Popstar Beyoncé: Die Unberührbare
Beyoncés Schweige-Strategie Wie es sich für eine Königin geziemt
832 Seiten, knapp vier Pfund schwer: Wenn es ein letztes trotzig-glamouröses Statement des Papier-Publishings gibt, dann die Septemberausgabe der amerikanischen "Vogue" - ein prachtvolles, mit den Modetrends des Herbstes gefülltes Hochglanz-Monstrum, das kaum noch Magazin zu nennen ist, es erinnert eher an ein edles Coffee-Table-Buch. Auf dem Cover, angemessen eminent: der zurzeit vielleicht größte Popstar der westlichen Welt, die Sängerin, Entertainerin und Unternehmerin Beyoncé Knowles, 33.
Normalerweise beinhaltet diese Ehre auch Pflichten, denn wer aufs "Vogue"-Cover kommt, muss auch im Interview Rede und Antwort stehen. Nicht so Beyoncé. Statt des obligatorischen Q&A stellte die Redaktion einen kurzen Essay von Pulitzer-Preisträgerin Margo Jefferson zu der Fotoserie von Starfotograf Mario Testino, Thema: Knowles' nachhaltige Rolle als Popqueen im Entertainment-Business. Ein Status, der sich allein schon durch diesen Power-Move manifestiert: Wer sich erfolgreich gegen die Konventionen der mächtigen "Vogue"-Redaktion durchsetzt, genießt Sonderrechte, die ansonsten nur für Präsidenten oder Majestäten gelten.
Das Schweigen Beyoncés war sogar der "New York Times" ein Denkstück wert, das ein Schlaglicht auf die eigenwillige Art wirft, wie die Popsängerin sich in der Öffentlichkeit inszeniert: "Beyoncé is seen, but not heard." Seit 2013 gibt sie keine persönlichen Interviews mehr, Statements gibt es nur in schriftlicher Form, per E-Mail oder als vorgefertigte Clips für Fernsehen.
Auch ihr letzter Tweet stammt vom August 2013, seitdem gibt es nur noch Bilder: 43,6 Millionen Instagram-Follower, fast dreimal so viele wie ihre Twitter-Anhänger, werden regelmäßig mit Pics aus ihrem öffentlichen und privaten Leben versorgt. Wenn überhaupt, sind sie mit knappen, sachlichen Bildunterschriften versehen, eine Minimal-Kommunikation, die sie auch bei der Veröffentlichung ihres letzten Albums anwandte: Die Kollektion aus Songs und zugehörigen Videos wurde kommentarlos über Nacht über Apples iTunes-Store veröffentlicht.
Den Zeitgeist richtig gedeutet?
Das Erstaunliche: Ihrer Popularität und ihrer Reputation als Popqueen tut die Stille keinen Abbruch. Das so lapidar auf den Markt geworfene Album namens "Beyoncé" wurde zum Bestseller, gleichzeitig ist Knowles regelmäßig auf den Titeln von Hochglanzmagazinen zu sehen, sie wirbt außerdem für den Streaming-Dienst Tidal ihres Ehemanns Shawn "Jay-Z" Carter und für ihre eigene Flash-Tattoo-Kollektion. Auch dass sie sich für ein Musikvideo High Heels im Wert von 300.000 Euro leistete, ist der Klatschpresse immer eine Meldung wert.
Allein: Beyoncé selbst ist nicht zu sprechen.
Dahinter lassen sich unterschiedliche Motivationen vermuten. Die nächstliegende wäre, dass sie sich einfach für keine gute Interviewpartnerin hält und aus der Unsicherheit oder dem Risiko, etwas Dummes, Unkorrektes oder Belangloses zu sagen, eine Tugend des Schweigens macht. Auf Twitter hat sich schon so mancher Star im nächtlichen Rausch im Ton vergriffen, Ashton Kutcher zum Beispiel, der seit einem außer Rand und Band geratenen Disput mit Followern vor einigen Jahren nur noch sein Management twittern lässt.
Tweet-Battles zwischen Rappern wie Iggy Azalea und Azealia Banks oder aktuell Drake und Meek Mill sind Gossip-Legenden und dienen der Selbstvermarktung. Wenn man sie denn in dieser Form pflegen möchte. Vielleicht hat Beyoncé aber auch einfach den Zeitgeist richtig gedeutet und konzentriert sich bewusst auf das soziale Medium, das auch ihre zumeist jungen Fans bevorzugen: das Bildermedium Instagram .
George Clooney, ebenfalls ein Twitter-Abstinenzler, brachte seine Haltung in einem Interview mit "Esquire" auf den Punkt: "Das Schlimmste, was du machen kannst, ist, dich für jeden jederzeit verfügbar zu machen, oder?" Sich nur zu zeigen, aber gleichzeitig nicht ansprechbar zu sein, ist einerseits die Antithese moderner PR-Kommunikation-Dogmen, die zu allzeitiger Verfügbarkeit raten.
Andererseits schafft sie eine ans alte Hollywood erinnernde, sehr vornehme Verknappung: Das Bildnis des Stars darf angehimmelt und mit privaten Projektionen belegt werden, der Star selbst bleibt jedoch unerreichbar und erhält dadurch den mythischen Status der vom Volk Entrückten. Das vereint die Popkönigin Beyoncé letztlich mit den echten, stets auf Abstand bedachten Royals, zum Beispiel den britischen, die sich in sozialen Medien unter Accounts wie "@KensingtonRoyal" oder "@BritishMonarchy" auf herrlich steiflippige und staatstragende Verlautbarungen beschränken und auch sonst der Presse nur das geben, was sie selbst bestimmen und inszenieren.
Unberührbarkeit, das zeigt die pop-royale Trendsetterin Beyoncé, ist die neue Avantgarde. Sich mit den Fans gemein zu machen, war gestern.