Berlin-Biennale: Schlaf, wenn du tot bist - DER SPIEGEL
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Berlin-Biennale Schlaf, wenn du tot bist

Slapstick, Verfall, Strände auf Sansibar - Tag und Nacht zeigen 50 Künstler ihre Arbeiten auf der 5. Berlin-Biennale mit dem Titel "Mes nuits sont plus belles que vos jours". Wer dem Motto gemäß diese 63 Tage und 63 Nächte so schön macht, verrät Daniel Völzke in seiner Auswahl für "Monopol".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nairy Baghramian & Janette Laverrière im Schinkel-Pavillion

Mit ihnen geht es los: Seit mehr als zwei Wochen vor der offiziellen Eröffnung der Biennale präsentieren die Berliner Künstlerin Nairy Baghramian und die Schweizer Designerin Janette Laverrière eine erste Ausstellung im Schinkel-Pavillon hinter dem Kronprinzenpalais Unter den Linden. Baghramian ist auf die Arbeiten der 98 Jahre alten Schweizerin zufällig gestoßen, in einer Bibliothek. Janette Laverrière will neu entdeckt werden: Seit 1936 stellt sie Spiegelobjekte her, reflektierende Halbkugeln, die in Rahmen hängen, Spiegel hinter aufklappbaren Türen, Spiegel wie Schreine, Spiegel mit Tücken.

Die Arbeiten zwischen Design, Kunst und Interieur haben einen geringen Gebrauchswert und eine hohe Verweisdichte auf literarische Texte. Baghramian hingegen zitiert mit ihren Installationen häufig die Tradition der Moderne und die Minimal Art. Gemeinsam bauen die beiden Frauen nun unter dem Ausstellungstitel "La lampe dans l'horloge" einen Raum im Raum, an dessen Außenwänden Laverrières Spiegel hängen und in dessen Innerem ein Regal mit einer kleinen Bibliothek steht. Ein Ort für Reflexionen, in der doppelten Bedeutung des Wortes. "Janette Laverrière könnte viele von uns jüngeren Künstlern in die Tasche stecken, so klar und wach ist sie", sagt Nairy Baghramian.

Die Ausstellungen im Pavillon wechseln während der Biennale, das Prinzip bleibt bei allen fünf Shows das gleiche: Jüngere Künstler stellen ihre Idole vor.

Youtube-Vorwegnehmer Michel Auder

Michel Auder in den Kunst-Werken

Michel Auder hielt sich immer dort auf, wo was los war, und hatte stets seine Kamera dabei: Nach dem Pariser Aufbruch von 1968 und der Zusammenarbeit mit den radikalen Filmemachern des Kollektivs Zanzibar landete er in Andy Warhols Factory, heiratet erst die Schauspielerin Viva Superstar, später Cindy Sherman. Obwohl von Berühmtheiten umgeben, blieb dem Experimentalfilmer der Erfolg versagt. Heute wirkt Auders unhierarchische Behandlung des Filmmaterials wie eine Vorwegnahme der YouTube-Zeigekultur. Seine intimen Aufnahmen bieten Einblick in das Bohemeleben der sechziger, siebziger Jahre. Kürzlich lief auf der Berlinale der halbbiografische Film "The Feature", für den der Franzose zusammen mit Regisseur Andrew Neel 5000 Stunden Footage durchwühlte. Auf der "bb5" zeigt Auder zwei weniger monumentale Filme.

Kunst mit Ikea-Möbeln von Gabriel Kuri

Gabriel Kuri in der Neuen Nationalgalerie

Was, wenn Gebrauchsgegenstände über ihre Funktion hinaus noch Möglichkeiten bergen, auf die keiner kommt? Der Mexikaner Gabriel Kuri baut Skulpturen aus Ikea-Papierkörben, arrangiert Essensreste auf noch standardverpackten Tischen und bastelt parolenlose Transparente aus Rettungsfolien. Jetzt greift der in Brüssel lebende Künstler in die Infrastruktur der Neuen Nationalgalerie ein: Er baut eine Skulptur als Ablagefläche für Mäntel und Taschen der Besucher. Sie bestimmen so Material und Form des kollektiven Kunstwerks.

Slapstick und Kontrolle von Ahmet Ögüt

Ahmet Ögüt in den Kunst-Werken

Ein Mann verwandelt parkende Autos mit Hilfe von Aufklebern in Polizeiwagen und Taxis, ein Mann lässt sich die Haare schneiden, ein Mann wartet auf den Bus. Wenn dieser Mann Ahmed Ögüt ist, kann das lustig werden. Der 1981 geborene Türke hat ein feines Gespür für Slapstick der alten Schule. Doch nicht allein Komik ist ihm wichtig, die Performances und Interventionen des in Amsterdam lebenden Künstlers kreisen um staatliche Kontrolle und Unterdrückung. Die Kunst-Werke beehrt Ögüt am 6. April mit der Haarschneideperformance "Another Perfect Day".

Apokalypse Now von Cyprien Gaillard

Cyprien Gaillard im Skulpturenpark und der Neuen Nationalgalerie

Rauch ohne Feuer, Verfall ohne Ende, das sind Cyprien Gaillards Spezialitäten. In seinen Filmen, Land-Art-Aktionen und Fotografien führt er uns eine Ahnung von apokalyptischen Szenarien vor: Nebel, der in herrschaftlichen Gärten aus den Bäumen steigt, Wohnsilos, eingefügt in altmeisterliche Stiche, Abbruchhäuser in den Vorstädten. Für die Berlin-Biennale besuchte der 1980 geborene Franzose einen Berg in North Dakota, der seit fünfzig Jahren von einer Bildhauerfamilie in ein Monument für den Häuptling Crazy Horse verwandelt wird. Sollte das Denkmal einmal fertig werden, wird es die größte Skulptur der Welt sein. Gaillards Film "Crazy Horse", der am 5. April im Skulpturenpark läuft, wird vom französischen Musiker Koudlam begleitet. Auch tagsüber ist Gaillard präsent: Auf die Terrasse der Neuen Nationalgalerie stellt er eine öffentliche Skulptur aus einem Pariser Wohnbauprojekt, die einmal ein architektonisches Ideal zum Ausdruck bringen sollte, nun aber eher wie ein Symbol für das Scheitern des sozialen Wohnungsbaus wirkt.

Hoffen und Scheitern mit Paulina Olowska

Paulina Olowska in der Neuen Nationalgalerie und dem Schinkel-Pavillon

Die Polin Paulina Olowska interessiert sich für die Utopien der Moderne: Ihre Bilder, Videos, Installationen und Performances reflektieren häufig die Hoffnungen und das Scheitern sozialistischer und modernistischer Ideen. Nun stellt sie in der Neuen Nationalgalerie Arbeiten aus, die sich auf die Landsmännin und Kollegin Zofia Stryje"nska beziehen. Die vergessene folkloristische Malerin lebte in der

ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Ihre von Optimismus geprägten Bilder werden ab dem 12. Juni im Schinkel-Pavillon zu sehen sein. Paulina Olowska kuratiert diese kleine Werkschau, die den Ausstellungszyklus an diesem Ort und auch die Biennale beendet.

Wie stehen die Aktien? fragt Maria Eichhorn

Maria Eichhorn in den Kunst-Werken

Maria Eichhorn hat einmal die Wand des Berliner Martin-Gropius-Baus freigelegt, und das Freilegen von Verborgenem ist seither ihre Spezialität. Bekannt wurde die Konzeptkünstlerin, die sich besonders für ökonomische Zusammenhänge interessiert, mit ihrer Arbeit "Aktiengesellschaft": Die Berlinerin präsentierte auf der Documenta 11 Zeugnisse eines von ihr gegründeten Unternehmens, das keinen Gewinn machen durfte. Zur Berlin-Biennale wird Eichhorn den Kurator Seth Siegelaub vorstellen, der 1971 ein Vertragsformular für Künstler ausarbeitete, das "Artist’s Reserved Rights Transfer and Sale Agreement". Es regelt Ausstellungs-, Reproduktions- und Folgerechte. Welche Erfahrungen Künstler und Galeristen mit diesem Papier gemacht haben, soll am 13. Mai besprochen werden.

Oh, wie schön ist Sansibar! - von Superflex

Superflex in den Kunst-Werken

Sansibar soll ja ganz schön sein: Buchten, Strände, Palmen, weit weg von Berlin und der zeitgenössischen Kunst. Und doch: Für zwei glückliche Gewinner findet die Verlängerung der Berlin-Biennale auf dieser Insel vor Afrika statt. Die dänische Künstlergruppe Superflex veranstaltet ein Gewinnspiel, und der erste und einzige Preis ist eine Reise nach Sansibar (Teilnahmebedingungen auf der Webseite der "bb5"). Bjørnstjerne Christiansen, Jakob Fenger und Rasmus Nielsen nennen ihre Projekte "tools" – Werkzeuge, die sie für jedermann zum Gebrauch bereitstellen. Sie entwickeln Ideen für alternative Ökonomien, fair gehandeltes Bier und tragbare Biogasanlagen. Tools für eine bessere Welt. Die Verlosung beendet am 15. Juni das Abendprogramm.

Mauer-Pop von Wilhelm Sasnal

Wilhelm Sasnal im Skulpturenpark

Wilhelm Sasnal bringt poppige Motive mit unterkühlter und flächiger Malweise auf die Leinwand – wie auf unserem Cover zu bewundern. Nun präsentiert der Pole auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Ost und West eine Arbeit über das Schicksal einer geteilten Stadt: über Warschau. An einer Wand formt Sasnal aus einer Lunte das Wort "WARSAW". Er setzt die Schrift in Brand – und sie fällt auseinander zu einem unheilverheißenden "WAR_SAW". Ob dieses Wortspiel wirklich zündet, wird der Besucher am 10. Mai im Skulpturenpark erleben.


Berlin-Biennale , 5. April bis 15. Juni 2008. Kataloge: JRP Ringier Verlag, 32 Euro, Kurzführer mit Tag- und Nachtprogramm 5 Euro

© Juno Kunstverlag, 2008

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