Beckmann, Wecker und Drewermann "Ein unheimlich schönes Gefühl"
Gestern war ein großer Tag in Eggenfelden. Daniel kehrte in seine Heimatstadt zurück, Hunderte von Teenagern warteten kreischend auf den "Superstar" und der Bürgermeister bat ihn, sich in das Goldene Buch der Gemeinde einzutragen. Daniel genoss den Rummel um seine Person, warf Küsschen in die Menge und gab Autogramme. "Sie lieben ihn, und er liebt sie gnadenlos zurück", sagte der RTL-Reporter vor Ort.
Zwei Tage vorher, bei der großen Friedensdemo in Berlin, machte Konstantin Wecker die gleiche Erfahrung: "Es ist ein unheimlich schönes Gefühl, sich an so einem Tag emotional fallen lassen zu können", gestand er dem Reporter der 3sat-Sendung "kulturzeit". Das Fernsehen, diese wunderbare Zeitmaschine, verkürzte den Abstand zwischen Daniel und Konstantin auf ein paar Minuten, alles übrige wurde nivelliert. Bald wird auch Daniel, wenn es seine PR-Berater so wollen, "Krieg ist doof!" rufen, und Konstantin wird auf eine große Tournee gehen, die er eigentlich schon mit seiner gut getimten Reise nach Bagdad begonnen hat. Zwei Superstars auf dem Weg in die Charts.
So wäre es mehr als spannend gewesen, die beiden zusammen bei "Beckmann" zu erleben. Weil Daniel aber verhindert war, lud Beckmann den Theologen, Psychoanalytiker und Hellseher Eugen Drewermann aus Paderborn ein. Der gilt als "kritisch" und "unangepasst", weil er sich mit seiner Kirche verkracht hat, obwohl er selbst ein Dogmatiker ist; man könnte sagen, Drewermann hat sich selbständig gemacht, als moralische Ich-AG, Autor von Traktaten und Ratgeber für alle, die ein Problem mit Gott haben. Da saß er nun in jakobinischer Strenge dem wie immer super lockeren Beckmann gegenüber und sagte Sätze von grundsätzlicher Bedeutung: "Wir wollen überhaupt keinen Krieg mehr. Wir tun das, ohne direkt betroffen zu sein. Nie wieder Krieg!"
Beckmann, der diesmal etwas besser vorbereitet zu sein schien, als bei seinem daneben gegangenen Versuch, Jürgen Möllemann vorzuführen, fragte nach: Wie das denn so sei mit dem Terror-System von Saddam und mit den Menschenrechten im Irak. Und da bewies Drewermann, dass er in der Tat ein begabter Dialektiker ist, der jeden Gedanken in sein Gegenteil verwandeln kann. Es müsse "gleiche Inspektionen für den Irak und die USA" geben, Saddam sei ein brutaler Diktator, aber auch in den USA sei ein Präsident an der Macht, "der 130 Menschen ermorden ließ", deswegen "brauchen wir ein Regime im Westen wie im Irak, das sich für die Menschen interessiert".
Damit stellte er jene "Äquidistanz" her, die derzeit auch in den Umfragen zum Ausdruck kommt: 38 Prozent der Deutschen halten George W. Bush für eine größere Gefahr für den Weltfrieden als Saddam Hussein, 37 Prozent meinen, es sei umgekehrt. Damit liefern sich Bush und Saddam zumindest in Deutschland ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit vorerst ungewissem Ausgang. Für die wenigen stillen Dissidenten, die es noch im Irak gibt, dürfte es freilich ein großer Trost sein, dass in Texas die Todesstrafe angewandt wird und im übrigen Westen Parksünder gnadenlos verfolgt werden, ohne dass die Uno ihre Inspektoren losschicken.
Ob er sich denn nicht vom Regime auf seiner Reise nach Bagdad "instrumentalisiert" gefühlt habe, wollte Beckmann von Wecker wissen. Davon könne keine Rede sein, antwortete der Liedermacher, mit eigenen Händen habe er ein Saddam-Bild, unter dem er spielen sollte, abgehängt. Da waren alle kurz sprachlos und Wecker nannte ein weiteres Beispiel für gewaltlosen Widerstand, die Wiedervereinigung: "Eine Diktatur kann unblutig zu Ende gehen", die Iraker hätten Saddam "satt". Wie er das erfahren habe, setzte Beckmann nach. Man müsse es zwischen den Worten "rauslesen", präzisierte Wecker. Ach so.
Und so machten sich Frieden, Liebe und Sonnenschein im Studio breit, bis Beckmann ein irakisches Ehepaar, Inaam und Najem Wali, an den Tisch bat, keine Helden und keine Widerstandskämpfer, nur eine Schauspielerin und ein Journalist, die das Land verlassen hatten, weil sie nicht in einer Diktatur leben wollten. Anders als Drewermann und Wecker hatten die beiden praktische Erfahrungen mit dem System gemacht und sich deswegen einen Sinn für Relationen bewahrt. Inaam, die Schauspielerin, fühlte sich "an Demonstrationen im Irak" erinnert, "organisiert für die Regierung", und ihr Mann Najem stellte fest: "Saddam hat die Demo für sich verbucht, die Friedensbewegung wird instrumentalisiert." Er habe im Irak ständig unter Beobachtung gelebt, wurde verhaftet ("Gefängnis wäre dafür ein schönes Wort") und an die irakisch-iranische Front geschickt.
"Sind Sie für den Krieg gegen den Irak?" fragte Beckmann in ungewohnter Klarheit. "Ich bin gegen jeden Krieg", antwortete der Exil-Iraki, "aber was sage ich der Mutter, die ein krankes Kind hat und hofft, dass die Amerikaner kommen und sie befreien?" Man dürfe nicht "die Fronten verwechseln", er habe die Hälfte seiner Familie durch Saddam verloren, der sei "ein Diktator und Despot, der die ganze Welt seit 20 Jahren herausfordert", während die Iraker in die Welt schreien: "Befreien Sie uns!"
Drewermann und Wecker hatten den Schrei noch nicht vernommen und der ganz zum Schluss dazu gekommene Schauspieler und Unicef-Botschafter Dieter Pfaff befand, "Wandel durch Annäherung" wäre auch dem Irak gegenüber die richtige Strategie. "Das muss gehen." Im Übrigen: kommt Zeit, kommt Abhilfe. "Es muss eine Kraft im Irak wachsen, die dieses Schwein hinwegfegt." Ganz so weit mochte der kritische Theologe Drewermann nicht gehen. Er wünschte sich nur, dass "die Diktatur im Irak durch Kontrollen abgeschwächt" wird. Wenig später stand er auf und verließ das Studio, denn er hatte an diesem Abend noch wichtige Termine wahrzunehmen. Seine letzten Worte waren: "Ich wünsche mir, dass die Sendung zum Frieden beiträgt." Ein bisschen Frieden tut immer gut.