Berliner Stadtschloss-Debatte "Eine 1:1-Replik ist hinfällig"
Bis auf den eingerüsteten, asbestverseuchten DDR-Palast der Republik herrscht heute auf dem Schlossplatz gähnende Leere, wo 500 Jahre lang brandenburgische Markgrafen und Kurfürsten, preußische Könige und deutsche Kaiser ihre Macht prachtvoll entfalteten. Über die Schließung dieser Lücke - durch einen Wiederaufbau des 1950 von der DDR gesprengten Stadtschlosses, durch die Erhaltung des Palastes der Republik oder einen Neubau - wird in Berlin seit über zehn Jahren gestritten.
Um die völlig neurotische Debatte um den Schlossplatz voranzutreiben, hatte die Expertenkommission "Historische Mitte" eine erste öffentliche Anhörung im Roten Rathaus anberaumt. Den ganzen Mittwoch lang durften 14 Interessengruppen im 30-Minuten-Takt ihre Bebauungsideen vor einer beeindruckenden Phalanx von 17 Fachleuten präsentieren. Das Gremium aus Architekten, Historikern und anderen Fachleuten, unter anderem Peter Conradi, Präsident der Bundesarchitektenkammer, Stararchitekt Josef Paul Kleihues, Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, soll zum Jahresende möglichst konkret vorschlagen, was für ein Bau entstehen soll.
Die Grenzen der Orientierung
Bei diesem ermüdenden Marathon verkündete der Vorsitzende der Internationalen Expertenkommission, was ohnehin jedem hinlänglich bekannt ist, nämlich dass "eine 1:1-Replik hinfällig" ist, so Hannes Swoboda am Rande der Endlossitzung. Die Schlossbefürworter müssten sich überlegen, wo die Grenzen der Orientierung am alten Schloss seien und wie weit im Inneren davon abgegangen werden müsse. Ein Bau auf dem zentralen Platz brauche eine bestimmte Flexibilität, die Räume müssten auch technischen Anforderungen genügen. Dadurch sei die Möglichkeit einer detailgetreuen Wiedererrichtung begrenzt.
Die Variante "Adlon"
Angesichts der leeren Kulturkassen war eine riesige Millionensumme für das Stadtschloss ohnehin nie drin. Zudem hatten Fachleute erklärt, die Renaissancebauteile des Hohenzollernschlosses wären nicht originalgetreu zu rekonstruieren. Zudem gibt es auf dem Markt für derart kostspielige Pläne keine Chance - die Lösung muss funktional und einträglich sein. Machbar wäre bestenfalls die Variante "Adlon": eine schmucke Fassade, die wie das alte Stadtschloss wirkt und von Touristen auch dafür gehalten wird, und dahinter ein handelsüblicher Stahlskelettbau.
100 Millionen für ein SED-Stahlskelett
Nun ringen 14 Interessengruppen um den zentralen Platz und um Fördergelder, die noch gar nicht bereitstehen. Auf einsamen Posten kämpfen die Bürgerinitiative "Pro Palast" und der Sprecherrat der Ex-Mitarbeiter des Palastes der Republik für eine Weiternutzung des DDR-Relikts. Doch die SED hat beim Bau ihres Kleinods Asbest so großzügig verwandt, dass die dritte Republik mit gutem Gewissen den Giftmüll des real existierenden Sozialismus demontieren darf, da nutzen auch die zahlreich vergossenen Tränen der Berliner PDS vor dem Palast nichts mehr. Statt der veranschlagten 75 Millionen Mark muss man zwar 100 Millionen Mark für die Sanierung ausgeben, dafür bleibt aber auch nur noch ein SED-Stahlskelett übrig. "Ich persönlich finde wenig überzeugende Argumente für die Erhaltung der Architektur", kommentierte Swoboda. Der Kommissionsvorsitzende stellte den Ostalgikern bestenfalls in Aussicht, "Gebäudeteile, Einrichtungen oder die Idee eines Volkskulturhauses" zu erhalten. So denken viele, hoffen auf den baldigen Abriss und Platz für Neues.
Museum oder Bibliothek?
An neuen Vorschlägen mangelt es nicht, wie die Anhörung zeigte. Als chancenreich gilt das Konzept der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die außereuropäischen Sammlungen von Berlin-Dahlem auf den Platz auf der Museumsinsel zu verlegen. Dieser Vorschlag ließe sich kombinieren mit der von der Humboldt-Universität präsentierten Idee, die ihre Sammlungen zu einem wissenschaftlichen Museum machen will. Doch auch die Zentral- und Landesbibliothek hat Pläne mit dem Schlossplatz: Sie sähe gerne ihre in Ost und West verteilten Bestände an zentralem Orte vereinigt. Auch wenn sich die drei Konzepte klugerweise nicht auf eine Gestaltung festlegen: Wer jetzt auf einen Wettbewerb unter zeitgenössischen Architekten hofft, wird vermutlich enttäuscht. Wahrscheinlicher sind die Wünsche des Fördervereins Berliner Stadtschloss zu einem Neubau mit Schlossfassade und teils historischen Schlossräumen. Hier sollen die außereuropäischen Sammlungen, die Bibliothek sowie ein Veranstaltungs- und Konferenzzentrum speziell für repräsentative Zwecke des Staates unterkommen. Buhlen um Fördermittel des Bundes?
"Wir sind wieder wer!" - Aber wer?
Denn jemand muss Träger des Großprojekts sein und den laufenden Betrieb bezahlen. Mit einer rein öffentlichen Nutzung lassen sich Investoren kaum locken. Der Berliner Senat träumt vor leeren Kassen von einem Bau, der wie das Schloss aussieht und vom Bund in feudaler Großmut gespendet wird. Für diesen Traum vom "Schöner Wohnen" wirft man auch die jüngst gewonnene Distanz zum Preußentum über Bord. Überraschen kann diese "Wir sind wieder wer!"-Großmannssucht nicht: Der neue kolossale Kanzlerkubus gegenüber des wuchtigen Reichstags schickt sich an, das neue Symbol der dritten deutschen Republik sein. Da will eben auch Provinzregent Eberhard Diepgen den "Wiederaufbau des Stadtschlosses in seinen äußeren Formen und Fassaden", wie sein Senatssprecher Helmut Lölhöffel erklärte.
"Seien wir nicht feige!"
Mit dieser Meinung steht er keinesfalls allein da. Der bei der Anhörung im Rathaus als Moderator eingesetzte Kultursenator Christoph Stölzl möchte die "dramatische Geometrie der Innenstadt" zurück - am liebsten vom Bund finanziert. "Seien wir nicht feige!" hatte sogar schon Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zum Schloss ermuntert - auch er stellte im Roten Rathaus seine Dienste als Moderator zur Verfügung. Selbst der österreichische Kommissionsvorsitzende Swoboda verweist auf die Verantwortung des Bundes und behauptet, "kein Grundsatzproblem bei der Finanzierbarkeit" der Gestaltung der Mitte der deutschen Hauptstadt zu sehen.
Ein deutliches Problem sieht jedoch Julian Nida-Rümelin, der ebenfalls als Moderator herhalten musste. Der Kulturstaatsminister wollte nie eine Rekonstruktion des Schlosses und warnt seit langem davor, das Projekt zu einem Großvorhaben der Nation zu verklären. Will er die unliebsame Debatte auf die Stadt abwälzen oder nur den Bund von den Kosten freihalten? Die Antwort auf alle Fragen gibt das Expertengremium, in dem sowohl Berlin als auch der Bund vertreten sind, erst Ende des Jahres. Bleibt zu hoffen, dass das Modell "Langsam voran" dem Land bei der Konsenssuche vor allem mit dem Bund hilft - denn nur von dort winkt das finanzielle Heil.