Berliner Volksbühne: Nenn mich Egozocker! - DER SPIEGEL
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Berliner Volksbühne Nenn mich Egozocker!

René Polleschs neue Produktion an der Berliner Volksbühne, "24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York", ist spannender als seine filmische Referenz - und das gänzlich ohne Handlung.
Von Johanna Straub
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In John Carpenters Actionklassiker "Escape from New York" ("Die Klapperschlange", 1981) hat der Held ein Zeitlimit von knapp 24 Stunden, um die Welt zu retten - und seine eigene Haut. New York ist ein Gefängnis ohne law und order und Snake Plissken ein erfahrener Mann. Seine Kriegserprobtheit sieht man ihm an der Augenklappe an. Wer ihn trifft, sagt "Ich dachte, du wärst tot" - was er im Grunde auch ist, denn er hat eine zeitgesteuerte Sprengladung in der Halsschlagader. Snakes "street credibility" basiert auf einer Eigenschaft, die er mit anderen großen Helden teilt: Er spricht nur, wenn es wirklich sein muss.

Nicht so die drei Actionheldinnen, die René Pollesch in sein Stück schickt. Christine Groß, Nina Kronjäger und Catrin Striebeck sprechen und schreien ohne Unterlass. An Wörtern mangelt es nicht, nur sind sie willkürlich, beliebig austauschbar und gelten darum nicht mehr. Sinn, scheinbarer Sinn und Unsinn stehen gleichberechtigt nebeneinander: "Die Scheiße hier ist in der Krise", sagen sie, und: "Ich ficke nicht so wie ich lebe. Wenn ich so leben würde, wie ich von dir gefickt werde, könnte ich nicht nachdenken".

Die drei weiblichen Plisskens denken nicht viel beim Reden. Jedenfalls machen sie keine Denkpausen. Es gibt keinen Plot - es gibt nur noch Text, dabei ist beliebig, wer welche Aussage trifft. Motive tauchen auf und kehren wieder wie endlose Loops. Der Text ist gewaltig und harmlos zugleich, er behauptet, beschimpft, beschuldigt und nimmt zurück - und unterhält durch aktuelle Bezüge und Grobheiten wie "So kannst du kein Segelflugzeug fliegen. Du wirst noch in einen dieser Türme krachen mit deiner Augenklappe".

Die Textpassagen werden unterbrochen von musikbegleiteten Actionszenen, in denen die Schauspielerinnen sich der Reihe nach vom Dach stürzen, Perücken fönen und - nun ja - das "System ficken". Die herrschenden Regeln und Gesetze haben hier ihre Gültigkeit verloren, so wie im Film, in dem New York eine abgeschlossene Dunkelzone ist, die von Kriminalität und dem Gesetz der Straße beherrscht wird. Auch in Polleschs Stück sind zentrale Themen die allgemeine Desorientierung ("Bin ich im Slum oder bin ich in meiner Diätklinik?") und die individuellen Überlebensstrategien in einer Welt, die post-alles ist, nur nicht postkapitalistisch: "Mich interessiert nur, wie du die Scheiße überlebst."

Das Bühnenbild von Bert Neumann macht den Theaterraum zur "Neustadt" mit begehbarem Friseursalon, Dönerbude, Partnervermittlungsagentur und Bordell "Romantic World". Die Bühne selbst wird in die Mitte verlagert und verdrängt so, ganz im Sinne des zentralen Motivs der rücksichtslosen Überlebensstrategien, Teile des Zuschauerraums. Nur 250 Zuschauer passen in den Saal. Sie müsse auf dem Boden sitzen.

New York, das Gefängnis und Neustadt zugleich ist, das New York, Berlin oder Gütersloh sein könnte, will den Kapitalismus um jeden Preis, daran wird kein Zweifel gelassen. Die Strategie des Überlebens ist Verkaufen - ob Nike-Imitate, Drogen oder Sex. Die Schauspielerinnen sind Handelnde im wörtlichen Sinn, Verkäuferinnen, Dealerinnen, Huren, Egozockerinnen ohne eigenen Text.

Auch Carpenters Snake Plissken wird nicht von Heldenmut, Gerechtigkeitssinn oder gar Nächstenliebe motiviert, ihn treibt allein sein Überlebenswille an. Nicht nur, um einen Weltkrieg zu verhindern, sondern vor allem, weil in seiner Halsschlagader die Zeitbombe der Sprengladung tickt, muss er in New York den Präsidenten finden, der mit einer Rettungskapsel ausgerechnet ins World Trade Center gestürzt ist. Die Welt geht unter, Snake überlebt.

Bei Pollesch hat aber auch diese Strategie der Egotour als Lösungsangebot keinen Bestand mehr: Auch "24 Stunden Selbsthilfe sind kein Tag", lautet die pessimistische Bilanz.

"24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York" von René Pollesch an der Volksbühne Berlin. Darsteller: Christine Groß, Nina Kronjäger, Catrin Striebeck; Bühnenbild: Bert Neumann; Kostüme: Janina Audick; Aufführungen: 20., 21., 23., 24. Oktober 2002

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