Berliner Zeitungsstreit: "Schluss mit der Taktik!" - DER SPIEGEL
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Berliner Zeitungsstreit "Schluss mit der Taktik!"

In dem Streit über die Fusion von "Berliner Zeitung" und "Tagesspiegel" im Holzbrinck-Verlag ging es bei einer Anhörung im Bundeswirtschaftsministerium hoch her. Der Hamburger Verleger Heinz Bauer bietet 20 Millionen für den "Tagesspiegel", Springer droht bei einer Fusionsgenehmigung mit Klage.
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Berlin - Zwischen den Verlagshäusern Bauer und Holtzbrinck ist ein regelrechter Wettlauf um die Zukunft des Berliner "Tagesspiegel" entstanden. Am Montag bekräftigte der Hamburger Verleger Heinz Bauer in Berlin noch einmal seine Absicht, den maroden "Tagesspiegel" für 20 Millionen Euro übernehmen zu wollen.

Bauer bot zunächst eine bis zu sieben Jahre gültige Bestandsgarantie für die Zeitung, die er im Verlauf der Anhörung im Bundeswirtschaftsministerium auf 20 Jahre erhöhte. Die Garantie soll durch eine Vertragsstrafe von 10 Millionen Euro gesichert werden, sollte er das Blatt wider Erwarten nicht halten können. Bauer sagte, er sei bereit, der Zeitung die gleichen Sicherheiten, wie der jetzige Eigentümer Holtzbrinck zu geben. Zur Sicherung der redaktionellen Unabhängigkeit schlug er ein Stiftungsmodell vor.

Hitzige Wortgefechte der Verlagsanwälte

Die Sitzung, an der rund 150 Manager, Regierungsbeamte und Journalisten teilnahmen, war geprägt von stundenlangen Wortgefechten der Verlagsanwälte über Marktanteile, Stiftungsmodelle, Pressevielfalt und Verträge. Schließlich platzte Clement der Kragen: "Jetzt muss mit der Taktik endlich Schluss sein", herrschte der Minister die Verleger Bauer und Holtzbrinck an und forderte sie auf, endlich Tacheles zu reden.

Bauer wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück und beteuerte die Ernsthaftigkeit seines Angebots. Es sei eine verlegerisch-ökonomische Entscheidung, in eine "Qualitätszeitung in der Hauptstadt" zu investieren. Die Zielgruppe des Blattes werde sich in den nächsten Jahren erweitern und der "Tagesspiegel" langfristig profitabel werden. Als er die Holtzbrinck-Leute direkt fragte, ob das Stuttgarter Medienhaus das Blatt überhaupt verkaufen wolle, wurde es still im Raum. Clement ordnete ein 15-minütige Denkpause an.

Entscheidung für Ende September erwartet

Als beide Verleger schließlich ihre ultimativen Angebote auf den Tisch legten, zeigte sich Clement zufrieden. Er werde nun schnell über die von Holtzbrinck beantragte Sondererlaubnis entscheiden. Er hoffe, dass Ende September endgültig entschieden werden könne. Die Angelegenheit sei ernst: "Es geht um die Sicherung der Pressevielfalt in Berlin". Der frühere Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost" ließ mit keinem Wort erkennen, für wen sein Herz im Berliner Zeitungsstreit schlägt.

"Tagesspiegel" müsste 30.000 Exemplare täglich mehr verkaufen

Die Holtzbrinck-Gruppe, die von Gruner + Jahr den Berliner Verlag ("Berliner Zeitung", "Berliner Kurier", "Potsdamer Neueste Nachrichten", "Zitty") erwerben möchte, um Synergie-Effekte bei Einkauf, Verkauf und Verwaltung zu nutzen, argumentiert indessen, dass der defizitäre "Tagesspiegel" auf dem Berliner Zeitungsmarkt allein nicht überlebensfähig sei. Um auf eigenen Beinen fortbestehen zu können, müsse die Zeitung täglich 30.000 Exemplare mehr verkaufen, was bei der derzeitigen Marktsituation illusorisch ist.

Nachdem das Kartellamt eine Fusion wegen der Gefahr einer marktbeherrschenden Stellung in der Hauptstadt untersagt hatte, beantragte Holtzbrinck eine Sondererlaubnis beim zuständigen Bundeswirtschaftsministerium. Die erste mündliche Verhandlung fand Ende April statt. Anfang des Monats lehnte die Monopolkommission die Fusion von "Berliner Zeitung" und "Tagesspiegel" erneut ab.

Holtzbrinck beauftragte daraufhin die Privatbank Sal. Oppenheim mit der Suche nach potenziellen Käufern. Medienberichten zufolge schloss die Bank jedoch jeden der 35 Kauf-Interessenten aus, unter ihnen auch den interessierten Bauer-Verlag. Holtzbrinck-Anwalt Rainer Bechthold warf Bauer vor, nicht ernsthaft am Erhalt des "Tagesspiegel" interessiert zu sein. Es handele sich um eine "rein taktische" Offerte, die die Aussicht auf eine ministeriale Erlaubnis behindern solle. "Das Angebot von Bauer würde bei einer Realisierung zur Gefährdung des 'Tagesspiegel' führen", sagte Bechthold.

Für die Stuttgarter Zeitungsmacher, die allein in einer Fusion die Lösung zur Sanierung des "Tagesspiegel" sehen, reiste am Montag eigens Verleger Stefan Holtzbrinck nach Berlin. Er versprach die Bedingungen für den Erhalt der Zeitung erweitern zu wollen. Vor allem die redaktionelle Unabhängigkeit sei noch nachzubessern. Sein Haus sei bereit, einen 20 Jahre gültigen Unternehmensvertrag mit der Redaktion zu schließen, und betonte, Ziel sei es den "Tagesspiegel" als Zeitung aus Berlin langfristig zu sichern.

Springer droht mit Klage

Gegen ein solches Modell wehrt sich der Hamburger Springer-Verlag, der durch eine Fusion die wirtschaftliche Grundlage seiner in Berlin erscheinenden Zeitungen "Die Welt" und "Berliner Morgenpost" gefährdet sieht. Geschäftsführer Josef Probst meinte, Holtzbrinck habe sich um einen Verkauf nicht wirklich bemüht. Wenn ein Verlag in einer Stadt zwei Zeitungen besitze, seien Absprachen unvermeidlich. "Da hat ein Dritter keine Chance", sagte Probst. Durch Einstellung der Sonntagsausgabe sowie des bundesweiten Vertriebs könne Holtzbrinck genügend Geld einsparen, um den "Tagesspiegel" profitabel zu machen. Im Falle einer Ministerialerlaubnis will sein Haus vor Gericht ziehen.

Martin Dommer