"Big Brother" Deutschland einig Sladdi-Land
Frühjahr 2000, das Land ist fest in Endemols Hand. Immer täglich um Viertel nach acht geht nichts mehr. Menschen gruppieren sich johlend vor Fernsehgeräten und verbarrikadieren ihre Haustüren zum Schutz vor unerwünschten Besuch. Sogar Handys werden abgeschaltet. Wenn "Big Brother" sendet, darf der wonnige Alltags-Voyeurismus partout nicht gestört werden.
Seit zwei Monaten läuft der holländische TV-Export auf RTL 2 und infiltriert immer nachhaltiger auch die Zeit vor 20.15 Uhr. Was anfangs nur müde belächelt wurde ("Funktioniert bei uns sowieso nicht", "Die spinnen, die Holländer"), hat sich längst zum handfesten Kult gemausert, der die Nation vor dem Bildschirm fesselt wie einst Durbridges "Halstuch".
Und nun ist endlich auch die Hitparade erobert. Am Mittwoch setzte sich der aus dem "Big Brother"-Haus verbannte Zlatko "Sladdi" Trpkovski mit seiner Single "Ich vermiss Dich...(wie die Hölle)" vor die Rapper der 3. Generation mit ihrer Serientitelhymne "Leb" und bescherte dem TV-Begleitsound die Doppelspitze der Charts. Umwerfende 500.000 Stück verkaufte Zlatkos simpler Schlager, dessen Machart in vielerlei Hinsicht an Wolfgang Petry erinnert, in der einen Woche seit seiner Veröffentlichung. Platin-Status aus dem Stand, Deutschland einig "Sladdi"-Land.
Schon zu Zeiten, als er noch schlaumeiernd ("Isch hab a Menschenkenntnis, da scheißt' dir in die Hosen!") und ignorant ("Was ist denn heterosexuell?") im Ikea-Bunker zu Köln-Hürth herumlief, verlieh der 24-jährige Schwabe mazedonischer Abstammung dem diffusen "Big Brother"-Kult ein - wenn auch oft leeres - Gesicht. Zlatkos wohltuende Bräsigkeiten waren unentbehrliches Balsam für den vom Allgemeinbildungsdruck gequälten Bundesbürger. Aus dem verschämten "Ja, ich guck mir das manchmal an" wurde schnell ein forsches "Was, du hast gestern nicht geguckt!?"
Fair genug, dass der dienbare Narr nun seine warholschen 15 Minuten Ruhm als König von Deutschland auskostet. Auf dem Titelbild der Teenie-Postille "Bravo" posierte er unlängst feist grinsend als "Super-Sladdi" im rot-blauen Kostüm. "Shakesbier?"-T-Shirts, Kaffeebecher und Mousepads gehören zum offiziellen Zlatko-Merchandising. Eine wahre Sladdi-Industrie wird derzeit aus dem Boden gestampft. Schnell, das weiß man sowohl bei den "Big Brother"-Erfindern Endemol (kassieren über Jahre hinweg kräftig von Zlatkos Einkünften) als auch bei der Plattenfirma BMG ("Zlatko-Album kommt bald"), muss alles gehen, denn das Interesse an Phänomenen wie "Sladdi" hat erfahrungsgemäß beim Publikum eine geringe Halbwertzeit. Da frage man beispielsweise mal bei Andreas Elsholz (Ex-"GZSZ") nach, der sich inzwischen - ebenfalls auf RTL 2 - als Alibi-Moderator in aus Amerika importierten Billig-Shows ("Die dümmsten Verbrecher der Welt") verdingt. Vor solchen Schicksalen schützt auch ein Nummer-Eins-Hits nicht.
Der vom Zlatko-Wahn verschont gebliebene Bürger wünscht sich derweil für die nächsten Wochen, wenn der dümmliche und - man muss es einmal sagen - erbärmlich unbegabt gesungene Text von "Ich vermiss Dich" aus jeder Eisdiele dröhnen wird, in die autarke, von der Außenwelt abgeschnittene Zone des "Big Brother"-Hauses. Dort ließe sich in Ruhe abwarten, bis "Sladdi" vom Titelbild auf die vorletzte Seite des "Stern" wandert: "Was macht eigentlich... Zlatko?"