Berliner Stadtschloss: Angst vor dem Teuer-Gemäuer - DER SPIEGEL
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Berliner Stadtschloss Angst vor dem Teuer-Gemäuer

Marode Finanzierung, unrealistischer Zeitplan, desinteressierte Architekten: Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses droht zum Debakel zu werden. Am Ende muss der Steuerzahler wegen mieser Planung womöglich viele Millionen nachschießen.
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Matthias Körner arbeitet in seinem von feinem Gipsstaub überzogenen Atelier an dem Modell eines monumentalen Portals. Elf Meter ist es lang, fünf hoch. Nach einem unscharfen Foto aus dem Jahre 1855 muss der Berliner Bildhauer zwei Engelsfiguren aus Ton modellieren. Wenn er mit seiner Arbeit zufrieden ist, können Gipsformen der Genien gegossen werden, die einst das Triumphportal des Berliner Schlosses zierten. Erst wenn auch diese gelungen sind, werden die Nachbildungen der barocken Figuren aus Sandstein gehauen.

In Körners Atelier in Berlin-Wedding finden sich auch die Kopien einer gut drei Meter hohen Borussia-Skulptur und anderer Fassadenteile des Schlosses, das die Kommunisten der SED 1950 sprengen ließen. Bereits seit fünf Jahren widmet sich der Bildhauer einer herkulischen Aufgabe: die steinerne Hülle des letzten deutschen Domizils von Kaiser Wilhelm II. wiederzuerschaffen. Mit der Nachbildung beauftragt hat ihn der Förderverein Berliner Schloss. "Für die präzise und einfühlsame Rekonstruktion brauchen wir Zeit", sagt Körner. "Es ist die Aufgabe einer Generation."

Hochfliegende Pläne

So viel Zeit hat Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) nicht. Wenn es nach ihm geht, soll eines "der bedeutendsten kulturellen Bauvorhaben Deutschlands", der Wiederaufbau des Schlosses als Humboldt-Forum, schon in fünf Jahren abgeschlossen sein. Der Bundestag hat Ende vergangenen Jahres mit großer Mehrheit seinen Willen bekräftigt, am "Mittelpunkt der deutschen Hauptstadt" etwas bauen zu lassen, das "beispielhaft und zukunftsweisend" sei, ein Zentrum der Wissenschaft und Kultur "von nationaler und internationaler Bedeutung".

Angesichts derart hochfliegender Pläne ist die banale Frage nach ihren Kosten in den Hintergrund gerückt. Bundestagsabgeordnete und Bauexperten halten jedoch sowohl die Zeitplanung für das Projekt als auch den Kostenansatz für die Rekonstruktion der Fassade für unrealistisch.

Tiefensee veranschlagt die Baukosten für das Schloss (das ein Museum, eine Bibliothek und Veranstaltungsräume beherbergen soll) auf 480 Millionen Euro. Hinzu kommen noch 72 Millionen für die Erstausstattung. Der Bund soll 440 Millionen, das Land Berlin 32 Millionen und der Förderverein Berliner Schloss 80 Millionen übernehmen. Doch Haushaltsausschussmitglieder trauen dieser Rechnung nicht: "Ich glaube kaum, dass das eingehalten werden kann", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Anna Lührmann.

Das Misstrauen ist begründet. Seit der Schlossbauinitiator Wilhelm von Boddien und sein Förderverein 1993 eine Attrappe des Hohenzollerndomizils auf den Schlossplatz stellen ließen, kursierten schon zahlreiche, stets höhere Prognosen. Eine detailgetreue komplette Rekonstruktion wurde verworfen, weil Experten die Kosten dafür auf mehr als zehn Milliarden Euro taxierten. In der Folge bewegten sich die Schätzungen des Bauministeriums zwischen 670 Millionen und 1,5 Milliarden Euro. Entsprechend groß war die Überraschung, als Tiefensee die abgespeckte, angeblich nur 480 Millionen teure Variante präsentierte.

Kostenrisiko "Schwarze Wanne"

Wie die Kosten bei öffentlichen Bauvorhaben explodieren können, zeigt der Palast der Republik, dessen Reste noch auf dem Schlossplatz ruhen. Seine Asbestsanierung kostete den Steuerzahler 80 Millionen statt der geplanten 40 Millionen Euro. Der Abriss wurde Anfang 2006 für 6,4 Millionen vergeben. Inzwischen kommt er auf mindestens 20 Millionen und wird sich um zwei Jahre verzögern.

Für den Schlossneubau liegt ein beträchtliches Kostenrisiko unter dem Bauplatz begraben und heißt "Schwarze Wanne". Der Grundwasserschutz des Palastes der Republik, der beim Schlossbau durchbrochen werden muss, könnte undicht werden. Nach Schätzungen des Bauingenieurs und Palastkenners Holmer Tscheschlok käme die dann nötige vollständige Beseitigung der Wanne auf rund 20 Millionen Euro.

Auch Berliner Senatoren zweifeln an der Kostenplanung

Nicht nur Bauexperten zweifeln die Kostenplanung für das Schloss an. Auch Mitgliedern von Klaus Wowereits Berliner Senat erscheint sie dubios. Wenn schon die Sanierung der Berliner Staatsbibliothek 476 Millionen Euro kostet, fragen sie, wie kann für fast die gleiche Summe das Hohenzollerndomizil zu haben sein, inklusive einer Rekonstruktion der barocken Fassade?

Diese Fassade, die ausschließlich mittels Spenden vom Förderverein finanziert werden soll, birgt das größte Kostenrisiko. Boddien hat sie mit 80 Millionen Euro veranschlagt, auch Tiefensee behauptet, man könne sie für diesen Preis bauen. Doch die Schätzung stammt aus dem Jahr 1993. Nur die allgemeine Teuerung eingerechnet, lägen die Kosten bereits bei über 105 Millionen Euro.

Von einem Gesamtbedarf an Spenden in Höhe von 140 Millionen geht der Architekturprofessor Philipp Oswalt aus. Er hatte sich für eine Zwischennutzung des Palastes der Republik engagiert und ist seitdem zum Kritiker von Boddiens Verein und der Schlossbaupläne avanciert.

Vorwurf der Selbstbedienung

Einerlei ob 80 oder 140 Millionen, wie der Förderverein solche Summen aufbringen soll, ist rätselhaft. Bislang konnten die Schlossfreunde erst 8,1 Millionen Euro an Spenden einwerben, von denen noch 2,3 Millionen zur Verfügung stehen. Der Großteil wurde wieder ausgegeben, wobei maßgebliche Männer des Vereins idealistisches Kulturengagement mit materialistischem Eigennutz zu verbinden wussten.

Boddien wurde, nachdem er seinen Landmaschinenhandel im Januar 2004, laut eigenem Bekunden, "planmäßig in die Insolvenz gefahren" hatte, vom Vereinsvorstand als Geschäftsführer bestellt, für ein Jahresgehalt von 89.000 Euro. Der Berliner Architekt Rupert Stuhlemmer, Gründungsmitglied des Vereins, wurde mit der Planung der Fassadenrekonstruktion beauftragt; Auftragsvolumen mehr als vier Millionen Euro. Boddien hält Stuhlemmer für "den Besten", den "Vorwurf" der Selbstbedienung für "gegenstandslos".

Wie die Fassade mit dem modernen Gebäude verbunden werden kann, soll mittels eines internationalen Architekturwettbewerbs herausgefunden werden. Im vergangenen Monat endete dessen erste Stufe, die Bewerbungsphase. Tiefensee hatte eine vierstellige Zahl an Architekturbüros erwartet, doch es bekundeten lediglich 158 ihr Interesse; ein kläglicher Auftakt, da auch die internationalen Architekturstars fehlen.

Zeitplan "komplett irreal"

Die engen Vorgaben des Bundestages, drei historische Fassaden und die Schlosskuppel nachzubauen, schreckten offenbar viele Architekten ab. Die Perspektive, es in der Jury mit meinungsstarken, aber architekturfernen Politikern wie dem Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse oder dem eigensinnigen Boddien zu tun zu bekommen, wirkte auch nicht verlockend. Boddien will für eine exakte Rekonstruktion der Fassade sorgen, doch noch ist nicht geklärt, wer dabei das Sagen haben soll. Während er die Hoheit über die Fassade reklamiert, beharrt Tiefensee darauf: "Der Bauherr ist der Bund." Man werde sich "in den nächsten Jahren" einigen.

Dafür wird wohl in jedem Fall genügend Zeit bleiben. Laut Tiefensee soll der Wettbewerb Ende dieses Jahres entschieden und der Bau 2013 – bereits gut vier Jahre später – eingeweiht werden. Doch das hält Architekturprofessor Oswalt für "komplett irreal" und verweist auf den Bau des Berliner Kanzleramts. Bei dem vergingen vom Ende des Wettbewerbs bis zum Einzug Gerhard Schröders sechseinhalb Jahre.

Selbst das wäre noch rasant im Vergleich zur Erstellung des Vorbilds für das Humboldt-Forum. Mit dem Bau des barocken Berliner Schlosses hatte Friedrich I. im Jahre 1699 begonnen. Vollendet wurde es erst in einer Sparversion unter seinem Sohn Friedrich Wilhelm I. von Preußen, dem "Soldatenkönig" – 17 Jahre später.

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