Béla Réthy: Seher im Stadion - DER SPIEGEL
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Béla Réthy Seher im Stadion

Mit einem Donnerschlag war Deutschland blind - und hörte nur noch ihn: Fernsehkommentator Béla Réthy wurde im EM-Halbfinale zum Radiomann, Public Viewing plötzlich zu Public Listening. Der Ausfall offenbarte, wie wenig Fernsehleute noch zu sagen haben. Außer sie können in die Zukunft schauen.
Von Reinhard Mohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich passte das Ganze ja zum Rumpelspiel der Deutschen.

Viel zu lange schon vermittelte an diesem Mittwochabend die Nationalmannschaft den Eindruck, sie habe kurz vor Anpfiff noch eine Packung Tranquilizer eingeworfen, das Spiel gegen die Türkei war gerade in die zweite Halbzeit gegangen - da passierte es. Sechs Minuten Bildausfall.

Manch einer mag gedacht haben, ein gnädiger Gott habe dem offensichtlichen Fußballelend im Stadion zu Basel ein Ende bereiten wollen. Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Doch es war nicht Gott, es war ein Gewitter über der EM-Fernsehzentrale in Wien. Und als dann plötzlich nach Minuten internationaler Fanverzweiflung wenigstens Béla Réthys Stimme wieder zu hören war, aus dem Off, über seinem Porträt samt Kopfhörer als gnädig eingeblendetem Bild, fühlte man sich an gute alte Zeiten erinnert.

Damals, als Public Viewing noch Private Listening war. Man versammelte sich vor den von Führer, Volk und Vaterland übriggebliebenen Volksempfängern aus den dreißiger Jahren und kroch gleichsam in die Stimme des Radioreporters, der in expressionistischer Manier das Geschehen in dramatische Worte bannte. Noch beim WM-Finale in Bern 1954 saß die übergroße Mehrheit der Deutschen vorm Radio, als Helmut Rahn das Siegtor gegen die Ungarn schoss.

Béla Réthys erzwungener Versuch, sich in dieser Tradition des legendären Herbert Zimmermann ("Rahn schießt! Tor! Tor! Tor! Tooor!") und vieler anderer Radiohelden zu bewegen, zeigte jedoch: Es geht nicht mehr.

Das fortgeschrittene Fernsehzeitalter hat eine ganz eigene Bildsprache entwickelt. Die Bilder kommen aus allen möglichen Perspektiven, inszeniert, geschnitten, Weitwinkel und ganz nah, gemixt und in Superzeitlupe. Reportersprache ähnelt da einem Dressing, das über das optische Salatbouquet gekippt wird.

Es kommt in dieser modernen Bilderwelt weniger auf präzise Beschreibung an als auf Atmosphäre, Anekdoten und psychologische Betreuung der Zuschauer. Weshalb Béla Réthys Worte plötzlich viel dürrer und sklerotischer als sonst erschienen - wie ausgezehrt.

Selbstverständlich war es auch für ihn ein Ausnahmezustand (der freilich nicht zum allerersten Mal passiert ist, also nicht absolut überraschend kam). Doch Béla Réthy hatte schon vorher so gewirkt, als wäre er kommentatorisch nicht ganz auf Ballhöhe. Da wollte er zum Beispiel den früheren Bundestrainer Jupp Derwall auf der Basler Tribüne gesehen haben. Es hätte sich dabei um eine Auferstehung gehandelt, denn Derwall, der lange Zeit Trainer in der Türkei war, weilt nicht mehr unter den Lebenden.

Vielleicht meinte der Kommentator Kalli Feldkamp. Der war da, quicklebendig.

Als dann das ZDF die geniale Idee hatte, statt der obligatorischen Uefa-Übertragung via Wien das Schweizer Fernsehen mit seiner exklusiven Standleitung ins Basler Stadion anzuzapfen, bekam das Spiel eine weitere besondere Note. Weil Béla Réthy übers Telefon kommentieren musste, kam es zu einer Text-Bild-Schere der ungewöhnlichen Art – einer Zeitverzögerung der Optik gegenüber dem Ton.

Wie Theresias, der griechische Seher, kündete uns Réthy da von dramatischen Dingen, die wir noch gar nicht gesehen hatten! "Durch die Unterhose!", schrie er in unsere Ohren, während wir gar nichts verstanden. Unterhose?

Gefühlte zwei Sekunden später sahen wir es auch: Lehmann griff ins Leere, die Türken hatten das 2:2 gemacht. Unglaublich. Wieder einmal bestätigte sich die alte Einsicht, dass man nicht in die Zukunft schauen soll, denn die Gegenwart ist hart genug.

Als Philipp Lahm das 3:2-Siegtor schoss, war es gefühlsmäßig andersherum. Und wir dachten: So schön kann Zukunft sein, auch wenn man nur zwei Sekunden Vorsprung hat.

Zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.