Beck bei Beckmann Dreck unterm Tisch
"Geschichte ist machbar, Frau Nachbar!" So hallte es einst durch die Straßen von Freiburg bis San Francisco. Aber manchmal ist es auch grausam, nach den vermeintlichen Lehren der Geschichte zu fragen. "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" skandierten vor vierzig Jahren die rebellischen 68er nicht zuletzt ein spätes Echo auf die Wirren der Weimarer Republik zwischen Revolution und Konterrevolution. Immerhin hieß damals, zu Zeiten der antiautoritären Revolte von 1968, der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Willy Brandt.
Politiker Beck, Moderator Beckmann: Zur Schau gestellte Harmlosigkeit
Foto: DPAUnd nun das. Geschichte kann so grausam sein. Gestern Abend saß Kurt Beck bei Reinhold Beckmann das erste Fernsehgespräch nach der zweiwöchigen Krankheit des aktuellen SPD-Chefs , aber niemand wäre auch nur entfernt auf den Gedanken gekommen, irgendeine kämpferische Parole zu rufen, irgendetwas zu fordern, irgendetwas zu erwarten.
Man war nur sprachlos angesichts der das baldige Einschlafen fördernden Bräsigkeit, mit der Beck den Abgrund, auf den die SPD zusteuert, als Planschbecken eines sozialdemokratischen Licht- und Luftbads darzustellen versuchte. So viel zur Schau gestellte Harmlosigkeit, so viel Biederkeit war selten.
"Bei uns zu Hause wird die Treppe von oben gekehrt"
Auf die Tragödie folgt die Farce, sagte Karl Marx. Wie konnte er ahnen, dass eines Tages Kurt Beck die Nachfolge von Ferdinand Lassalle und August Bebel antreten würde und selbst "Farce" ein zu großes Wort für den Schlamassel wäre, den er angerichtet hat? Und was, bitteschön, sollte Kurt Beck schon verraten? Das Rezept der von ihm so geliebten geschnetzelten Schweinenasensuppe?
Eine Dreiviertelstunde fragte Reinhold Beckmann väterlich streng, aber gewohnt mitfühlend nach der Krise der SPD, nach dem Verhältnis zur "Linken", taktischen Fehlern und dem Verhältnis von Lüge und Wahrheit in der Politik. Allein, es nützte nichts. Der Pfälzer Landesvater verhielt sich getreu eines seiner Lieblingssprichwörter, das er auch schon einmal einem afrikanischen Dorfältesten anvertraut haben soll: "Bei uns zu Hause wird die Treppe von oben gekehrt."
So landete auch gestern Abend der ganze Staub und Dreck unter Beckmanns blank poliertem Tisch. War da was? Der sozialdemokratische Absturz in den Keller einer 25-Prozent-Partei? Der Verlust der Glaubwürdigkeit? Die denkbar schlechtesten Umfragewerte eines SPD-Vorsitzenden? Die Orientierungslosigkeit der Parteibasis? Flügelkämpfe und heimliche Kanzlerkandidaten?
Nix da. "Eine herausfordernde Lage" sei das, und klar, "ein Stück Sündenbockfunktion" komme dem amtierenden Parteichef immer zu. "Auch ein alter Fuhrmann macht mal Fehler." Ansonsten aber galt Paragraph 1 des neutestamentarischen Buches Ypsilanti: Wortbruch nennt man "Kurskorrektur". Im Übrigen sei die Presse schuld mit ihren Falschmeldungen, Verdrehungen und Übertreibungen, so Beck. Der aktualisierte Paragraph 2 der Bibel Ypsilanti lautet: "Keine Koalition mit der Linken nach der Bundestagswahl 2009. Das Wort gilt!"
Dass 61 Prozent der Deutschen diesem Wort so viel glauben wie einem sexuellen Abstinenzversprechen von Dieter Bohlen, rührte Beck nicht. Er ist vollauf damit beschäftigt, "die Mitte zusammenzuhalten". Wahrscheinlich an den Enden. Außerdem hat er sich "völlig abgewöhnt", sich zu ärgern. Da ist er ganz Buddha und ewige Mainzer Weinkönigin zugleich, schmerzfrei auf dem Weg ins Nirvana. Die Frage ist nur: Nimmt er die SPD dabei mit?
"Ich stehe, ich bleibe"
Nur beim Wort "Müntefering" verlor Beck kurz die Dalai-Lama-mäßige Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass der Rhein nach Norden fließt und Riesling immer Riesling bleiben wird: "Ratschläge" darf der Münte gerne geben, aber bitte nicht mehr.
Da nun jeder vernünftige Mensch in der Republik sieht, dass Münte der einzige deutsche Sozialdemokrat ist, dem man überhaupt zutrauen würde, den rasanten Niedergang der SPD aufzuhalten und ihr, ja, ein wenig Glaubwürdigkeit, Identität und Kampfesmut zurückzugeben, musste Rekonvaleszent Beck ("Ich war körperlich richtig kaputt") sein Mantra hinzufügen: "Ich stehe, ich bleibe."
Ja nee, is' richtig: Den Kurt in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Aber warum eigentlich, das weiß kein Mensch. Kein Wort verlor Beck darüber, was die SPD eigentlich will und was er mit ihr. Nada. Niente.
Dann setzen sich Ulrich Wickert, Ex-"Tagesthemen"-Moderator, selbsternannter Tugendbold Nummer eins ("Gauner soll man Gauner nennen") und die Autorin Thea Dorn ("Die neue F-Klasse") an den Therapietisch, um ein wenig nachzuhelfen. Während Wickert sogleich in die stehende Rede über die Unvereinbarkeit von Wahrheit und Politik verfiel, führte Dorn den schönen Begriff vom "Moving Target" ein.
Will heißen: Wer sich erwischen lässt, ist doof. Immer schön unterwegs sein zwischen links und rechts und sich nirgendwo festlegen lassen. Längst habe sich auch der Zynismus der Verbraucher politischer Wahlgeschenke und ideologischer Konsumgüter den andauernden Wahlwerbekampagnen angepasst: Man nimmt, was man kriegen kann, glaubt aber an nichts mehr außer an das jeweilige Schnäppchen im Media Markt der umfragegestützten parteipolitischen Sonderangebote.
Vielen Fernsehzuschauern musste Thea Dorn übrigens als Überraschungsgast erscheinen, denn in den Vorankündigungen der Tageszeitungen und im ARD-Trailer für "Beckmann" kam sie nicht vor. Eine merkwürdige Missachtung, nicht nur gendermäßig betrachtet. Ob da jemand in ihrem neuen Roman "Mädchenmörder" geschmökert hat, in dem sich ein weibliches Entführungsopfer über die ARD-Talkshow "Beckmann" mokiert?
Während Ulrich Wickert zum Schluss noch einmal Werbung in eigener Sache machte und seinen letzten Bestseller als persönliches Parteiprogramm anpries, verwies Thea Dorn auf ein verbreitetes Bedürfnis inmitten der "Erosion öffentlicher Moral" auch jenseits der politischen Klasse: die "Sehnsucht nach Autorität". Eine Autorität freilich, die moralisch integer ist und ein Charisma besitzt, das weder von PR-Agenturen entworfen noch von Parteistrategen "designed" wurde.
Damit freilich kann Kurt Beck nun überhaupt nicht dienen.