Berliner Ensemble Mehr schlecht als Brecht
Berlin - Das Theater ist dunkel. Eine Prominentenmasse hat sich vor seinen Pforten versammelt: Das Berliner Ensembe, Denkmal des großen BB. Da stehen sie, Richard von Weizsäcker und Christa Wolf, Helmuth Karasek und Otto Sander, um den Beginn einer neuen Ära zu erleben. Ein Trompeter im Clownskostüm erscheint auf dem Dach und bläst eine Fanfare. Die Schauspielerin Maria Happel betritt einen kleinen Balkon und spricht einen "Prolog auf dem Theater", den Thomas Brasch verfasst hat. Auf ihre Gesten hin gehen drinnen die Lichter an, eine Fahne wird gehisst, dann spricht die historisch gewandete Gestalt die Worte: "O Wunder meiner neuen Geister Hände, sie stoßen sich und euch weit meine Türen auf." Claus Peymann, der neue Hausherr, springt herbei, zerfetzt eine rotweiße Baustellenabgrenzung und bittet sein Publikum in den Tempel, daselbst es fortan mit den Musen schmusen soll.
Ach wie schön kann Pathos sein! Der Beginn passt zu Peymann, diesem auch jenseits der sechzig kindlich verspieltverträumtverzaubernden Theaterwunderknaben, auf den sich in Berlin alle außer Frank Castorf freuen. Die Bühne selbst hat Peymann George Tabori überlassen, dem greisen Weisen, Kalauerkönig und Leidenslächler. Auch in seinem neuen Stück "Die Brecht-Akte" sollen Horror und Heiterkeit wieder nahe beieinanderliegen.
Zwei schwule FBI-Agenten müssen alles über den vor den Nazis geflohenen Dichter herausfinden, der unamerikanischer Umtriebe und kommunistischer Kontakte verdächtigt wird. Rufus Beck und Veit Schubert machen aus Beischlaf und Bespitzelung absurde Slapstick-Nummern im Stile von Stummfilmkomikern. Tiefe erhalten ihre Charaktere nicht. Tabori hat sich formal an Brechts episches Theater gehalten. Kurze Szenen, wenig Bühnenaufwand. Doch Taboris berühmter wunderbar wunderlicher Witz bleibt matt, und Innenspannung entsteht zwischen den bewusst klischeehaft konstruierten Figuren auch nicht.
Peter Fitz wirkt in der Doppelrolle als Brecht und FBI-Chef seltsam blass, das gesamte Ensemble spielt ohne jedes Feuer. Nur Ursula Höpfner - Taboris Ehefrau - ragt heraus. Sie spielt Mrs. Applebaum, die Gattin eines mit Brecht befreundeten Professors. Die beiden Agenten treiben ihn mit ihren Ermittlungsmethoden in den Selbstmord. Als Höpfner die Leiche entdeckt, gibt es eine lange Pause, dann stößt sie ein Entsetzenslachen aus, wieder Stille, dann kurze Schreie, die einem in den Knochen hängen bleiben. Schließlich schüttet sie Benzin auf die Bühne und zündet es an. Die Flammen erscheinen stilisiert, als Projektion. Großes Schauspiel - einige Minuten lang.
Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild spielt ironisch mit bekannten Versatzstücken wie den berühmten Brecht-Gardinen, die diesmal nicht nur auf und zu gehen, sondern von der Bühne springen und wieder hinauf. Die Schauspieler sitzen auf grotesk großen Stühlen, so dass sie wie Kinder aussehen und auch entsprechende Schwierigkeiten mit den für sie überdimensionierten Möbeln haben. Im berühmten Verhör vor McCarthys Untersuchungsausschuss ist Brecht von Masken aus Hollywoodfilmen umgeben. Frankensteins Monster ist der Ankläger, Graf Dracula der Dolmetscher, Peter Lorre leitet die Verhandlung, Greta Garbo, Charles Laughton, und Charles Chaplin lungern auch noch herum. Doch der Text ist weitgehend dokumentarisch, und der szenische Einfall erschöpft sich schnell. Der Applaus ist fast noch lethargischer als die Aufführung.
Erst als Tabori die Bühne betritt, schwillt der Beifall an, die Legende wird dafür bejubelt, dass sie noch lebt. Doch plötzlich weht Magie durchs Haus, allein aufgrund von Taboris Persönlichkeit, der unsicher auf den Beinen, zart, zerbrechlich, unendlich grazil wirkt. Wie er mit Mühe Rosen auseinander frickelt, um sie ins Publikum zu werfen, hat eine ganz eigene Schönheit. So ist der Autor und Regisseur an diesem Abend selbst sein bestes Werk, ein humanes ready made. Als er von der Bühne geht, wollen trotzdem alle ganz schnell raus.