Berliner Ensemble: Peymann will Ex-RAF-Terrorist Klar als Praktikant - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Berliner Ensemble Peymann will Ex-RAF-Terrorist Klar als Praktikant

Der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, bietet dem wegen neunfachen Mordes verurteilten früheren Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), Christian Klar, ein Praktikum an - laut Pressestelle des Theaters auch ein Akt "christlicher Nächstenliebe".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie die Berliner Tageszeitung "B.Z." heute berichtet, will Peymann dem 1982 festgenommenen Klar "zur Resozialisierung" ein Praktikum als Bühnentechniker ermöglichen. Betriebsrat und Direktorium seien zu der Überzeugung gelangt, dass sich Klar "auf einem guten Weg befindet".

Laut Peymann hätten Mitglieder des Betriebsrates Klar in der Haftanstalt Bruchsal in Baden-Württemberg besucht, in der der frühere Terrorist seit 23 Jahren einsitzt. Dort hätten sie "einen guten Eindruck" von dem 52-Jährigen erhalten. Von der Lösung praktischer Fragen sei man aber noch weit entfernt, zitiert die "B.Z." den Intendanten.

Das Justizministerium in Baden-Württemberg bestätigte der Zeitung, dass für Klar ein Angebot des Berliner Ensembles vorliegt. Klar habe auch einen Antrag auf Haftverlegung nach Berlin gestellt. Über diesen sei jedoch noch nicht entschieden. Erst nach der Verlegung könne dem Praktikum zugestimmt werden. "Das wäre dann Sache der Berliner Behörden", sagte der Beamte dem Blatt. Das Praktikum wäre danach 18 Monate vor der errechneten Haft-Entlassung möglich.

Klar muss nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart mindestens 26 Jahre Haft verbüßen. Diese Frist endet 2008. Klar galt als einer der RAF-Köpfe. Er war unter anderem an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977, von Bankier Jürgen Ponto drei Monate später und von Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer im September 1977 beteiligt.

Die Pressestelle des Berliner Ensembles bestätigte heute Morgen gegenüber SPIEGEL ONLINE das Praktikumsangebot an Christian Klar. Über die Berichterstattung der "B.Z" zeigte man sich erstaunt: "Die 'B.Z' stellt das jetzt so hin, als wäre das Angebot was Besonderes. Herr Klar ist ein Mensch - das hört sich bei der 'B.Z' nicht so an."

Auf die Frage, wie die Idee zustande kam, Klar ans Ensemble zu holen, sagte eine Pressesprecherin gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Herr Klar sitzt seit 23 Jahren im Gefängnis und er soll, wie alle anderen Häftlinge mit ähnlichen Vergehen, nach seiner Haft eine Chance bekommen. Da gibt es Betreuer, die sich darum kümmern wie bei allen anderen Häftlingen auch - da spielt auch christliche Nächstenliebe eine Rolle."

Ob das Berliner Ensemble auf Klar zugegangen ist oder der Ex-Terrorist auf das Ensemble, war aus der Pressestelle nicht zu erfahren.

Unterdessen zeichnet sich ab, dass der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar zunächst nicht nach Berlin verlegt wird. Wie das Justizministerium in Stuttgart vor kurzem mitteilte, ist nach der Vollzugspraxis des Landes Baden-Württemberg vor dem Jahr 2007 eine Entscheidung über einen etwaigen Freigang von Klar nicht angezeigt. "Vor dem Jahr 2007 machen wir deshalb gar nichts. Somit erübrigt sich auch eine Verlegung des Gefangenen in den offenen Vollzug nach Berlin", sagte ein Justizsprecher.

Klars Einstellung zu den Verbrechen der RAF ist bis heute nicht eindeutig. In einem Fernsehinterview mit Günter Gaus im Jahr 2001 gab sich der Ex-Terrorist gleichmütig und verstockt. Schuldbewusstsein oder Reue seien "im politischen Raum keine Begriffe", erklärte Klar damals dem TV-Journalisten Gaus. "Ich überlass' der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere ihre Gefühle, aber ich mach's mir nicht zu eigen."