"Beutekunst": Moskau öffnet Geheimdepots - DER SPIEGEL
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"Beutekunst" Moskau öffnet Geheimdepots

Im Streit um die in einer Moskauer Ausstellung gezeigte "Beutekunst" zeichnet sich eine überraschende Wende ab. Erstmals dürfen deutsche Kunsthistoriker nun doch die geheimen Depots des Puschkin-Museums sichten und nach im Krieg verschleppten Kunstwerken fahnden.
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Berlin - Die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz und das Moskauer Puschkin-Museum haben einen "Neubeginn der Beziehungen" vereinbart, teilte die Preußen-Stiftung heute mit. Deutsche Museumsexperten hätten bei einem Besuch der Moskauer Ausstellung "Archäologie des Krieges" bereits "zahlreiche Exponate als Berliner Sammlungsstücke identifiziert".

In der Ausstellung wird Beute aus Nazi-Deutschland gezeigt: Koptisches Elfenbein, antike Vasen und Wandbilder aus Pompeji sind zu sehen - 350 erlesene Werke, die allesamt als verschollen galten. "Es ist wie ein Wiedersehen mit alten Verwandten", barmt Günther Schauerte von der Generaldirektion der Staatlichen Museen Berlin im SPIEGEL: "Wir hatten Tränen in den Augen, als wir den Katalog sahen."

Den mussten sich die Deutschen allerdings selbst besorgen. "Ganz ohne unser Wissen" sei die Ausstellung am 26. April angelaufen, erklärt Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann im SPIEGEL: "eine Geheimhaltepolitik wie im Kalten Krieg". Eingefädelt hat den Coup die Chefin des Puschkin-Museums Irina Antonova, 83, die schon seit Jahrzehnten die Geheimarchive im Keller bewacht, aus denen sie in den vergangenen Jahren immer wieder spektakuläres Raubgut - etwa den Schliemann-Schatz oder den Eberswalder Goldfund - hervorgezaubert hat.

Ihr neuester Affront hat die Berliner Kunsthistoriker endgültig verärgert. Seit über zehn Jahren führen Staatssekretäre und Kulturkommissionen wortreiche Verhandlungen über die Rückführung von Beutekunst aus der ehemaligen Sowjetunion - ohne jedes Ergebnis. Doch nun scheint überraschend Perestroika zu herrschen: Beide Seiten vereinbarten heute einen "Neubeginn in offener partnerschaftlicher Atmosphäre", wie es in einem von Lehmann und Antonowa unterzeichneten Kommuniqué heißt. "Wir haben heute begonnen, eine leere weiße Seite neu zu beschreiben, ein neues Kapitel", sagte die Museums-Direktorin.

Die Delegation deutscher Experten unternahm mit dem Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Peter-Klaus Schuster, einen Rundgang durch die Ausstellung. Erstmals erhielten sie auch Zutritt zu den bislang verschlossenen Depots in Moskau. Dabei übergaben sie einen kompletten Vorabdruck des Verlustkataloges der Berliner Antikensammlung.

Im September wollen deutsche und russische Wissenschaftler und Restauratoren ein Kolloquium in Moskau veranstalten "als Beginn eines intensiven Austauschs zur Erforschung der kriegsbedingt verlagerten Bestände". Geplant sind zudem gemeinsame Ausstellungen und zweisprachige Publikationen. Stiftungspräsident Lehmann sieht einen "substanziellen Fortschritt in der Zusage von Irina Antonowa, künftig deutsch-russischen Expertengruppen professionelle Zugangsmöglichkeiten in den bisherigen Geheimdepots zu bieten", wie er am Donnerstag betonte.

"Durch die gemeinsamen Ausstellungen wird die eigene Anschauung und nicht die Propaganda zur Grundlage der Beurteilung. Das kann bei der Lösung der Rückführungsfrage nur hilfreich sein." Auch die russische Seite zeigte sich laut Preußen-Stiftung erfreut über die Entwicklung.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) begrüßte den Fortschritt in der "Beutekunst"-Frage und zeigte sich erfreut darüber, "dass es deutschen Museumsdirektoren erstmals seit 1945 gelungen ist, die Geheimdepots des Puschkin-Museums zu besuchen". Das sei der Erfolg "langer, Vertrauen bildender, aber auch konsequenter 'Beutekunst'-Verhandlungen auf politischer Ebene", sagte Weiss der dpa. "Wir haben den Boden bereitet, auf dem die Zusammenarbeit der Fachleute neu gedeihen kann."

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