Biennale amerikanischer Kunst: Michael Jackson und Uncle Sam - DER SPIEGEL
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Biennale amerikanischer Kunst Michael Jackson und Uncle Sam

Die Biennale des Whitney Museum in New York gilt als Leistungsschau der amerikanischen Kunst - und wird oft von Skandalen begleitet. Doch dieses Jahr ist alles anders: Die Schau ist brav und sensibel, vielleicht dank einer hohen Frauenquote.
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Sie ist alle zwei Jahre wieder ein Ereignis, die legendäre New Yorker Whitney Biennial of American Art. Eine Bestandsaufnahme amerikanischer Kunst sei sie, heißt es, eine Bilanz der aktuellen Trends, eine Nachwuchsschau mit Karriereversprechen.

Matthew Barney

Larry Clark

Seit 1932 gibt es sie, und in der vergangenen Woche wurde die 75. Whitney Biennial eröffnet - Nachrechnern sei erklärt, dass die Biennale in ihrer langen Geschichte auch mehrere Jahre als "Annuale" stattfand. Und weil es sich um eine Art Jubiläum handelt, wird oben im Whitney Museum gleichzeitig "Works by Artists in Collecting Biennials" gezeigt, also Arbeiten von Biennale-Veteranen wie , , Mike Kelley, Jasper Johns, Barnett Newman, Mark Rothko und Philip Guston, der Rekordhalter mit 21 Biennalen ist.

Heute gibt es jedes Medium zu sehen, von der Malerei bis zur Performance, während man früher oft nur Gemälde zeigte, ein anderes mal Skulpturen oder im Schwerpunkt Fotografien. Seit 1973 sind auch Videos zu sehen, doch das relativ neue Medium gefiel anfangs nicht allen. So beklagte der "New York Times"-Kritiker Hilton Kramer die einschläfernde Wirkung der Videokunst; sie habe auf ihn den "effect of a very strong sleeping potion".

Heftige Debatten und deftige Kritik

Davon mal abgesehen, fand bisher keine Biennale einhellige Zustimmung, manchen Kritikern war und ist sie zu langweilig oder zu marktkonform, anderen zu skandalös oder zu effektheischend. Auch das Publikum führt jedes Jahr heftige Debatten, zum Beispiel darüber, ob sich überhaupt definieren lässt, was "American Art" heute ist.

Trotzdem wartet die Kunstszene alle zwei Jahre gespannt auf die Wahl der Kuratoren, dann auf die Künstlerliste und schließlich auf die Ausstellung - vielleicht hat ja dieses Mal ein Genie das Gespür für zukunftsweisende amerikanische Kunst.

Francesco Bonami, 55, Venedig-Biennale erfahrener Kurator, der schon länger in den USA lebt, war dieses Jahr derjenige, dem man das zutraute. Zusammen mit seinem jungen Co-Kurator Gary Carrion-Murayari vom Whitney Museum hat er die Auswahl getroffen - und nur 55 Künstler mit jeweils einer Arbeit oder Serie eingeladen. Damit gehört die Schau zu den bislang kleinsten Biennalen.

Der Konzept-Pionier Michael Asher sorgt für eine subtile Intervention: Auf Schildern in allen Etagen verlangt er, das Museum während der gesamten Biennale rund um die Uhr zu öffnen. Realisiert wird seine Forderung immerhin an einigen Tagen, und so fragt man sich, was dann wohl nachts im Museum los ist. Neben Asher zählen auch Ellen Gallagher, Suzan Frecon, Charles Ray, Pae White und George Condo zu den bereits etablierten Künstlern, die eingeladen sind. Einige von ihnen überraschen mit völlig neuen Ansätzen. Ray zum Beispiel, der früher mit realistischen, nackten, masturbierenden Figuren schockierte, füllt einen Raum mit stilisierten Blumen- und Baumbildern.

Kein Punk, kein Sex, kein Skandal

Interessanter allerdings sind die jungen, unbekannten Künstler. Eine große Spannbreite von Alter, Nationalität, Stilen, Medien und Botschaften gibt es, und Frauen sind zum ersten Mal in der Mehrzahl. Ob deshalb in den meisten Arbeiten ein persönlicher und leiser Ton vorherrscht? Nichts rockt, keine Punkband spielt, nichts Skandalöses oder Sexuelles ist zu sehen, ironische Kommentare gibt es nicht, und Kritik an gesellschaftlichen und politischen Zuständen kommt eher sensibel daher.

So erzählt Nina Berman in einer Fotoserie die Geschichte eines Soldaten, der bei einem Attentat im Irak entstellt und verstümmelt worden ist. Jessica Jackson Hutchins' Sofa "Couch For a Long Time" ist mit Zeitungsausschnitten über Präsident Obama bezogen und von Keramikobjekten besetzt, die sich auf den weibliche Körper beziehen. Tam Tran, 23, gebürtige Vietnamesin, jüngste und selbst Insidern unbekannte Teilnehmerin, zeigt eigenwillige fotografische Inszenierungen ihres täglichen Lebens. Rashaad Newsomes Video will mit einem Tänzer, der sich ohne Musik bewegt, sowohl auf HipHop als auch auf russischen Konstruktivismus und die Gay-Szene verweisen. Und Kate Gilmors Video, in dem sie sich ohne Werkzeug aus einer engen hohen Kiste freikämpft, indem sie die Wände zerstört, soll für die Befreiung von selbstauferlegten Grenzen stehen.

Einige Künstler befassen sich mit dem architektonischen Amerika: So baut James Casebere gleichförmige Häuschen aus Pappe und fotografiert sie als bunte, aber langweilige Siedlungen. Auch das Phänomen Michael Jackson hat seinen Platz in zwei Arbeiten. Gleich in der Eingangshalle steht die Skulptur von Daniel McDonald: Auf einem Schiff mit dem Tod als Steuermann segelt Jackson in das Leben nach dem Tod, an Bord ist auch ein betrunkener Uncle Sam. Die Arbeit der 75-jährigen Lorraine O'Grady, die früher Rock-Kritiken schrieb, heißt "The First and the Last of the Modernists" und zeigt eine großformatige Collage-Serie mit Michael Jackson neben dem französischen Philosophen Charles Baudelaire.

Ob die skandalfreie Biennale alle Besucher begeistert? Kurator Francesco Bonami ist da ganz entspannt: Die Menschen könnten manches ruhig hassen, hat er in einem Interview gesagt. Eine Ausstellung brauche keinen Konsens, im Gegenteil: Sie müsse unterschiedliche Erfahrungen bei jedem Einzelnen hervorrufen.


Whitney Museum of American Art,  New York: "Whitney Biennial 2010" bis 30.5. Und "Works by Artists in Collecting Biennials" bis Juli.