Berliner Theatertreffen Plüschtiere und Comicblut
Mit seiner Inszenierung "Jeff Koons", die allerdings am Hamburger Schauspielhaus läuft, setzte der Basler Schauspieldirektor einen Höhepunkt. Bachmann bekannte sich auf einem der vielen Diskussionsforen am Rande des Theatertreffens dazu, dass er dem Publikum entgegenkommen wolle. Die Inszenierung ist dafür das beste Beispiel: Sie verwandelt einen ungenießbaren Text von Rainald Goetz, in dem sich höhere Klosprüche, Kalauer und Jugendslang assoziativ mit dem Namen des amerikanischen Kitschkünstlers verbinden, in ein knallbuntes Pop-Märchen.
In der schönsten Szene begegnen sich Plüschtiere, wie man sie aus Koons' Werk kennt, gleichzeitig als Ausstellungsobjekte und Gäste einer Vernissage. Später quillt braune Kunstscheiße und blaues Comicblut aus den Fellkostümen der Schauspieler. Die Vernissage wird zur bizarren Orgie, die den Ästhetikwahn der Pop-Art monströs vorführt.
Auch Lars-Ole Walburg, der als Chefdramaturg mit Bachmann nach Basel ging, bewies sein Talent als Regisseur. Ibsens "Volksfeind", der sich als politischer Aufklärer den Zorn seiner Mitbürger zuzieht, wird humorvoll und geschickt als Parabel auf den Widerstand der Schweizer gegen die Nazi-Aufarbeitung gedeutet. Die Moral ist am Ende dann doch wieder Honoratioren-verträglich, aber immerhin: In einer mentalen Kreuzung mit Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" und Max Frischs "Andorra" wird wiederum ein sonst ungenießbarer Theatertext vergnüglich und hochaktuell.
Als dritte Arbeit kam aus Basel das Tanz- und Opernprojekt "La guerra d'amore" von Joachim Schlömer hinzu. Ihr Clou sollte in der Kombination von modernem Tanz und Monteverdi liegen, aber man konnte getrost nur den hervorragenden Sängern und Musikern zuhören. Alles in allem hinterließ das junge Team aus Basel aber immerhin den Eindruck eines gut sortierten Stadttheater-Programms.
Im Vergleich wirkten experimentelle Ansätze wie der Shakespeare-Marathon "Schlachten!" von Tom Lanoye und Luk Perceval nicht besonders innovativ. Die Inszenierung spielt zwar den gesamten "Rosenkriege"-Zyklus mit verschiedenen Theaterformen durch, doch die Regie-Effekte überwiegen allzu sehr. Das Tanzprojekt "Nothing Hurts" von Anouk van Dijk und Falk Richter bildete einen Tiefpunkt intellektuellen Kunstgewerbes.
Dringend reformbedürftig ist der Stückemarkt, der ursprünglich wohl einmal jungen unbekannten Autoren ein Forum bieten sollte. Unter der Leitung von Klaus Völker waren wieder einmal nur Texte von sicheren Kandidaten wie Albert Ostermaier und Moritz Rinke zu hören. Rinkes neues Stück "Republik Vineta" wird im Herbst zu den Eröffnungspremieren des neuen Thalia-Theaters unter Ulrich Khuon gehören. Es ist eine elegante Farce, die von Ferne an Dürrenmatts "Physiker" erinnert.
Im Stück entpuppt sich eine Hand voll Experten, die auf einer Insel die utopische Republik Vineta errichten soll, als Häufchen armer Irrer. Vielleicht sind die Figuren ein wenig zu sehr verliebt in ihren Wortwitz und die Handlung tritt deswegen auf der Stelle, aber Rinkes feinsinniger Spott macht in jedem Fall Spaß.
Die großen Abwesenden des Festivals waren Peter Zadek und sein furioser "Hamlet". In einem Interview mit dem Tagesspiegel warf Zadek der neuen Leitung der Schaubühne vor, sie habe die Inszenierung nicht bei sich aufnehmen wollen. Da das Schiller-Theater ungeeignet wäre, habe er ganz abgesagt. Schade, denn Angela Winklers wilde Hauptrolle hätte etwas Unruhe in die allzu gepflegte Handwerksatmosphäre gebracht.