Berliner Galerien Erotisch, schamlos, direkt
Am 1. Mai hatte die Berliner Kunstszene Entscheidungsstress: Wohin, wenn 38 Galerien gleichzeitig neue Ausstellungen eröffnen, weil sie sich zu einem "Gallery Weekend" zusammengetan haben, wenn sich obendrein gefühlte hundert weitere Galerien an die Aktion dranhängen? Schwer zu sagen. Jetzt aber sind die Sammler abgereist, jetzt sind die Dinner, Parties und Get-togethers vorbei, nur die Kunst ist noch zu sehen. Ohne Rummel.
Verpassen darf man auf keinen Fall die Ausstellungen bei Isabella Bortolozzi und Moeller Fine Art Berlin. Zwei junge Galeristinnen zeigen zwei Ausstellungen von zwei alten Künstlern, die man zwar kennt, so wie hier aber noch nie gesehen hat: Bortolozzi zeigt Carol Rama, 1918 geborene italienische Künstlerin, die in Turin lebt. Moeller stellt Lyonel Feininger (1871-1957) aus - als Karikaturist.
Isabella Bortolozzi, Italienerin und studierte Germanistin, hat ihre Galerie seit Dezember vergangenen Jahres in einer Hochparterre-Wohnung am Schöneberger Ufer 61, vis à vis der Neuen Nationalgalerie. Draußen ein Schild: Hier hat Hans Albers gewohnt. Drinnen, in den großbürgerlichen, holzvertäfelten Räumen 25 Ölgemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, Collagen und Materialbilder von Carol Rama - radikal, erotisch, pornografisch, schamlos, direkt.
"Ich male aus Instinkt und ich male aus Leidenschaft und aus Zorn und Gewaltsamkeit und Trauer...", hat Rama 1996 gesagt. Da war die Freundin von Man Ray, Pier Paolo Pasolini, Andy Warhol und Edoardo Sanguineti 78 Jahre alt.
Gleich im ersten Raum zeigt Bortolozzi drei frühe Arbeiten. Es sind Raritäten, denn die erste Ausstellung Ramas 1945 in ihrer Heimatstadt Turin wurde von der Polizei noch vor der Eröffnung geschlossen - alle Arbeiten sind bis heute verschwunden. "Dorina" von 1940 war nicht dabei, aber genauso müssen die frühen Bilder Ramas ausgesehen haben, die der Anlass für die Schließung waren. Schockierend direkt verbindet Rama den weiblichen Körper mit erotischen Symbolen und Tieren zu sexuellen Szenarien.
Auch in jüngster Zeit, zum Beispiel 2003, zeichnet die Italienerin auf Turiner Stadt- und Architekturpläne Frauenkörper, rote, spitz züngelnde Zungen und Fabelwesen. Nicht immer hat sie figürlich gearbeitet. In den fünfziger Jahren malte sie abstrakte Kompositionen mit fahnenähnlichen Rauten und Rhomben, zehn Jahre später entstanden informelle Bilder, und 1970 collagierte sie ihre Leinwände mit bearbeiteten Materialien wie Gummi, Fahrradschläuchen und Fundstücken.
Bei Bortolozzi sind Bilder und Skulpturen aus allen Werkphasen zu sehen; die Galeristin soll Luftsprünge gemacht haben, als sie erfuhr, dass Rama der Ausstellung bei ihr zugestimmt hat. Da kann sich der Besucher nur anschließen.
Ein paar hundert Meter weiter, Tempelhofer Ufer 11, führt Stephanie Moeller seit zwei Wochen eine Dependance der New Yorker Galerie Moeller Fine Art. West-Berliner kennen die Remise des denkmalgeschützen Belle Epoque Palais Eger, weil der Berliner Sammler Männe Stober dort vor 20 Jahren seine Sammlung öffentlich zeigte.
Die Galerie Moeller Fine Art ist allerdings feiner untergebracht: Im Vorderhaus, Hochparterre, dort, wo vor hundert Jahren der Prinz von Anhalt wohnte, mit üppigen dunklen Eichenholzvertäfelungen, geschnitzten Kassettendecken, Stuck und Intarsien-Parkett, dort stehen nun Objekte von Hubertus Gojowczyk auf Sockeln und ein großes Feininger Ölbild lehnt auf einer Staffelei.
Zu sehen sind Comic-Zeichnungen, die der Maler und Bauhaus-Meister Lyonel Feininger 1906 und 1907 für die "Chicago Tribune" gezeichnet hat und die in Vergessenheit geraten sind, weil die Kunstkritik die Bildgeschichten als trivial empfand und nicht weiter erwähnte. Dabei hat sich Feininger seiner "Witzblattzeichnungen" nie geschämt, die er schon erfolgreich seit 1894 für Berliner Zeitschriften wie "Ulk" oder "Lustige Blätter" gezeichnet hatte.
Für die Leser der Wochenendausgabe von "Chicago Tribune" waren die Comics allerdings noch künstlerischer, malerischer, moderner; die Geschichten der beiden Serien "The Kin-der-Kids" und "Wee Willie Winkie's World" erfand Feininger völlig frei. Aus beiden hat Moeller Fine Arts nun rund 30 Blätter aufgehängt. Zu den originalen großformatigen Zeitungsseiten aus der "Chicago Sunday Tribune" werden vorbereitende Naturstudien und Figuren-Entwürfe ausgestellt.
Auf einem Blatt, der "Kin-der-Kids portrait gallery", zeichnet Feininger seine Akteure: Den lesenden Daniel Webster, den Vielfraß Pie-Mouth, Strenous Teddy, die Sportskanone mit Hanteln und Gewichten, die zusammen vor einer Tante flüchten und deshalb in einer blauen Badewanne um die Welt segeln.
Auf einem anderen Blatt stellt Feininger sich selbst dar, mit seinen Geschöpfen an Fäden in der Hand, wie ein Puppenspieler. 1907 gab Feininger beide Serien auf, die Gründe sind unklar. Fest steht, dass er im selben Jahr sein erstes Bild malte.
Außer den Comics zeigt Moeller 68 kleine Holzfiguren und Häuser, die Feininger 1925 bis 1955 gebastelt und bemalt hat und die seinem Sohn Andreas gehörten.
Auch wer Bilder bevorzugt, kommt auf seine Kosten: Zu sehen und auch zu kaufen sind zwei Bilder von Feininger, ferner einige Gemälde von Zeitgenossen Feiningers wie Marcel Duchamp, Robert Delaunay, Paul Klee, Pablo Picasso und Vassily Kandinsky.
Ausstellungen Carol Rama, bis 20.6., Schöneberger Ufer 61, in der Galerie Isabella Bortolozzi
You Uncle Feininger: Comics, Fairy Tales and Toys, bis 20.6. Tempelhofer Ufer 11, in der Galerie Moeller Fine Arts