Berner Theaterträume: Dirk Bach im Elfenwald - DER SPIEGEL
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Berner Theaterträume Dirk Bach im Elfenwald

Wie angetrocknetes Theaterblut klebt das biedere Image am Stadttheater Bern. Jetzt will die Bühne sexy werden: Mit Stars, jungen Stückeschreiberinnen und einem Marathon - acht Uraufführungen in acht Stunden.
Von Nora Reinhardt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon klar: Die Frau ist Schuld. Der Vorwurf hält sich hartnäckig, vor allem dank des Bestsellers Bibel, der die Frau für die Vertreibung aus dem Paradies verantwortlich macht. Drei Männer wagen nun einen Wiedergutmachungsversuch: Am Stadttheater Bern veranstalten der Intendant Marc Adam, der Schauspielleiter Erich Sidler und der Dramaturg Erik Altorfer ein "Autorinnenspektakel". Das Thema: "Verlorene Paradiese."

Vergangenes Jahr hatte der neue Intendant Adam seinen Einstand in Bern noch mit einem gemischten "Autorenspektakel" gegeben. Dieses Mal jedoch wurden alle Stückaufträge ausschließlich an Frauen vergeben, weil die sich "mit dem Thema speziell verbunden fühlen", wie Schauspielleiter Sidler dem Fachblatt "Theater der Zeit" erklärte. Herausgekommen sind acht Stücke, die am heutigen Samstag erstmals ins Bühnenlicht gerückt werden: Schlag auf Schlag, zwischen 15 und 23 Uhr. Ein Uraufführungsmarathon im Sprinttempo.

Außer der frauenversöhnenden Geste könnte auch noch etwas anderes dahinter stecken: Kalkül. Denn die Besucherzahlen des Stadttheaters Bern sind in den vergangenen Jahren stark gesunken, alleine zwischen 1997 und 2007 um etwa 20 Prozent.

Bern steht im Schatten der großen Schwester Zürich: Im dortigen Schauspielhaus inszenierten zuletzt bekannte Theatermacher wie Jürgen Gosch, Peter Zadek und Alvis Hermanis, auf der Bühne standen Schauspielstars wie August Diehl, Corinna Harfouch und Jutta Lampe. Und auch Basel ist als Bühnenstadt bekannt. Aber Bern?

Bern, die Hauptstadt der Schweiz, hat ein Stadttheater, das in den vergangenen Jahren gegen ein biederes Image zu kämpfen hatte und außerhalb der Schweiz nur selten wahrgenommen wurde. Gut, der Dramatiker Lukas Bärfuss kommt aus dem Kanton Bern und ist dem Haus verbunden - aber sein neues Stück "Amygdala" stellte er vergangene Woche in Hamburg bei der Langen Nacht der Autoren vor.

Die Lösung des Problems sollte Marc Adam bringen, der zur Spielzeit 2007/ 2008 als Intendant aus Lübeck nach Bern kam. Das Willkommensgeschenk für ihn: eine zweite Spielstätte, die Vidmarhallen. Die ehemalige Schweizer Tresorfabrik ist eines jener kühlen, ehemaligen Industriegebäude, in dem man zeitgenössisches Theater so herrlich zeigen kann.

Das unsexy Image des Berner Stadttheaters soll wie angetrocknetes Theaterblut abgewaschen werden. Und in seiner ersten Spielzeit ist Adam das nicht schlecht gelungen: Die Vidmarhallen wurden gut angenommen, die zweite Spielstätte ermöglichte ein Drittel mehr Produktionen und die Neue Zürcher Zeitung lobte, Marc Adam könne auf "eine solide erste Spielzeit zurückblicken". Dummerweise sind die Besucherzahlen aber noch einmal zurückgegangen, von 88 000 in der Spielzeit 2006/ 2007 unter der alten Intendanz auf 85 000 in Adams Eröffnungsspielzeit 2007/2008. Was tun?

"Tanzen Sie mit uns in die neue Spielzeit", hatte Adam im Sommer 2008 noch geworben - mittlerweile ist ein Sparvorschlag auf dem Tisch: die Sparte Tanz abzuschaffen. Der Druck auf Adam wächst , das Stadttheater Bern und seine Bilanz aufzupeppen.

Glamour schadet bei einer solchen Modernisierungsaktion nie - und so holte Adam kürzlich die TV-Knalltüte Dirk Bach an sein Haus, "vom Dschungelcamp in Australien in den Elfenwald Bern", wie es auf der Homepage des Theaters heißt. Seit drei Wochen spielt Bach in Benjamin Brittens Sommernachtstraum-Oper den bäuchigen Kuppler-Elfen Puck.

Jugend und Internationalität

Neben Glamour immer gut: Jugend und Internationalität. Die Theaterautorinnen des diesjährigen Autorinnenspektakels, das natürlich in den Vidmarhallen stattfindet, sind alle zwischen 25 und 36 Jahren alt, sehen prima aus, kommen aus Argentinien, Österreich, Australien, Kroatien, Deutschland und, ach ja, drei leben auch in der Schweiz. Allein, risikofreudig ist etwas anderes, denn die Stücke stammen von Autorinnen, die relativ etabliert sind. Ihre Listen an Stipendien, Preisen und Werken sind beinahe so lang wie die Schweizer Geschichte des Tresorwesens.

Rebekka Kricheldorf etwa bekam schon den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker, gewann beim Heidelberger Stückemarkt und wurde zum Mülheimer Dramatikerpreis eingeladen, Gerhild Steinbuch ist seit dieser Spielzeit Hausautorin am Schauspielhaus Wien, als Nachfolgerin des mächtig gehypten Ewald Palmetshofer. "Mit den meisten der diesjährigen Autorinnen haben wir schon gearbeitet - es waren keine Blind Dates" gibt Dramaturg Altorfer zu.

Das Autorinnenspektakel ist also weder eine Leistungsschau des Schweizer Theatertextens noch eine Nachwuchsförderung - sehenswert dürfte es dennoch sein: Die acht Interpretationen des Mottos "Verlorene Paradiese" sind nämlich durchaus originell, wie jene der Australierin Vanessa Badham beweist.

Roh sind ihre Figuren, roh ist auch ihre Sprache, weshalb ihr Kurzstück an das britische "In Yer Face-Theatre" von Autoren wie Sarah Kane und Mark Ravenhill erinnert, deren vulgäre und provokante Stücke in den Neunzigern das Publikum schockierten.

Der Netzstrumpfhosen-Fan Badham, Jahrgang 1978, zog es vor etlichen Jahren denn auch nach England, um dort Theaterstücke zu schreiben. In "Leben und Tod von D-Star K" erzählt sie die Geschichte des gut aussehenden Boyband-Sängers Daniel North, der in paradiesischen Zuständen lebt: mein Plattenvertrag, meine Freundin, meine Fans.

Doch durch eine Amnesie betrachtet der Medienstar sein Leben plötzlich aus einer anderen Perspektive und enttarnt sein Umfeld als falsch, verlogen, oberflächlich. Sein Glück ist fort - ganz so, wie die Schamlosigkeit und die Unschuld im Garten Eden plötzlich weg waren.

Klingt sündhaft interessant.


Autorinnenspektakel "Verlorene Paradiese":  16. Mai, 15 bis 23 Uhr, Stadttheater Bern  , Vidmar: 1, Tel. 0041/31/329 52 52.