Berlin: Alles zum ersten Mal, immer wieder - DER SPIEGEL
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Berlin Alles zum ersten Mal, immer wieder

Berlin, Hauptstadt der Galerien und Ateliers: Nach den postmodernen Vogelperspektiven wird nun der Blick wieder gesenkt, auf junge Künstler, alte Sammler und zeitlose Kunstwerke - und schließlich auf Gräber.
Von Matthias Matussek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Galerie "Neu" von Thilo Wermke und Alexander Schröder liegt im Schatten der Charité, jenseits der Gemälde-Tempel der Museums-Insel, der wohl einzigartigsten Kunstschatz-Anhäufung der Welt, mit dem Bodemuseum, dem Pergamonaltar, die von über zwei Millionen Touristen jährlich besucht werden.

Die zwei Kuben der Galerie wurden einst von der Kaiser-Wilhelm-Universität als Pferdeställe genutzt, die Tränken sind noch sichtbar. Die Galerie ist eine von rund 400 in Berlin, monatlich kommen neue dazu, und die Großen Betriebe aus New York, London oder Los Angeles schlagen hier Dependancen auf.

Hinter Wermkes Schreibtisch hängt in Neonzügen der Spruch: "...in which something happens all over again for the very first time". Das Gründerzeit-Rumms-Rumms vom Alex - hier ist es Licht geworden, pures Licht, doch es bedeutet das gleiche wie die Dampframme am Alex: Alles in Berlin passiert zum ersten Mal, immer wieder.

In den letzten Tagen der DDR floh Wermke über die grüne Grenze in den Westen, er studierte in Hamburg, doch er ging nach Berlin, weil Berlin in Deutschland "die einzige Stadt ist, in der man Kunst machen kann", sagt er. "Kunst hat zu tun mit Treibenlassen, und wo geht das besser als in dieser Stadt."

Der Glanz der Galerien dringt bis in die USA

Am Abend zuvor wurde unter der Spreebrücke an der Friedrichstraße der brandneue "Grill Royal" mit einer Geburtstagsparty für Clubbesitzer Cookie eingeweiht. Berlin erlebt ein Restaurant-Gründungsfieber – Clubbesitzer Oskar Melzer war mit seiner Freundin da, und unter den vielen netten Szene-Queens stand eine unfassbare Blonde, die ihre Schönheit wie einen lässigen Pullover trug und gleich drei Jungarchitekten zum Sabbern brachte, alle zusammen die goldene Nachthorde der Stadt. Wermke ist früh aufgebrochen, bereits gegen zwei. Er hat Familie, er hat die Galerie. Auch das Treibenlassen verlangt Disziplin und die richtige Dosierung.

Wermke, der mit seiner Hornbrille wie ein Nerd aussieht, empört sich über die Berliner Subventions-Schnorrer. Er würde sich in diesem Punkt gut mit dem Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, verstehen. Allerdings ortet er die Schnorrer eher im Westen, und nicht am Prenzlauer Berg.

"In der Dekade nach dem Mauerfall wurde Berlin aufgeblasen und aufgepumpt, das ist Gottseidank vorbei". Jetzt, glaubt er, hat Berlin Substanz angereichert. "Die Wurzeln sind versenkt, jetzt kommen die Pflanzen hoch". Der Bevölkerungsaustausch der letzten Dekade hat der Stadt gut getan, besonders der Kunst-Stadt.

Die langen Kunstnächte verzaubern die Passagen im Scheunenviertel, und im ehemaligen Ostberliner Rundfunkturm richten sich derzeit Künstler ihre Ateliers ein, allein an den Kunstschulen der Stadt sind über 5000 Studenten eingeschrieben.

Gerade zitierte die "New York Times" den Galeristen Max Hetzler, der über Berlin schwärmte: "Niemand arbeitet hier, jeder ist entweder ein Politiker oder ein Künstler". Das ist die Pointe der neuen Hauptstadt: ein anderer, ein neuer Begriff von Arbeit, der Leute wie Mißfelder und Thilo Wermke zusammendenkt. "Die Zukunft verdient Geld mit Ideen, mit nichts als Ideen", sagt Wermke.

Alles passiert jetzt in Berlin zum ersten Mal, und Klaus Biesenbach, der Oskar Melzer in seinen "Kunstwerken" in der Auguststraße Wohnraum gab, ist mittlerweile Kurator des Museum of Modern Art in New York.

Berlin, das Trainingsgelände für Karrieren und Niederlagen: In Wermkes Galerie "Neu" stehen die noch verpackten Kunstwerke für eine Vernissage, die in den nächsten Tagen eröffnet wird. Eines ist bereits ausgepackt. Es ist eine Vogelfalle. Zwei türkische Weichkäse-Behälter mit dem Aufdruck der Sultan-Ahmed-Moschee, aufeinandergestellt und oben drauf eine Konservenbüchse, deren Deckel nach unten schwingt.

Das Leben ist voller solcher Fallen, das wusste schon Döblins Franz Biberkopf, doch das hat Berlin wohl anderen Städten voraus: hier hat man Routine im Umgang mit Fallen. Und noch während Thilo Wermke an diesem Nachmittag die neue Vernissage vorbereitet, wird das alte Kunstberlin, wird ein Stück Döblin-Berlin zu Grabe getragen.

Die Kunstmetropole verliert einen Sohn

Kein Rumms-Rumms mehr, die Sinfonie der unmöglichen Hauptstadt ist verklungen. Hier draußen, auf dem Dahlemer Friedhof, nur Tropfen in Märkischen Tannen, Regenrauschen, ein aufgeschüttetes Grab, dahinter die kleine Andachtskapelle.

Heinz Berggruen, der Kunstsammler, ist gestorben, im Alter von 93 Jahren, und drinnen, vor geladenen Gästen, spricht Berlins Bürgermeister Wowereit davon, dass er es "immer noch nicht fassen könne", und nach ihm, Pathos-sicherer und kenntnisreicher, der Berliner Kunstfreund Peter Raue.

Draußen im Rollstuhl, unter einer Regenpelerine, lauscht eine alte Dame, die früher an der Oper gearbeitet hat. Drinnen erinnern kluge Köpfe an ihre Begegnungen mit Berggruen. Draußen, die Dame, hat ihn nie getroffen. Sie sagt: "Schön, dass er nach Hause gekommen ist."

Als Berggruen mit seinen Klees, und Matisses und Picassos zurückkehrte in die Stadt, die ihn in den dreißiger Jahren vertrieben hatte, wollte er "einen geistigen und kulturellen Beitrag zum moralischen Wiederaufbau meines alten Landes beitragen". Vor sieben Jahren verkaufte er die Sammlung an die Stadt, und er wohnte über ihr im Stüler-Bau gegenüber des Charlottenburger Schlosses, und manchmal trat er unter die Besucher und erklärte.

Berggruen, der Versöhner.

Die Trauerfeier klingt aus mit herzzerreißenden Violinenschluchzen eines Streichquartetts von Alban Berg, und dann folgen dem schlichten Sarg die engsten Angehörigen und gleich dahinter die Spitzen des Staates, des neuen Berlin, Bundespräsident Köhler und Bundeskanzlerin Merkel, Außenminister Steinmeier, Kulturstaatsminister Neumann und dessen Vorgänger Michael Naumann. Sie verneigen sich vor dem offenen Grab. Sie verneigen sich vor einem großen Berliner Nomaden, vor seinem Leben, seiner Kunst. Kann es eine schönere, wundervollere Geste der neuen Hauptstadt geben?

Berggruen liebte es, Geschichten über die Künstler zu erzählen, deren Ateliers er besuchte, über Matisse etwa, der ihm eine blaue Zeichenmappe schenkte, in denen der Sammler die frisch erworbenen Werke sicher durch den Pariser Regen bringen konnte. Heute hängt das Bild "Die blaue Zeichenmappe" direkt hinter dem Eingang seines Museums, und über Kopfhörer ist Berggruens ruhige Stimme weiter zu hören.

Es sind solche Stimmen des alten Berlin, die das neue zum Glänzen bringen. Berlin, den Echoraum. Berlin, diese Lehrstunde an Vergeblichkeit.