Berliner Ensemble: Peymann maßlos zotig - DER SPIEGEL
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Berliner Ensemble Peymann maßlos zotig

Zuhälter, Nutten, Korruption und Machtmissbrauch - als zotigen Seitenhieb aufs heutige Wien hat Claus Peymann im Berliner Ensemble eine Neuinszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" auf die Bühne gebracht.
Von Harriet Dreier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Wien treibt dem moralischen Verfall entgegen. Der regierende Herzog - lange zu nachsichtig - will nun mit Sittenstrenge walten, um die verlotterte Stadt vor dem Chaos zu bewahren. Er inthronisiert einen Stellvertreter, den verklemmten und blutarmen Angelo, der für ihn mit Härte regiert und ein altes Gesetz, das Lasterhaftigkeit unerbittlich bestraft, reaktiviert. In der Stadt tummeln sich ungestört Nutten, Zuhälter und Ganoven, doch ausgerechnet ein harmloses Liebespaar wird erstes Opfer der neuen Ordnung, die sich bald selbst als verkommen entlarvt.

Das ist in Shakespeares Komödie "Maß für Maß" der Ausgangspunkt für eine Handlung, in deren Verlauf und Verwicklung menschliche Laster und Tugenden auf ihre Spitze getrieben werden. Für den Intendanten des Berliner Ensembles, Claus Peymann, ein gefundenes Fressen. Nicht nur, dass die Geschichte über die kriminellen Machenschaften der Herrschenden tatsächlich in Wien spielt - nein, sie bietet durch die meisterhafte handfeste Neuübersetzung von Thomas Brasch reichlich Platz für Zoten.

Der 56-jährige Schriftsteller und Drehbuchautor Brasch, der während Peymanns Ära am Wiener Burgtheater mit den Shakespeare-Übersetzungen begann, hat den Blankvers in der romantischen Übersetzung von Schlegel und Tieck entstaubt und indigniert ein bürgerliches Publikum mit flapsiger und deftiger Sprache, an der der elisabethanische Dichter seine Freude gehabt hätte. Der Ton der Protagonisten - von der anschaffenden Drag Queen bis zum proletigen Zuhälter im Goldblouson - ist rauh: da ist vom "Hang-over" die Rede, vom Abkratzen und der "Nutte in der Kutte". So klingt das ausgemacht historische Drama in Peymanns Inszenierung ausgesprochen lebensnah.

Und wenn schon lebensnah, dann richtig, mag sich der Theatermann gedacht und das Stück über Machtmissbrauch im Wien des Jahres 1600 auf die aktuellen politischen Verhältnisse in Österreich umgemünzt haben. Doch nicht nur Österreich bekommt mit respektlosem Klamauk und leichter Hand eins übergebraten, auch über der deutschen Regierung wird der Kübel ausgegossen - an der Grenze des guten Geschmacks. Plötzlich geht das Licht im Saal an, und Peymann lässt den Zuhälter Pompejus (Veit Schubert) sagen: "Ich glaube ich bin zu Hause bei uns im Puff, die gleichen Kunden, die dort liegen, sitzen hier!" "Der Parteivorsitzende Angelo Ferkel", "General Schlappding" und "Nida-Rammelgrün" sind die fremd-vertrauten Namen, die der schmierige Geselle sodann im Publikum zu entdecken meint.

Es sieht so aus, als könne der alte Shakespeare Peymann nochmals Aufmerksamkeit verschaffen. Erst verhalf "Richard II." dem BE-Chef, um den es zuletzt auf der Theaterbühne stiller geworden war, zu einer Einladung zum derzeit laufenden 38. Berliner Theatertreffen. Jetzt legt der Intendant mit "Maß für Maß" nach und setzt mit einer Starbesetzung noch eins drauf. Hans-Michael Rehberg ("Der Totmacher", "Der Campus") spielt den Herzog von Wien, der sein Zepter dem jungen Angelo übergibt, um sich aus der Affaire zu ziehen und um dessen Moral zu prüfen.

Die Rolle des Statthalters darf Michael Maertens übernehmen, der Peymann schon als Richard II. Glück brachte. Die linkisch-enthusiatische Novizin Isabella, der Angelo an die Wäsche will, gibt als Gast von der Wiener Burg Sylvie Rohrer. Und um das Aufgebot komplett zu machen ist als tückischer Drahtzieher Lucio Ulrich Matthes ("Winterschläfer") zu sehen.

Beeindruckend ist das Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann. Auf einer die ganze Bühne ausfüllenden, steilen Treppe treffen sich die Figuren. Wehen ein paar alte Zeitungen die Stufen hinunter, verwandelt sich das Bühnenbild in einen U-Bahnschacht, in freundlichem Licht in eine Freitreppe und im Handumdrehen wird die hochgeklappte Stiege zur Gefängnismauer.

Nach fünf Akten geht zum glücklichen Ende das ganze korrupte System hoch, die roten Fahnen werden geschwenkt, und die Helden sitzen vor Rührung weinend auf besagter Treppe. Für so viel amüsanten Klamauk und Einfallsreichtum gab's beim Publikum viel Applaus. Von der düsteren und zynischen Seite der schwarzen Komödie, wie fragwürdig bis zum Schluss die Werte bleiben, davon erzählt die Inszenierung - bei aller Liebe zur Heiterkeit - zu wenig.

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