"Beckmann": Osthoff, das Rätsel aus dem Orient - DER SPIEGEL
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"Beckmann" Osthoff, das Rätsel aus dem Orient

Sie hilft Hospitälern im Irak, polarisiert das Publikum - und gibt immer neue Rätsel auf. Susanne Osthoff, Deutschlands erste Irak-Geisel, war ein Jahr nach ihrem ersten Auftritt bei "Beckmann" wieder dort. Und offenbarte Erstaunliches.
Von Reinhard Mohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Drei Wochen nach ihrer Entführung im Irak war Susanne Osthoff der einzige Talkshow-Gast bei "Beckmann": Zeichen äußerster Prominenz in der Karl-Lagerfeld- und Boris-Becker-Liga.

Medienrummel und persönliche Aufregung waren groß, der Aschenbecher auf dem Schreibtisch füllte sich schnell, und am Ende blieben viele Fragen offen. Für die einen war sie eine unverantwortliche exotische Spinnerin, die ihr Leben nicht im Griff und einen Narren an der arabischen Welt gefressen hat – für die anderen die unschuldige Märtyrerin einer medialen Hexenjagd.

Dass gestern Abend bei "Beckmann" erst einmal Uwe Ochsenknecht und seine beiden Söhne ("Wilde Kerle") Langweiliges aus ihrem Leben erzählen mussten, bevor die einstige Irak-Geisel an die Reihe kam, zeigte schon den Stand der Dinge: Alles halb so wild. Die Sache beginnt, historisch zu werden. Eine hübsche Fernsehanekdote.

Viele Zuschauer werden sich womöglich kaum noch daran erinnern, um was es vor einem Jahr eigentlich ging. Nach 24-tägiger Geiselhaft im Irak wurde die damals 43-jährige Archäologin und Irak-Helferin Osthoff durch Vermittlung der Bundesregierung und viel Geld, man spricht von sechs Millionen Euro, freigelassen. Alle freuten sich, doch eine Reihe von Merkwürdigkeiten sorgte dafür, dass nicht nur hohe Sicherheitsbeamte der Regierung sagten: "Da ist irgendetwas faul".

Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt, auch wenn der "Stern" jüngst Scheich Dschamal, einen guten Bekannten von Susanne Osthoff, als Hauptverdächtigen der Entführung präsentierte. Neben der Tatsache, dass Susanne Osthoff im Irak Kontakte zum Bundesnachrichtendienst (BND) hatte, in den ersten Tagen nach ihrer Freilassung weder zu ihrer Familie noch zu ihrer in Deutschland lebenden, damals zwölfjährigen Tochter Kontakt aufnehmen wollte und, ziemlich ungewöhnlich, etwa 3000 Dollar Bargeld bei sich trug, als sie in der Deutschen Botschaft eintraf, sorgten vor allem einige Fernsehauftritte für Irritationen.

Archäologin ohne festen Wohnsitz

Bei al-Dschasira trat die arabisch sprechende Muslima in der schwarzen Burka mit Sehschlitz auf und äußerte ein gewisses Verständnis für ihre Entführer, im Interview mit Marietta Slomka ("heute journal") redete sie teils so unzusammenhängend, aggressiv und verwirrt, dass sich das ZDF entschloss, das Gespräch zusammenzuschneiden und dramaturgisch zu ordnen. Dazu kam, dass sie weder im Irak noch in Deutschland einen festen Wohnsitz hatte – ein Zustand, der bis heute anhält.

Als sie schon im Februar 2006, gegen den ausdrücklichen Rat von Außenminister Steinmeier, wieder in den Nordirak reiste, wo sie seit Jahren ein Projekt in Erbil betreut, schüttelten nicht nur die berufsmäßig Empörten den Kopf.

Gestern Abend nun erschien sie viel ruhiger und abgeklärter, gut aussehend sowieso. Als fachmännischer Assistent saß Patrick Leclercq neben ihr, Nahost-Korrespondent der ARD. Als es in der Aufwärmphase des Beckmann-Talks um die Vollstreckung des Todesurteils gegen Saddam Hussein ging, bewies er seine Fachkompetenz mit den Worten "Wut" und "Trauer": "So" beschädige "der Westen" seine "Glaubwürdigkeit".

Spekulationen und Gerüchte

Dass bei aller Kritik an den unwürdigen Umständen der Hinrichtung auch nur ein Wort über den blutrünstigen Diktator und Massenmörder Saddam fallen würde, der Hunderttausende Menschenleben (Araber, Moslems) auf dem Gewissen hat, durfte man von Leclercq nicht erwarten.

Lieber beteiligt sich der ARD-Korrespondent an Spekulationen darüber, ob der BND selbst es war, der böse Mediengerüchte über Susanne Osthoff streute, womöglich, weil sie angeblich über bessere Kontakte verfügte als der nicht immer gut beleumundete deutsche Auslandsgeheimdienst.

Dieser Umstand allerdings bestätigte sich im Verlauf des Gesprächs nicht unbedingt. Osthoff, die nun mit der Organisation "Action Medeor" dringend benötigtes Material an irakische Hospitäler schickt, rauchte etwas unauffälliger ihre Zigaretten im Studio und redete klarer zur Sache – doch immer noch musste der Fernsehzuschauer hier und da die Augen schließen, um dem Fluss ihrer Rede einigermaßen zu folgen. Unzählige Einzelheiten, aber wenig Struktur und Zusammenhang. Viel Detailwissen und wenig Urteilskraft im Ganzen.

Trotz Beckmanns Bemühungen, per Checkliste offene Fragen zu klären, tauchen immer neue Rätsel auf. So behauptet Osthoff nun, das Auswärtige Amt selbst habe ihr geraten, im Februar in den Irak zurückzukehren, um unerledigte Dinge zu regeln: "Wickeln Sie das ab!"

"Spezialreisen" à la Osthoff

Das aber steht im offenen Widerspruch zu sämtlichen Warnungen des Außenministeriums, genau dies bitte nicht zu tun.

Merkwürdig blieb auch gestern Abend der Eindruck, Susanne Osthoff sei gar nicht besonders an der Frage interessiert, wer sie denn nun entführt und mit dem Tode bedroht habe. Als besagter Scheich Dschamal ins Spiel gebracht wurde, entfuhr ihr nur, der habe "sich wohl geirrt". Worin, mit was denn?

Dass sie der "Hass auf mich" immer noch schmerzt ebenso wie Versuche der Boulevardpresse, sie "vom Opfer zum Täter" zu machen, ist durchaus nachvollziehbar. Dass sie aber angeblich keine Wohnung in Deutschland finde, weil ihr Name – Motto: irgendwas bleibt immer hängen – diffus mit dem Irak-Terror in Verbindung gebracht werde, ist schon ein bisschen merkwürdig.

Stattdessen lebt sie bei verschiedenen Freunden aus dem Koffer. Mal hier, mal da. Und vielleicht ist das auch schon die tiefste Wahrheit, die die Öffentlichkeit zu interessieren hat, nicht mehr und nicht weniger: Susanne Osthoff ist eine Nomadin, ob hier oder in der arabischen Welt. Sie will aktiv sein und helfen, ist aber politisch eher naiv. Selbst ihre nun 13-jährige Tochter, die in einem bayerischen Internat aufwächst, möchte angeblich später Medizin studieren und dann Lazarette im Irak aufbauen.

Was bleibt? Susanne Osthoff schreibt ein Buch ("das Rohmanuskript ist schon fertig") und plant eine kleine Agentur für "Spezialreisen" nach Ägypten, Jordanien und in den Jemen. Dort aber sollen die Reiselustigen keinesfalls auf andere Deutsche treffen – "nur auf Araber".