Bayreuth 2003 Picknick mit Tannhäuser
Zwar gilt stets das Hauptaugenmerk der alljährlichen Premiere, doch in diesem Falle schaute man auch voll Erwartung auf den zweiten Tag - Christian Thielemann dirigierte wieder den "Tannhäuser" in der vor einem Jahr gepflegt begähnten Inszenierung von Philippe Arlaud, die zwischen Blumenwiesen, eckiger Venusgrotte und schlicht halbgerundeter Thüringen-Halle an Personenregie nicht viel zu bieten hatte. Außer eben Thielemann und seinem schnurgeraden Parforceritt mit dem Festspielorchester, das auf den Taktmeister förmlich gewartet zu haben schien.
Diesmal gab's kein Blumenpflücken, sondern nur Aufmerksamkeit für das homogene Ensemble, das mit Roman Trekel als Wolfram von Eschenbach seinen Bravo-König hatte. Zu Recht flogen dem international erfolgreichen Bariton aus Pirna die Jubelrufe zu, denn er konnte mit Stimme und Ausdruck mühelos die hölzernen Gesten und steifen Bewegungen vergessen machen, zu denen ihn der Regisseur verdonnert hatte. Fast sang er den kraftvollen Tannhäuser Glenn Winslades ein wenig an die Wand, der in der großen "Rom-Erzählung" am Schluss auch ein wenig am Ende mit seiner Stimme erschien. Keine spürbare Schwäche ließ sich jedoch vom Orchester melden, dass unter Thielemanns strengen Zügeln brillant, dynamisch perfekt abgetönt musizierte und voller Glanz und Macht vor allem bei den Blechbläsern auch faszinierte. Ebensolche Gänsehaut erzeugende Faszination lieferte wieder der von Eberhard Friedrich geleitete Chor, der schon beim "Holländer" glänzte.
Natürlich war der Samstags-"Tannhäuser" kein Promi-Schaulaufen wie die Premiere, doch man sah Angela Merkel wieder, diesmal in markantem Grün und ohne große Entourage. Sie saß auch ganz schlicht im mittleren Parkett, nicht in der Gala-Loge, wohl wissend offenbar, dass der Klang dort meist bestens gerät: Die Sound-Welle des Bayreuther Orchesters braucht das Volumen der Bühne, um sich dann im Publikumsraum vollendet zu entfalten. Die "Holländer"-Bühne der Premiere war nach einhelliger Meinung der Fachleute zu eng und geschlossen - was zu einem harten und knalligen Klang führte. So jedenfalls stellten es die Beteiligten bei der Pressekonferenz am Tag nach der Premiere dar.
Eine Konferenz, die fast gemütlich und familiär war, wenn nicht immer wieder nur nach Schlingensief, Marthaler, von Trier gefragt würde, wie Wolfgang Wagner beklagte. Und nach Martin Kusej, von dessen "Parsifal"-Engagement man sich "in gegenseitigen Einvernehmen" getrennt hatte. Ohne weitere Kommentare. Allerdings hätte man "um die Sicherheit der Sänger gefürchtet", ergänzte Wagner fast entschuldigend. Und man wolle ja gar nicht mehr drüber reden. Und überhaupt, es gäbe einen tollen Dirigenten, Marc Albrecht, der hier debütiert habe - den solle man mal was fragen.
Egal, Bayreuth 2003 war wieder positiv im Gespräch, und der Park vor dem Festspielhaus schien diese Form der Entspannung förmlich zu atmen. Die Picknick-Körbe, die fast alle Hotels ihren Gästen auf Wunsch in der Pause zum "Grünen Hügel" liefern wurden geöffnet, wogegen es manche doch eher in einen der nahe gelegenen Biergärten zum sommerlich opportunen Hefeweizen zog. Immerhin sind die Pausen in Bayreuth rund eine Stunde lang, da kann man sich schon gründlich von den engen, harten Sitzen und der eher dezenten Klimaanlage im Festspielhaus erholen. 1974 Plätze immerhin stehen zur Verfügung, recht viel, wenn's eng zugeht. Aber unter Wagnerianern ist's eh völlig egal, wo man sitzt.
Wer wie auch immer eine Karte aus dem zehnfach überzeichneten Kontingent ergattert hatte (rund 600.000 Anfragen pro einmonatiger Spielsaison), ist glücklich. Optimismus gehört jedoch auch zum Wagner-Fantum: Der ältere Japaner, der schon seit neun Uhr morgens die Runde mit seinem "Suche Karte"-Schild dreht, weiß wohl aus langjähriger Bayreuth-Erfahrung, dass es Wunder gibt, aber immer seltener ungewollte Tickets. Besonders dann nicht, wenn der Festspielort wieder so angesagt ist, wie seit den jüngsten Aktionen des Chefs Wolfgang Wagner. "Schafft Neues!" hatte Richard Wagner von seinen Nachfahrten gefordert - er versucht's. Spät, aber nicht zu spät.