Berliner Theater: Duell der monströsen Muttertiere - DER SPIEGEL
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Berliner Theater Duell der monströsen Muttertiere

Berliner Theater bringen passend zum Zeitgeist extreme Mutterfiguren auf die Bühne: Bettina Stucky glänzt pausbäckig in Christoph Marthalers "Geschichten aus dem Wiener Wald" und Nina Hoss trumpft groß und böse als Barbara Freys "Medea" auf. Gegensätzlichere Diven gab's selten.
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Das Land des schadhaften Lächelns, der ausgestülpten Wabbelbäuche und der gruselig-schönen Trinklieder liegt auf den Brettern der Berliner Volksbühne: Dreieinhalb Stunden lang bestaunt man in Christoph Marthalers jüngstem Theaterabend die Unterschicht, wie sie im Schatten von Schultheiss-Bierreklameschildern singt und lacht und greint; und in dieser schönen, exotischen, grausam gemütlichen Welt ist leider für Kinder kein Platz. Die junge Mutter Marianne, von Bettina Stucky sanft großäugig und gut genährt hingewuchtet, strauchelt erst in die Prostitution und dann ins Gefängnis hinein. Ihr Baby aber wird von einer bösen Großmama abgemurkst, denn, so heißt's im Stück: "Man ist und bleibt allein."

Das Land des strahlenden (wenngleich bitteren) Supermodel-Lachens findet sich in einer windschief stilisierten Kleinbürgerküche, die auf einem Podest ins Deutsche Theater hineingebaut wurde: Hier bleckt Nina Hoss als Kindsmörderin Medea in Barbara Freys Inszenierung ihre schönen weißen Zähne. Stolz reckt sie ihre langen blassen Glieder in einem langen schwarzen Galakleid; und nur einmal schreckt sie kurz zurück, bevor sie zum silbern glänzenden Küchenhackebeilchen greift: Ist es nicht doch zu grausam, die eigenen zwei Buben zu töten? Nein, schreit sie heraus: "Soll ich mich von meinen Feinden verhöhnen lassen?"

Es ist die Woche der monströsen Muttertiere in Berlins Theatern - und wer will die Aktualität sowohl von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" als auch von Euripides' "Medea" bezweifeln? In den Zeitungen liest man fast täglich von Säuglingsleichen in Kühltruhen, von eingesperrten, gemarterten, schlimm zugerichteten Kindern und bekommt nicht nur Väter, sondern auch Mütter als schlimme Täterinnen vorgeführt. Und immer rätselt die Welt, was diese Elternmenschen wohl so roh und grässlich werden ließ. Bei Horvath heißt die Antwort Egomanie, moralische Verkommenheit und Hunger, bei Euripides sind's Ehrverlust und Eifersucht auf einen abtrünnigen Gatten.

Kunstwerk aus Verachtungsblick und armruderndem Vernichtungszorn

Christoph Marthaler und seiner Dramaturgin Stefanie Carp geht es wie fast immer um eine präzise, aber auch betont großformatige Gemütsbeschreibung: Sie wollen mit einem Stück aus dem Jahr 1931 vom abgestürzten Mittelstand heutiger und früherer Zeiten erzählen. So haben sie eine wienerische Kinokasse samt anliegendem Zeitungskiosk von anno dunnemals auf einen Berliner Kneipen-Hinterhof der Gegenwart gepflanzt, und eine Oma bestellt beim Trafikanten Zauberkönig "World War III"-Figuren, darunter "einmal Kampf gegen das Böse mit Selbstmordattentätern".

Barbara Frey und ihrem Dramaturgen Roland Koberg dagegen geht's um scharfe, mikroskopische und ein bisschen pädagogische Gesellschaftsanalyse. Sie wollen in ihrer Version eines mehr als 2400 Jahre alten Dramas die Frau beim blutigen Ausbruch aus ihrem Käfig präsentieren. Deshalb ist ihre Medea eine zitternde, wütende, selbst in ihrer weißhäutigen Zerbrechlichkeit superwomanstarke Kämpferin, eine Virtuosin der exakten, oft an Bob-Wilson-Inszenierungen erinnernden Körperhaltungen und Wortbetonungen: Allein wie sie ihrem untreuen Gemahl "Verräter" entgegenzischt, ist schon ein Kunstwerk aus Verachtungsblick und armruderndem Vernichtungszorn. Um diese Frau herum aber gibt’s keine Gegenspieler, sondern nur Opfer und Statisten.

Bei Marthaler herrscht trotz der Länge des Abends ein kurzweiliges Gewusel der verkrümmten und speckigen Leiber, hochkomische und anrührende Darsteller wie die Stucky selber, Ueli Jaeggi (als ihr grobianischer Verlobter Oskar) und Stefan Kurt (als Stenz Alfred) trällern und summen, streiten grob oder paradieren beinah nackt zum Badestrand.

Plastikblume gegen schwarze Dahlie

Bei Barbara Frey stellt sich eine sehr gediegene Langeweile ein, während man eindreiviertel Stunden lang der jeder Bewunderung würdigen Schauspielkünstlerin Hoss bei der Arbeit zusieht: Diese "Medea" ist eine Aufführung, die für jede Schulklasse und alle Berlin-Touristen bestens geeignet ist – und bleibt doch seltsam kalt. So klug und differenziert und brav da gerackert wird im Deutschen Theater, man begreift die ganze schreckliche Sache dann doch nur mit dem Kopf (und bestaunt das tolle Theaterhandwerk), aber nicht mit dem Herzen.

Bei Marthaler dagegen sind der Spaß und die Herzenslust zu Haus, vermutlich wurde schon lang nicht mehr so viel gelacht in einem deutschen Theater wie an diesem Abend in der Volksbühne. Das heißt aber auch: Die Not, von der da angeblich berichtet wurde, geriet zu einem verzeihlichen, aber dreisten Schwindel.

Zwei tolle, aber nicht perfekt geglückte Aufführungen also, die beweisen, dass unser Gegenwartstheater derzeit ganz zu Unrecht von vielen Leuten emsig krank geredet wird. Und wer hat nun gewonnen im Berliner Diven-Duell? Sagen wir’s durch die Blume: Nina Hoss ist in einer Textfeier die hohepriesterliche, elegant schimmernde schwarze Dahlie. Bettina Stucky verkörpert dagegen eher eine bunte, üppige, lustigtraurige Schießbudenplastikblume. Ergibt: ein glattes Unentschieden.