Bibel-Karikaturen: Sex mit Sarah - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bibel-Karikaturen Sex mit Sarah

Die alten Hebräer haben es ziemlich toll getrieben. Man kann es in der Bibel nachlesen, aber gesehen hat man es noch nicht. Jetzt zeigt ein New Yorker Magazin frivole Bilder, die "funny" und "skandalös" zugleich sind. Doch niemand regt sich auf.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als der Begriff "jüdischer Mitbürger" noch nicht erfunden war, erschien in Berlin "Der Jude", ein "unabhängiges Organ für Erkenntnis und Förderung des lebendigen Judentums", begründet von Martin Buber. Die Vierteljahresschrift war eine Diskussionsbühne für Juden und Arier oder, wie man heute sagen würde: für jüdische und nichtjüdische Deutsche. Der Philosoph Theodor Lessing schrieb über "Jüdisches Schicksal", Freiherr von Schoeneich (Generalmajor a.D.) über "Juden als Soldaten", Max Herzog zu Sachsen über den Zionismus.

"Der Jude" ist noch heute eine aufregende Lektüre, nicht nur, weil sie die "Normalität" der zwanziger Jahre dokumentiert, sondern die Ahnung heraufbeschwört, was es heute geben könnte, wenn die Nazis nicht dazwischen gekommen wären. Außer dem "Juden" erschien vor 1933 eine Unzahl weiterer Zeitschriften, die heute vollkommen vergessen sind: "Der jüdische Wille", herausgegeben vom "Kartell Jüdischer Verbindungen", "Der junge Jude", "der philosemit", die "Freie jüdische Monatsschau", die "neuen jüdischen monatshefte", "Der Morgen". Für spezielle Interessen gab es spezielle Publikationen: "Palästina - Zeitschrift für den Aufbau Palästinas", "Der nationaldeutsche Jude in der deutschen Umwelt".

Heute gibt es "Heeb - The New Jewish Review". Heeb ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus "Hebrew" und "Hip". Man könnte es mit "hippe Juden" übersetzen. Ein wenig ist "Heeb" auch ein Schimpfwort, wie "Negro" für "Black American". Und so wie es schwarze Amerikaner gibt, die sich selbst "negroes" nennen, gibt es Juden, die einander "heeb" rufen. "Heeb" erscheint seit Anfang 2002 in New York mit vier Ausgaben pro Jahr.

"Am Anfang waren wir underground", sagt Nancy Schwartzman, eine der Gründerinnen, "heute sind wir schon fast Mainstream, aber immer noch vollkommen unabhängig". Nancy ist "um die 30", hat an der Columbia University Kunstgeschichte studiert und arbeitet gerade an ihrem ersten Dokumentarfilm. Sie ist nicht nur die typische "Heeb"-Macherin, sondern auch eine typische "Heeb"-Leserin: Das Heft richtet sich an junge, urbane, säkulare Juden, die mit Medien, Musik, Film und Kunst zu haben. "Wir machen uns über uns selbst lustig, spielen mit Stereotypen, wollen unseren Spaß haben und die anderen provozieren."

Was in New York keine leichte Aufgabe ist. Wer in dieser Stadt auffallen und aus dem Rahmen fallen will, muss sich etwas Besonderes einfallen lassen. Die fünfte Ausgabe von "Heeb" handelte von der "Passion of Christ", aber ganz anders als bei Mel Gibson. Jesus war ein Hippie und Maria hatte gepiercte Brustwarzen. Die letzte Ausgabe von "Heeb", im vergangenen Herbst erschienen, ist eine "Sex Issue". Denn Sex ist, neben Essen, die zweite große jüdische Leidenschaft, es geht ja darum, die Art zu erhalten.

Da ist fast alles machbar und vorzeigbar: Unter der Überschrift "Dirty Pictures from the Holy Scriptures" sind Abraham und Sarah beim Liebesakt zu sehen, die Israeliten bei einer Orgie am Fuße des Berg Sinai und Onan nach dem Sündenfall. "Es gibt viel Sex in der Bibel", sagt Nancy Schwartzman, "die Leute wollen nicht nur darüber lesen, sondern auch sehen, was da getrieben wurde".

Und so veröffentlichte "Heeb" einen zwölfseitigen Comic, auf den die ganze Redaktion sehr stolz ist. Die Bibel als Love Parade. Die Bilder, gibt Nancy zu, seien nicht nur "funny", sondern auch "skandalös", nur: "Bis jetzt hat sich noch niemand empört", und das obwohl "Heeb" inzwischen Tausende von Abonnenten hat und mehr als 25.000 Hefte verkauft. Auch die orthodoxen Juden haben nicht reagiert. "Es könnte sein, dass die uns nicht lesen... Und wenn, dann ist das deren Problem", meint Schwartzman. Die "Heeb"-Leute arbeiten bereits an der nächsten Ausgabe, die im Frühjahr erscheinen soll. Es soll, sagt Nancy, wieder ein monothematisches Heft werden. Nur das Thema will sie nicht verraten. Damit es endlich mal mit der Provokation klappt.