliert. Der Betrachter verspürt mit einem Mal Lust, den Blick tiefer dringen zu lassen und in den Veränderungen von Gesichtszügen, Posen und Körperhaltungen verborgene Lebensgeschichten zu entdecken. Er wird neugierig, will mehr wissen über die Porträtierten. Wie ist das Leben dieser Menschen verlaufen? Warum ist Enzo nicht mehr mit Katja zusammen? Hatte er zwischen Pamela und Cornelia noch andere Freundinnen und wie viele? Was sehen sie in ihren neuen Partnern? Oder: Hat sich die Liebe der Paare, die zusammen geblieben sind, verändert? Und manchmal wünscht sich der Leser, dass der Porträtierte eine Entwicklung - die er ihm unterschieben wird - nicht genommen hätte. Unwillkürlich wird der Betrachter eine ganze Portion Voyeurismus in sich bemerken, das Vergnügen daran, seinen Blick ungestört in die Gesichter und Körper einzugraben und Geschichten zu ihnen zu erfinden.
Nicht nur über die Fotografierten, sondern auch über sich selbst denkt der Betrachter schließlich nach, wenn er sich die Bilder ansieht. Angesichts zusammengeschnürter Karottenhosen und des Madonna-Looks der Achtziger wird sich der eine oder andere an nur zu gern vergessene eigene Outfits mit Dauerwelle und pinkem T-shirt erinnern.
Dieses Wechselspiel zwischen Hineininterpretieren in andere und bezugnehmendem Erinnern an sich selbst macht das eigentliche "Lese"-Vergnügen an dem Bildband aus. Barbara Davatz hat damit ein ganz und gar unmodernes Buch geschaffen. Unmodern deshalb, weil sie dem Betrachter eine mittlerweile selten praktizierte Übung wieder ins Gedächtnis ruft: genaues, konzentriertes Hinschauen und Nachdenken über das Gesehene. Ein Band, dessen Bilder erst einmal nicht von alleine für sich sprechen, sondern denen man mit eigener Kraft selbst das Sprechen beibringen kann. In "As Time Goes By" kann der, wer will, eine spannende und eindringliche Lektüre finden.
Barbara Davatz: "As Time Goes By". Edition Patrick Frey c/o Scalo Verlag, Zürich; 116 Seiten; 58 Mark.