Berliner Zeitung Revolte gegen Montgomery
Hamburg - "Seit einer Woche ist die Berliner Zeitung, die es gewohnt ist Schlagzeilen zu machen, selbst Gegenstand von Schlagzeilen", so beginnt das Editorial von Uwe Vorkötter in der Montagsausgabe seiner Zeitung. Was folgt, ist ein flammendes Bekenntnis des Chefredakteurs zu einem nach journalistischen Kriterien gefertigten Blatt, gegen kurzfristiges Renditedenken, für die Qualitätszeitung. Auszug:
"Die Firma Mecom, die David Montgomery gehört, und die Partner in seinem Konsortium - sie heißen 3i und Veronis, Suhler, Stevenson - arbeiten nach dem Prinzip der "Private-Equity"-Branche. Sie sammeln bei potenten Anlegern Kapital und investieren diese Mittel, ergänzt um hohe Bankkredite, in Unternehmen. Den Anlegern werden Renditen von 20 Prozent und mehr versprochen, die übernommenen Unternehmen haben diese Renditen zu erwirtschaften und zugleich die Bankschulden zu bedienen und zu tilgen. Dieses Geschäftsmodell ist mit dem der Berliner Zeitung kaum vereinbar. Finanzinvestoren agieren kurzfristig, die Berliner Zeitung verfolgt ihre Ziele mit langem Atem.
Der Berliner Verlag ist, siehe oben, wirtschaftlich erfolgreich, kein Verleger muss die Berliner Zeitung subventionieren. Aber die Maximierung der Rendite ist nicht das Ziel unserer Arbeit. Wir haben publizistische Ambitionen, die gleichwertig neben dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens stehen. Wir erheben den Anspruch, jeden Tag die führende Zeitung der Hauptstadt herauszubringen; wir haben uns auf den Weg gemacht, die erste wirklich gesamtdeutsche Zeitung zu werden - ein Blatt, das die Teilung des Landes und der Hauptstadt konsequent hinter sich lässt und gerade deshalb im Osten wie im Westen gleichermaßen erfolgreich ist. Wir bieten Ihnen neben Information, Analyse und Meinung die große Reportage und die investigative Recherche, die Missstände aufdeckt und Skandale enthüllt. Journalismus auf diesem Niveau kostet Geld und erfordert Investitionen. Es steht zu befürchten, dass wir Abstriche am Angebot der Berliner Zeitung und an ihrem publizistischen Profil machen müssten, falls die Finanzinvestoren tatsächlich unsere Gesellschafter würden."
Vorkötter mahnt, dass bei einem Verkauf an den Briten zum ersten Mal eine große deutsche Tageszeitung an Investoren ginge, "die nicht von publizistischen Interessen geleitet werden, sondern die ausschließlich den Anlegern des Investmentfonds und den Banken, die sie finanzieren, verpflichtet sind." Er habe mit Montgomery in der vergangenen Woche ein über dreistündiges Gespräch geführt: "Wenn er Pläne, Konzepte und Ideen hätte, müsste ich sie jetzt kennen. Das ist nicht der Fall."
Montgomery mache sich Illusionen. "Von Berlin aus will er angeblich aggressiv auf den deutschen Markt vordringen, weitere Verlage in der ganzen Republik kaufen und sie zu einer Zeitungskette verbinden. Wer unsere Branche kennt, weiß, dass diese Vorstellung unrealistisch ist."
Vorkötter sieht drei Alternativen zu dem möglicherweise geplanten Verkauf des Berliner Verlags durch die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck an die britische Investorgruppe: Den norwegischen Medienkonzern Orkla, die Essener WAZ-Gruppe und den Kölner Verlag M. DuMont Schauberg.
Die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe muss aus kartellrechtlichen Gründen entweder den Berliner Verlag oder die "Tagesspiegel"-Gruppe verkaufen. Der Investor Montgomery liegt derzeit nach Informationen von verhandlungsnahen Kreisen vorn.