Berliner Hype-Gallery Druck! Mich! Aus!
Berlin - In der "Hype Gallery" ist jeder ein Künstler, der ein digitalisiertes Bild mitbringt: Elektrobeats wabern durch den Berliner Szene-Club "Café Moskau", ein Mitarbeiter mit einer rotweißen Schirmmütze und tief sitzender Jeans streift sich weiße Handschuhe über und tackert das Bild der Kunstlehrerin Celia Mehnert an eine Wand. Die ehemalige Studentin der Berliner Universität der Künste hatte ihr Ölgemälde vorher mit einer Digitalkamera abfotografiert und die Datei in die Galerie gebracht. Dort wurde sie im Format DIN A0 ausgedruckt.
"Hype Gallery": Coolness und Retrochic
Foto: Hype GalleryNun hängt Mehnerts melancholisches Bild eines Kindes im Bad über der pixeligen Grafik einer leicht bekleideten Dame mit Maschinengewehr, die ihr Freund unter seinem Pseudonym "Jonny Bravo" einreichte. Nach und nach füllt sich die Galerie. Ein Konzept gibt es nicht, die Bilder werden in der Reihenfolge ihrer Ankunft aufgehängt. Auf kleinen Zetteln daneben können die Künstler ihre E-Mail-Adresse angeben - falls jemand die Arbeit kaufen möchte.
Indem sie bisher unbekannten Künstlern ein öffentliches Forum bietet, überführt die "Hype Gallery" das Konzept von Internetseiten wie YouTube, MyVideo oder MySpace in die reale Welt. Diese Portale bieten eine Plattform für Videos, Bilder, Musik oder Texte und waren ein Karrieresprungbrett für junge Künstler. Auf diesen Portalen entscheiden keine Plattenbosse über die Stars von morgen, sondern die Nutzer der Seiten.
Auch die Sprecherin der "Hype Gallery", Henriette Spyra, betont den demokratischen Charakter der Ausstellung: Es gibt keinen Kurator, der eine Auswahl trifft, sondern allein der Betrachter entscheidet, was ihm gefällt. Allerdings werden anstößige, beleidigende, pornografisch und politisch kontroverse Bilder abgelehnt. Und da ist noch was: Die Titel der Werke müssen die scheinbar harmlosen Buchstaben H und P enthalten und zwar in exakt dieser Reihenfolge. Wie es der Zufall will, sind das die Initialen des Auftraggebers, der US-amerikanischen Technologiefirma Hewlett-Packard, auch HP genannt. Das erfährt man allerdings erst im Impressum des Internetauftritts der Galerie.
Die Fotografin Mascha Andexer findet die Titelvorgabe "okay". Ihre Foto- und Textarbeit "Holy Berlin" hat sie schnell in "Holy Perlin" umgewandelt und freut sich über den hoch aufgelösten Druck. Celia Mehnert hingegen ist skeptisch: Es wäre ihr lieber, wenn sich HP nicht in ihren Titel drängen würde, und so nennt sie den Ausdruck ihres Ölgemäldes "Without Caption" (Ohne Titel). Besonders geschickt umschifft der Künstler Alexander Tibelius die Klippe HP, indem er als Titel das komplette Alphabet angibt.
Obwohl HP hinter "Hype" steckt und das Event mit seiner aufwendigen Werbekampagne finanziert, "soll der Firmenname nicht in den Vordergrund gespielt werden" erläutert Spyra. Doch über den Titel dringt die Marke sowohl in die Kunstwerke als auch in die Köpfe der Betrachter, weil jeder im Namen des Bildes nach den beiden Buchstaben sucht. Der Plan: Das Unterbewusstsein soll die Marke mit der Coolness junger Kreativer und dem Retrochic des In-Clubs Café Moskau verknüpfen. Spyra weist die Kritik an einer Vermengung von Kunst und Kommerz als "deutsche Reaktion" zurück. Sie verweist auf die weltweite Vorgeschichte von "Hype", in der es diese Bedenken anscheinend noch nicht gab: Die erste Galerie eröffnete 2003 in London, daraufhin folgten Paris, Moskau, Singapur, Mailand und Amsterdam.
Im ehemaligen Gastro-Flaggschiff der DDR
Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung ist eine Parade aus sechs Druckern der Firma, so groß wie Kindersärge, gleich daneben eine Reihe riesiger "iMac"-Bildschirme. Doch damit ist das "Product Placement" in der Ausstellung noch nicht erschöpft: In Workshops wie "Die Lust, der Druck und das mehr " spricht zum Beispiel ein Apple-Mitarbeiter "über die Motivation, Bilder über Apple Aperture auf HP Druckern auszugeben". Bemerkenswert, wie die "Hype Gallery" Produkten bewirbt, die Kreative bevorzugen.
Hewlett-Packard sei aufgefallen, dass die Marke in der Foto- und Kunstszene wenig bekannt sei, sagt die Firmen-Sprecherin Barbara Wollny. "Wie bringen wir Technik und Kunstwelt zusammen?", habe sich HP also gefragt. Die Antwort war "Hype".
Die Materialschlacht im Zentrum der Galerie verhält sich allerdings konträr zur Präsentation der Bilder: Die Werke werden auf weiß getünchte Pressspanplatten getackert, die zu sternenförmigen Inseln arrangiert und mit grellen Neonröhren ausgeleuchtet sind eine Ästhetik, die einem eilig zusammen gezimmerten Messestand gleicht. Das hat den Effekt, dass sich die Besucher schnell in die schummrige Bar im hinteren Teil zurückziehen und auf der Ausstellungsfläche vorwiegend ungeduldige Künstler auf die Ausdrucke ihrer Werke warten.
Vor den Türen des Café Moskau, ehemals das Gastro-Flaggschiff der DDR, wird der Besucher von einem etwa vier Meter hohen Einkaufswagen begrüßt. Darin stecken die Buchstaben h und p, ein blasses y und e haben gerade noch Platz. Damit in marketing-strategischer Hinsicht nichts schief geht, hat HP auch gleich einen Verkaufsberater aus Böblingen in die Galerie geschickt. Er verteilt Broschüren und Visitenkarten und ist ansonsten "für die Technik zuständig".
Die Kunst tritt in den Hintergrund
Viele, die in die Galerie kommen, um ihr Bild auszudrucken, sehen das Projekt pragmatisch. Die junge Fotografin Andexer freut sich über jede PR, die ihr hilft, sich einen Namen zu machen. Auch die Klausel im Ausstellungsvertrag, dass ihr Bild während der Hype-Gallery-Kampagne "uneingeschränkt" für werbliche Zwecke genutzt werden kann, stört sie nicht: "Wenn da was für mich raus springt, wäre das natürlich gut."
Ähnlich abgeklärt sieht der Grafiker und Street-Art-Künstler Jonny Bravo die "Werbeveranstaltung": Er wolle einfach mal sein Bild "in der Größe ausgedruckt sehen". Weil es so praktisch ist, nutzt er die öffentliche Plattform auch, um das Logo seines Projekts "Pixel Terrorclan" am unteren Rand des Bildes zu präsentieren, eine Internetseite für den "medialen Kampf gegen die Bedrohung durch Aliens".
Immerhin kann jeder sein Bild nach Ablauf der Ausstellung mit nach Hause nehmen. Die meisten Besucher sind auch aus genau diesem Grund hier: "Toll, eigentlich kann man sich hier ja einfach coole Bilder für die Wohnung ausdrucken lassen!" sagt eine Besucherin. Nur wenige kommen, um sich die Ausstellung anzusehen. Mit Kunst hat das hier wenig zu tun, denn die tritt in dem aufgepimpten Copyshop ohnehin in den Hintergrund.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. November, danach wandern die Bilder in die Online-Galerie "virtual hype".