"Big Brother": Guckst du noch oder schläfst du schon? - DER SPIEGEL
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"Big Brother" Guckst du noch oder schläfst du schon?

"Big Brother" ist wieder da. Zum Start der siebten Staffel inszenierte RTL II ein Mordsgetöse. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Reality-Show reif fürs Fernsehmuseum ist. Die Zuschauer sind längst ein anderes Tempo gewöhnt.
Von Peer Schader
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt keinen Grund mehr, sich aufzuregen. Die Kandidaten machen den Eindruck, als hätte man sie nicht zur Teilnahme gezwungen, einigen nimmt man sogar ab, dass sie es wirklich als Chance begreifen, jetzt rund um die Uhr gefilmt zu werden. Diesmal muss wohl keiner über Todesschluchten balancieren oder sich von Hochhäusern abseilen, um dämliche Wochenaufgaben zu schaffen. Und die Regeln sind wieder zu verstehen, auch wenn man nicht von Anfang an dabei war: zwölf Bewohner, 150 Tage, 250.000 Euro.

Kurz gesagt: Es kann eigentlich wieder losgehen mit "Big Brother". Wenn es denn sein muss.

Gestern Abend fiel bei RTL II der Startschuss für die siebte Staffel der Reality-Show, die einst für heftige Diskussionen sorgte, weil es sich schon ziemlich komisch anhört, dass Fernsehleute Menschen für mehrere Wochen zusammensperren wollten, um sie permanent zu beobachten. Diskussionen gab es diesmal keine. Und wenn man sich so ansieht, wie sich RTL II am Montagabend durch seine zweistündige Einzugsshow quälte, ahnt man auch, warum. Vielleicht ist "Big Brother" schlicht und einfach auserzählt?

"Für Geld ess' ich auch eklige Tiere"

Der Sender und die Produktionsfirma Endemol haben sich jedenfalls vorgenommen, diesmal alles besser zu machen: Alle Kandidaten leben im selben Haus, es gibt keine separaten Bereiche für Arme und Reiche, aber weiterhin "Matches", die bestanden werden müssen, um überhaupt auf die versprochene Gewinnsumme von "bis zu 250.000 Euro" zu kommen, die am Ende einer der Kandidaten mit nach Hause nimmt.

Acht von zwölf Kandidaten zogen am Montag in das neue Haus, das bloß niemand Container nennen darf, weil dann die Macher ganz säuerlich gucken: "Container" klingt so billig. Diesmal sollten nicht so viele Exoten dabei sein, versprach Endemol-Deutschland-Chef Borris Brandt vorher. Und tatsächlich: Auf den ersten Blick machten die acht Bewohner einen verhältnismäßig zurechnungsfähigen Eindruck - sofern das eben geht, wenn man sich freiwillig für fünf Monate wegsperren lassen will.

Eine Krankenschwester, ein Anlagenmechaniker, ein Einzelhandelskaufmann, eine Bürokraft - solche Berufe muss man also haben, um im Leben mal was Außergewöhnliches zu machen. Hätte es nicht auch ein Abenteuerurlaub getan? Ach was, es geht doch auch um die Kohle: "Für Geld würde ich auch kleine eklige Tiere essen", sagte die 31-jährige Anna, die als erstes ins Haus durfte.

Mordsgetöse im Kölner Industriegebiet

Mit einem Mordsgetöse, Lichteffekten und einem zum Dauergrölen angehaltenen Publikum fuhr RTL II seine Kandidaten im knallgelben Hummer samt schwarz gekleideten Bodyguards ans Haus, das - wie immer - gleich neben die TV-Studios im Köln-Ossendorfer Industriegebiet gebaut wurde. Dort durften ein letztes Mal die Verwandten geherzt werden ("An alle, die mich kennen: Ich hab euch lieb"). Anschließend nahm Außenreporter Jürgen, Bewohner aus der ersten Staffel und inzwischen bei Neun Live beschäftigt, die Teilnehmer in Empfang und fragte, was man eben so wissen will, wenn sich Leute auf ein solches Experiment einlassen: "Kannst du dir vorstellen, im Haus Sex zu haben?"

Im Studio wartete Moderatorin Charlotte Karlinder, die in ihrem goldenen Kleid ein bisschen wie ein unglücklich verpacktes Ferrero Rocher aussah, um ein paar holprige Überleitungen von einem Einspieler zum nächsten Kandidateneinzug hinzubekommen. Zwischendurch durften die Zuschauer erste Blicke ins Haus werfen, in dem die Teilnehmer am Tisch zusammen saßen und wichtige Grundinformationen austauschten: Wo kommst du her? Rauchst du auch?

Und dann - tataaa! - gab es schon das erste "Match": Nacheinander sollten die "Big Brother"-Bewohner in den "Matchraum" gehen und dort innerhalb von zehn Sekunden Sachen aus ihrem Gepäck raussuchen, die sie unbedingt mit ins Haus nehmen wollten. Der Rest musste dableiben. Zusammen standen nur sieben Kilo zur Verfügung. Klar, dass die Letzten leer ausgingen, weil das Gesamtgewicht längst überschritten war. Aber der Zoff hielt sich in Grenzen.

Langsam schwenken die Kameras

Weil Kandidat Eddy keine Klamotten, sondern ein Foto aus seinen Sachen kramte, sagte der "Big Brother"-Psychologe im Studio nachher: "Dem liegt ganz viel an der Familie." Und weil ständig Zahnbürsten ausgepackt wurden: "Es geht ja ganz viel um Hygiene." Nun ja: Wenn RTL II glaubt, es sei spannend, zwölf Unbekannten dabei zuzusehen, wie sie ihren Kulturbeutel weggenommen bekommen und sich anschließend kabbeln, wer welches Bett kriegt - bitte schön!

Dieser Auftakt war nicht nur harmlos, sondern stinklangweilig. Mit dem Tempo, an das die Zuschauer vom Fernsehen inzwischen gewöhnt sind und das RTL derzeit bei "Deutschland sucht den Superstar" vorgibt, hat "Big Brother" jedenfalls nichts zu tun. Langsam schwenken die Kameras durchs Haus, und wenn mal einer ungünstig sitzt, kommt es schon vor, dass die Regie ihn nicht gescheit ins Bild kriegt, weil irgendwas auf dem Tisch davor steht und die Sicht versperrt.

Man kann RTL II bloß wünschen, dass die Kandidaten tatsächlich so spannend sind, um die Tageszusammenfassungen peppiger werden zu lassen. Sonst ist "Big Brother" schon sehr bald endgültig reif fürs Fernsehmuseum.


"Big Brother", montags bis freitags, 19 Uhr, RTL II; "Big Brother - Die Entscheidung", montags, 21.15 Uhr.