Berliner Stadtschloss: Beton statt Barock - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Berliner Trugschloss: Wiederaufbau des Hohenzollernsitzes

Foto: Z5327 Soeren Stache/ dpa

Berliner Stadtschloss Beton statt Barock

Der Bau des Berliner Stadtschlosses droht im Desaster zu enden. Schuld ist eine katastrophale Finanzplanung, es fehlen zig Millionen Euro. Die Mauern werden trotzdem errichtet - im schlimmsten Fall ohne Fassade. Das Ergebnis wäre ein hässlicher Betonklotz, mitten in der Hauptstadt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Modell zeigt die Berliner Stadtmitte um das Jahr 1900. Stolz präsentiert es die ehrenamtliche Mitarbeiterin im Infocenter Wiederaufbau Berliner Schloss. Im Zentrum der nostalgischen Puppenstube steht ein viergeschossiges Gebäude mit einer barocken Kuppel: das Stadtschloss der Hohenzollern, das 1950 von der DDR-Regierung gesprengt wurde und nun wieder aufgebaut werden soll.

Über die "Schönheit des Schlosses" spricht die weißhaarige Dame enthusiastisch, von den Kosten der Wiedergeburt weniger gerne. Denn die Rechnung geht nicht auf. "Ich hatte keine Ahnung, dass für die Kuppel 15 Millionen Euro dazukommen werden", sagt sie. Für Portale und Treppenhäuser seien auch noch 25 Millionen zusätzlich fällig: "Ich weiß nicht, ob wir so viele Spenden zusammenbekommen."

Die Stimmung bei den Schlossfreunden ist angespannt, das Prestigeprojekt, das 2002 von knapp zwei Dritteln der Bundestagsabgeordneten beschlossen wurde, steht auf der Kippe. Was als Vision begann, wird zum Trugschloss. Die schöne Idee, Berlin ein weiteres Wahrzeichen zu schenken, könnte scheitern. Dabei wäre das nur folgerichtig. Denn am Anfang stand ein Wille, aber kein Weg: Man wollte das Schloss als Symbol, wusste aber nicht, wofür. Man wollte eine Schlossästhetik, aber keine originalgetreue Rekonstruktion. Und man wollte einen Staatsbau, aber ohne den vollen Preis aus dem öffentlichen Haushalt zu begleichen.

Es fließen viel zu wenige Spenden

So rechnete die Regierung schon 2007 einen entscheidenden Posten aus den Kosten heraus: Die Barockfassade sollte als "Bürgerprojekt" durch private Spender finanziert werden. Der Haushaltsausschuss des Bundestags bewilligte 480 Millionen Euro Baukosten. Die darin enthaltenen Mehrkosten von 80 Millionen für die Fassade sollten ein privater Förderverein und eine staatliche Stiftung akquirieren. Doch innerhalb von sechs Jahren konnte Wilhelm von Boddien, der Geschäftsführer des Vereins, nur gute zwölf Millionen Euro sammeln, von denen der Großteil schon wieder ausgegeben ist. Jedenfalls hat der Verein der Stiftung erst eine Million gutgeschrieben.

Der CSU-Politiker Peter Ramsauer ist mittlerweile der neunte Bundesbauminister, der sich mit der verkorksten Schlossvision herumschlagen muss. Er demontierte sie prompt: Zuerst stellte der Bayer die Kuppel in Frage. Dann hatte er angesichts leerer Kassen die Eingebung, auch auf die Fassade zu verzichten; man könne sie ja später Stück für Stück am Betonkorpus der Rekonstruktion applizieren. Damit würde die Fertigstellung, ursprünglich für 2014 geplant, jetzt für 2017, noch weiter in die Ferne rücken.

Je länger es dauert, desto augenfälliger werden die Geburtsfehler des Konzepts, was wiederum wachsende Gleichgültigkeit - und sinkende Spendenbereitschaft - erzeugt.

"Wir denken nicht an Berlin, sondern an die USA"

Bereits 1991 schlug der West-Berliner Stadtphilosoph Wolf Jobst Siedler den Wiederaufbau vor, doch sofort gingen Befürworter und Widersacher aufeinander los. Die Kritiker fürchteten die Wiederkehr eines Preußenkults oder ein architektonisches Disneyland; Siedler urteilte hingegen apodiktisch:"Das Schloss lag nicht in Berlin - Berlin war das Schloss."

Die meisten Ost-Berliner betrachteten den für den Schlossaufbau nötigen Abriss des Palasts der Republik als Wessi-Imperialismus. Jahrelang wusste niemand, was das neue Schloss beherbergen sollte. Luxusläden, ein Kongresszentrum, ein Hotel?

Erst als das Konzept des Humboldt-Forums mit Völkerkundemuseum und einer Bibliothek geboren war, bewilligte der Bundestag den Wiederaufbau - inklusive Kuppel und drei barocken Fassaden. Den Architektenwettbewerb gewann der Italiener Franco Stella mit einem sogleich umstrittenen, brav-monotonen Entwurf. Stella, unterstützt von zwei großen deutschen Architekturbüros, versichert ungebrochenen Mutes: "Wir wollen die Kuppel in ihrer historischen Form wieder aufbauen."

"Wir werden Großspender finden, die sich verewigen wollen, vor allem große Firmen", hofft Rainer Bomba, Staatssekretär im Bauministerium und Vorsitzender des Stiftungsrats. Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Dirk Fischer aus dem Stiftungsrat gibt sich optimistisch: "Wir denken nicht an den Spendenplatz Berlin, sondern an Deutschland, Europa und die USA."

Wenn die Spenden nicht fließen, wird der Geist des Schlosses sich verflüchtigen. Mit dem Bau geht es trotzdem weiter. Beschluss ist Beschluss. Nur könnte das Berliner Schloss am Ende, der Abgeordnete Fischer spricht das Wort mit Schaudern aus, tatsächlich ein "Betonrohling" sein. Man könnte auch sagen: eine hingeklotzte, ganz neue Ruine.

Mehr lesen über