Bayreuth 2006: Dorst statt Lars - DER SPIEGEL
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Bayreuth 2006 Dorst statt Lars

Der deutsche Schriftsteller und Dramatiker Tankred Dorst wird in der übernächsten Saison der Bayreuther Festspiele den "Ring des Nibelungen" übernehmen. Zuvor hatte der dänische Filmregisseur Lars von Trier abgesagt: Der "Ring" übersteige seine Kräfte.
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Bayreuth - Tankred Dorst gehört zu den meistgespielten Autoren auf deutschen Bühnen. Erste Erfolge feierte er 1960 in Lübeck und Mannheim. Innerhalb von vier Jahrzehnten schrieb Dorst 30 Dramen und zahlreiche Prosa-Texte. Er gilt jedoch nicht nur als produktivster Dramatiker seiner Zunft, er entzieht sich zudem jeder Kategorisierung. Im Laufe seiner Karriere griff er oft mythische, politische oder auch historische Stoffe auf, schrieb Märchenstücke, aber auch Parabeln oder Künstlerdramen.

Besonders in den späten sechziger Jahren reagierte der Büchner-Preisträger (1990) oft auf aktuelle politische Entwicklungen. Eines seiner wichtigsten Dramen, "Toller", stammt aus dem Jahre 1968. Das in Stuttgart uraufgeführte Werk zeigte anhand der Geschichte des Literaten Ernst Toller in der Münchner Räterepublik die inneren Konflikte des Künstlers in politischen Krisensituationen auf. Zuletzt führte das Schauspiel Frankfurt sein Fragment "Orthoon" (2002) auf.

Nun soll Dorst im übernächsten Jahr den "Ring des Nibelungen" in Bayreuth inszenieren, wie Festspielchef Wolfgang Wagner heute mitteilte. Wagners geplante - und mit der Besetzung Christoph Schlingensiefs in diesem Jahr auch schon vollzogene - Verjüngung der Spiele auf dem Grünen Hügel ist mit der Ernennung des 78-jährigen Dorsts erst einmal gestoppt.

Immerhin springt Dorst nur für den dänischen Dogma-Regisseur Lars von Trier, 48, ein, der im Juni überraschend abgesagt hatte. Die "Dimensionen und Anforderungen" dieser Inszenierung, so zitierte die Festspielleitung den Filmemacher, würden "seine Kräfte eindeutig übersteigen".

Tankred Dorst dürfte mit den wagnerianischen Heldenstoffen keine Probleme haben. In seiner Märchenphase der achtziger Jahren veröffentlichte er mit "Merlin oder Das wüste Land" eine der umfangreichsten Textpartituren der Nachkriegsgeschichte. In 97 Szenen entwarf Dorst ein opulentes Schauspiel um die Sage vom Zauberer Merlin, in die er Teile der frühmittelalterlichen Artussage und der Heldengeschichten um Lancelot und Parzival eingearbeitet wurden. Dorsts Geschichte um den Gralskönig diente später als Vorlage für Robert Wilsons erfolgreiche "Parzival"-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater.

In Bayreuth wird ihm wie stets seine Lebensgefährtin Ursual Ehler zur Seite stehen, die Dorst seit den siebziger Jahren als Mitarbeiterin unterstützt. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Star-Dirigenten Christian Thielemann.