Berliner Galerien: Das Ende der Arroganz - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Berliner Galerien Das Ende der Arroganz

Die Zeiten, in denen der Kunstmarkt hyperventilierte und Spitzenpreise auch in der Künstlerstadt Berlin an der Tagesordnung waren, sind vorbei. Ein Rundgang zeigt: Es ist ruhiger geworden in den Galerien der Hauptstadt - aber das ist kein Grund zur Panik.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie sieht es in Zeiten der Krise wohl in den Galerien der Kunst-Hauptstadt Berlin aus? Ist die Finanzkrise in der Stadt mit der größten Galeriendichte zu spüren, in der vor rund 15 Jahren die ersten Kunstverkaufspioniere ihre Schauräume klein und bescheiden in Ladengeschäften, Wohnungen, Hausfluren, Hinterhöfen und in heruntergekommenen Gebäuden eröffneten, eine Messe anschoben und nach und nach internationale Sammler nach Berlin holten?

Aus den meisten sind heute Big Player geworden, gewachsen mit der Popularität der zeitgenössischen Kunst und dem weltweiten Kunstboom der vergangenen Jahre. Sie sind umgezogen, in die neue Mitte, in professionelle White Cubes, in glamouröse Architektenvillen, in hohe Hallen und renovierte Galerie-Zentren. Sie haben den Messe-Wahnsinn, den Super-Kunststar-Rummel, die Sammlerhysterie und die Preispolitik des Marktes mitgemacht. Und allen ging es glänzend.

Noch in den vergangenen Monaten wuchs die Berliner Szene um etablierte Galerien aus Köln, Düsseldorf, Karlsruhe und München. Einige kamen ganz, andere machten eine Dependance auf - meist eindrucksvoll, riesengroß - und teuer.

Und jetzt: die Krise. Spürbar, aber noch kann vom totalen Zusammenbruch des Kunstmarktes, von Totentanz und Apokalypse keine Rede sein.

Die Vermarktung der zeitgenössischen Kunst als Ware sei vorbei, aber man begrüße das Ende der Überhitzung des Marktes, heißt es allgemein in den großen, erfolgreichen Galerien. Man sei froh über den Rückzug der Spekulanten, die ein gerade gekauftes Werk oft gleich beim Auktionshaus zum Weiterverkauf ablieferten und damit jede gesunde Preispolitik kaputt gemacht hatten.

Über die Glaubwürdigkeit solcher Versicherungen darf spekuliert werden, denn haben nicht alle, Künstler, Galeristen, Sammler und Auktionshäuser, das Spiel gekannt und mitgemacht? Haben sie nicht akzeptiert, dass die Kunst wie jedes andere Luxusgut marktgerecht auf Messen und Auktionen angeboten wurde und haben sich Galeristen nicht stolz mit Verkäufen kurz nach oder manchmal schon vor der Eröffnung gebrüstet?

Ja, der Markt sei außer Rand und Band gewesen, aber der Kunst selbst habe das nicht schaden können, so der allgemeine Konsens.

Und nun sei man froh, dass das Entertainment zu Ende ist, dass die Kunst-Shopper verschwunden sind. Man hoffe auf die Wiederbesinnung auf eine Ethik, auf sammelnde Idealisten und auf eine endlich wieder mögliche inhaltliche Beschäftigung mit der Kunst.

Hört sich gut an, aber im Moment scheint die "Rückbesinnung auf die Werte" eher ein Härtetest für viele Galerien zu sein.

Für Friedrich Loock zum Beispiel, der gerade seine Stammgalerie "Wohnmaschine" in der Tucholskystraße geschlossen hat und nur noch einen Raum in der "Halle am Wasser" betreibt. Erst im Mai 2008 wurde die Halle als neuer Standort für sechs Galerien eröffnet, direkt hinter dem Museum "Hamburger Bahnhof". Loock hat zusammen mit einem Kollegen das Konzept für die Eigentümer entwickelt und alle Räume wurden sofort vermietet. Jetzt hat gerade die erste Galerie geschlossen: Bodhi Art aus Indien hat zugemacht, nicht nur die Dependance in Berlin, sondern auch alle anderen in New York, Singapur und Delhi. Man ziehe sich nach Mumbai zurück. Probleme mit der Weitervermietung gibt es nicht, genügend Bewerber sind da, trotz der Krise.

Probleme scheint es auch in der Galerie Arndt und Partner zu geben, sie hat einige Leute entlassen, und wird künftig nur noch in der Halle am Wasser ausstellen, nicht mehr in den Räumen in der Zimmerstraße. Auch die Büros in New York und Zürich werden umstrukturiert - das sei einfach ein anderes Konzept und habe mit der Krise nichts zu tun, so die offizielle Begründung.

Loock selbst ist da nicht so diplomatisch. "Ich halte gerade die Luft an und denke nach, wie man sich an die Situation anpassen kann", sagt er. Aber sein Horrorszenario, dass zum Beispiel drei Monate nichts verkauft wird, sei nicht eingetreten.

Auch seine Kollegin Giti Norbakhsch spricht offen über die Probleme. "Bis Ende Juli habe ich fette Umsätze gemacht, ab September war Stille". Aus dem finanziellen Einbrauch hat sie Konsequenzen gezogen: die Öffnungszeiten eingeschränkt, Mitarbeiter in Teilzeit geschickt, bis jetzt hat sie sich nur für die Teilnahme an der Messe Basel entschieden und große Essen oder Kataloge gibt es bei ihr momentan nicht.

"Das Warten auf Godot macht einen mürbe", sagt sie, allerdings gäbe es auch Positives. Museen melden sich mit Kaufinteresse, und auch Sammler, von denen man länger nichts gehört hat. Auf jeden Fall will sie weitermachen. Und ihr zehnjähriges Bestehen wird demnächst richtig gefeiert.

Bei Thomas Schulte, der als erster Galerist nach der Wende im April 1991 eine Galerie in Berlin eröffnete, ging es im November und Dezember drunter und drüber. "Aber im Januar und Februar liefen die Geschäfte normal und verglichen mit der Situation vor drei und vier Jahren bin ich zufrieden", sagt Schulte. Er hat niemanden entlassen, aber schaut jetzt mehr auf die Kosten. "Für uns", sagt er und meint die gut verdienenden, arrivierten Galerien, "ist die Krise eher gut, aber die jungen Galerien werden es stark spüren."

Eine davon ist Sandra Bürgel, die im September 2006 ihre Galerie eröffnet hat. Sie hat große Umsatzeinbußen, weil "die Sammler abwarten" und grundsätzlich die Preise runterhandeln. Außer der Art Cologne kann sie sich keine Messe leisten, die "Liste" in Basel wird sie absagen müssen, obwohl sie zugelassen ist. Ihr Ansehen als Galeristin sei gewachsen, bei den Verkäufen spüre man das allerdings nicht. Ihre Hauptsorge sei, die nächsten drei Monate zu überstehen. Schwierig, wenn man keine Rücklagen hat. Deswegen arbeitet sie jetzt härter: mehr Akquise, massivere Kommunikation.

Ohne das kommen momentan nur noch die ganz neuen, ganz jungen und noch als Geheimtipps gehandelten Galerien aus. Cruise & Callas zum Beispiel. Im September haben Kirstin Strunz und Simone Lüling in Kreuzberg eröffnet, auf 220 Quadratmetern in einer ehemalige Autowerkstatt. Ihre fünf bisherigen Ausstellungen waren sofort ein Treffpunkt für junge Künstler, knallvoll, gute Stimmung, gute Atmosphäre.

Wenn Freunde beim Renovieren helfen

Freunde haben bei der Renovierung geholfen, Freunde legen nach den Eröffnungen auf, Besucher fühlen sich nicht als Statisten wie in den glamourösen Galerien, weil es hier nicht um Preise und Verkaufen geht, sondern um die Kunst. Inzwischen war sogar Mario Testino da und verkauft wurde auch schon was.

Die beiden Galeristinnen kommen über die Runden, Strunz arbeitet noch nebenher, die Miete ist gering und jeder Künstler macht eine Edition zu seiner Schau - ein Stuhl von Dominik Steiner für 200 Euro, ein Kissen von Ralf Dereich, ein Bildschirmschoner oder einfach ein T-Shirt. Die Finanzkrise sehen die beiden Galeristinnen als Chance für sich, "es gibt weniger Bewerbungen für die Messen, daher könnten wir ausgewählt werden."

Und die Neu-Berliner? Meyer Riegger aus Karlsruhe, seit kurzem mit Dependance in der Friedrichstraße, hat "derzeit keine Probleme". "Aber es ist tendenziell ruhiger geworden, man spürt eine Unsicherheit bei den Sammlern." Auf jeden Fall geht die Galerie zur Messe Basel, die Frieze in London und die Art Basel in Miami habe man abgesagt, nicht wegen der Krise, sondern weil man etwas Neues wie Paris ausprobieren wolle.

Die Krise ist da im Kunstbetrieb, aber sichtbar ist sie noch nicht in allen Berliner Galerien. In den gigantischen neuen Räumen von Sprüth Magers wurde gerade die dritte Ausstellung mit der großartigen Cindy Sherman eröffnet - eine museumswürdige Schau. Und wie immer gab es schon vor der Tür Gedränge, die Szene war lückenlos erschienen, vom neuen Museumschef über den "Star"-Künstler Andreas Gursky bis zum Adabei.

Aber es wird auch besorgt über Entlassungen gesprochen, nicht nur bei der großen Galerie Contemporary Fine Arts, und davon, dass deren Mitarbeiter nun im Privathaus der Galeristen im Keller arbeiten, weil jede Galeriefläche zur Präsentation gebraucht wird.

In vielen anderen Ausstellungen ist es ruhiger geworden, keine nonstop klingelnden Telefone, keine geschäftigen Galeristen, die Sammler herumführen. Besucher treffen auf freundlich bemühte Galeristen und Assistenten, die auch Fragen nach Werken im unteren Preissegment von bis zu 10.000 Euro nicht mit einem schmallippigen "dafür gibt es nichts" abwürgen. Die Zeit der Arroganz ist vorbei.