Berliner Wahlkampf: Das Ende des Genossen Klinsmann - DER SPIEGEL
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Berliner Wahlkampf Das Ende des Genossen Klinsmann

Wie viel vom Ex-Bundestrainer steckt in der SPD? Gar nichts, sagt sein Berater Roland Eitel, und wollte der SPD die Wahlwerbung mit einem Mann untersagen, der Klinsmann aufs Haar ähnelt. Jetzt wird die Lücke aus dem eigenen Nachwuchs aufgefüllt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist wieder Wahlkampfzeit in Berlin, und immer wenn Wahlkampfzeit ist, verwandeln die Straßen sich in ein kleines Panoptikum des Skurrilen, in eine Freakshow zum Nulltarif, in einen Spießrutenlauf für Ästheten. Die hübschen Porträts, die den Bürgersteig verzieren, sind künstlerisch wertvoll bearbeitet worden: Frauen mit Schnurrbärten grüßen im Vorbeigehen, manchmal lächelt ein Kandidat aus Hohenschönhausen ein zahnloses Lächeln, was, ganz richtig, nicht gerade als Vertrauen erweckend gegenüber der Gesundheitspolitik seiner Partei verstanden wird.

An die ganz große Nummer der Wahlpropaganda hatte sich kein Hobby-Maler herangetraut. Vielleicht liegt es einfach an der schieren Größe, denn der Protagonist blickt von ganz oben auf das Volk herab: Alt-Bundestrainer Klinsmann lacht wie immer, doch weil er noch nie durch sonderliche Nähe zur SPD aufgefallen ist, fragen sich alle zu Recht: Ist er es wirklich? Wie viel Klinsmann steckt in der SPD? Geht es den vermeintlich geläuterten Sozialdemokraten nicht um Aufbruch, um Zukunft, um Vision – und um deren Verwirklichung?

Es wäre ein echter Coup gewesen, keine Frage. Denn erstens hätten die Berliner Sozis unter Bürgermeister Wowereit, einem Fanmeilen-erprobten Jung-Veteranen, den richtigen Riecher bewiesen und in weiser Voraussicht den Skandal um einen alten SPD-Freund antizipiert. Denn mit dem bewährten Gesinnungsgenossen Günter Grass ist ihnen ein Routinier unter den Stimmenfängern während der letzten Woche einfach weg gebrochen. Und überhaupt ist es ja nicht mehr die Zeit der Mahner und Moralisten, sondern die der Macher und Tuer, die nicht weiter fragen und pragmatisch an die Sache rangehen. Und wenn die SPD schon ihre Runderneuerung hinter sich hat, dann muss auch Wahlkämpfer Grass irgendwann nachziehen, was aber noch dauern könnte.

Noch immer herrscht allenthalben Unschlüssigkeit ob des plakatierten Konterfeis. Denn erstens ist Jürgen Klinsmann ja Kalifornier und zweitens Schwabe, weswegen das Kreuz auf dem Stimmzettel eher mit schwarzem Schreiber gemacht werden dürfte. Erhärten tat dies Klinsmanns Berater Roland Eitel, der klipp und klar erklärte, der Mann auf dem Plakat sei nicht Klinsmann, und Klinsmann fände das auch nicht besonders lustig, sich ungefragt von einem erstklassigen Klinsmann-Darsteller im Dienste der SPD vertreten zu lassen, weswegen er sich rechtliche Schritte vorbehalten würde, wenn das Plakat nicht herunterkommt. Genosse Klinsmann, das wäre ja auch zu schön gewesen.

Im Zuge jener Diskussionen wurde aber auch bekannt, wer überhaupt der junge Mann ist, der dem nicht mehr ganz jungen Klinsmann aufs Haar ähnelt. Es ist Daniel Kind, Mitte Zwanzig, Berliner Student aus Lichtenberg, der in einer Kneipe jobbt, die den sinnstiftenden Namen "Wahlkreis" trägt.

Im "Wahlkreis" wird Politik gemacht. Das liegt nicht nur an seiner Lage, ganz nahe zum Reichstag. Das Lokal ist ein "Treff für Politiker und Lobbyisten" ("Die Welt") und folgt auch sonst den Gepflogenheiten des parlamentarischen Lebens: Während der Sommerpause hat der "Wahlkreis" zu, weswegen Kind leider nicht bei der Arbeit zu besichtigen ist. Ein paar Passanten wollen ihn aber schon mal gesehen haben, doch man ist sich nicht sicher, ob er dem WM-Helden nun wirklich ähnelt oder nicht. Fakt aber ist: Der Mann hat kein Durchschnittsgesicht. Und er ist Inhaber eines SPD-Parteibuches, womit schon mal geklärt ist, dass ein bisschen Klinsmann in der SPD steckt, ob der nun will oder nicht.

Am Samstag dann, verhüllt von Nacht und Nebel, kam das Plakat herunter. Eitel, der Berater, will nun keine rechtlichen Schritte mehr gegen die SPD einleiten, was sehr schade ist, denn man hätte gerne einmal gesehen, welche Gedanken sich ein Gericht zum Einsatz von Doubles zu Werbezwecken macht.

Was anfänglich nach einer schweren Schlappe für die SPD aussah, könnte sich als sehr glückliche Fügung entpuppen: Auf die neuen Plakate kommt jetzt Klaus Wowereit. Der war nicht Bundestrainer und Gesundbeter in einem, ist aber immerhin ordentliches SPD-Mitglied ohne frappierende Ähnlichkeit zu irgendjemanden, außer zu Klaus Wowereit. Nach Auskunft führender Berliner Sozialdemokraten ist er ein Spitzenmann ohne irgendwelche Dogmen und steht für Aufbruch, Zukunft und Vision, im besten Falle sogar für deren Verwirklichung.

Wowereit, 53 Jahre alt, hochdekoriert als Kommandeur der französischen Ehrenlegion, gilt wie Klinsmann als Mann für schwierige Aufgaben, habe dazu noch ein großes Herz für den Sport und wolle die Olympischen Sommerspiele über kurz oder lang nach Berlin holen, damit Deutschland endlich mal Eishockey-Weltmeister wird. Und dann dürfen endlich mal alle fragen, wie viel Wowereit im Sport steckt und warum sich die SPD überhaupt mit diesem Klinsmann rumärgern musste. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.