"Big Brother": Strippen mit Abitur - DER SPIEGEL
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"Big Brother" Strippen mit Abitur

Moderator Milski fieberte, als ginge es um Leben und Tod: Gestern begann die achte Staffel der ehemaligen Skandalshow "Big Brother". Doch statt hysterischer Aufregung herrschte gähnende Langeweile. Kein Wunder, dass geraucht wurde wie sonst nirgendwo mehr im Land.
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Moderator Jürgen Milski ist ernsthaft aufgebracht. "Ja, zählen denn innere Werte nichts mehr?", barmte er in den Himmel über Köln. Zuvor hatte er die offensichtlich sehr eitle Rebecca, die morgens zwei Stunden für ihre Frisur braucht, mit viel Bohai vom Fernsehstudio an den mit Schaulustigen drapierten Absperrgittern entlang ins "Big Brother"-Haus geleitet. Der Gossenpoet ("Natascha vorm Pascha") und Glotzenanimateur ("Pronto") glänzt auch im größten Trubel mit psychologischer Akkuratesse und rheinischer Weltgewandtheit. So begrüßte Milski gestern die 80 Kilo Heiterkeit namens Bianca, die er ebenfalls in den Container eskortierte, mit den Worten: "Da kommt sie, die neue Wuchtbrumme hier bei RTL 2."

Jürgen Milski ist der einzige "Big Brother"-Überlebende aus allen sieben vorherigen Staffeln, der es nach 10-minütigem Containerruhm zu etwas gebracht hat, was man mit viel Wohlwollen Medienkarriere nennen könnte. Wie kein anderer schafft er es, sich durch die Sinnfreiheit, die in den unteren Sektionen des Privatfernsehens herrscht, zu zappeln und zu quatschen.

Gestern Abend beim Einzug ins achte "Big Brother"-Haus agierte er denn auch so dramatisch atemlos wie in seinen Shows beim Glücksspielsender Neun Live, wo er die Leute zum Anrufen anstacheln muss: Es gibt nichts zu gewinnen, trotzdem greifen alle zum Telefonhörer; es passiert nichts, aber Jürgen fiebert als ginge es um Leben und Tod. Dieses Neun-Live-Prinzip hat Milski nun zur großen RTL-2-Chose rübergerettet. Nein, es gibt keinen besseren Zeremonienmeister für die geballte Ereignislosigkeit, für die "Big Brother" im achten Jahr steht.

So zogen sie am Montag also ins neue TV-Verlies ein, die Kandidaten dieser ehemaligen Skandalshow. Das Ganze hat in seiner formelhaften Hysterie inzwischen etwas von einem Staatsakt, bei dem sich die Verantwortlichen tunlichst an Konventionen halten, die vor vielen Jahren mal irgendjemand erfunden hat. Überall standen Bodyguards mit alertem Blick herum, als gelte es, Präsidenten zu schützen. Und die Kamera fuhr aufgeregt den blauen Teppich rauf und runter, als hoffe sie irgendwo zwischen den Zaungästen Tom Cruise zu entdecken. Dabei waren es doch nur die Verlobten und Schwestern von irgendwelchen Mellys aus Marzahn oder Kevins aus Köln.

Glotzen mit Todesahnung

Endlich angekommen im "Big Brother"-Haus, schlug den Showteilnehmern dann gähnende Leere entgegen. Nach und nach fanden sie sich in das in einen armen und einen reichen Bereich unterteilte Refugium ein. Man kam sich vor wie bei einem schlecht organisierten Abendessen, wo die langsam anwachsende Dinner-Gesellschaft bei jedem neu eintreffenden Gast das mühsam aufgebaute Gespräch wieder von vorne beginnt. Warten und wiederholen, darum ging es.

Denn so überreizt und grell der Auftakt zu "Big Brother" über Strecken auch daher kam, es befiel einem beim Zuschauen doch ein unglaublich düsteres Gefühl, eine Art Todesahnung. "Big Brother" – das ist die Zeit, die vergeht, während das Leben verrinnt. Kein Wunder, dass hier auch im Jahr eins des deutschen Nichtraucherschutzes gequalmt wurde wie in einer Bahnhofswartehalle des letzten Jahrhunderts. Es gab einfach nichts anderes zu tun.

Davon vermochten auch nicht die Spielchen abzulenken, welche die Kandidaten zu absolvieren hatten. Gleich mussten sie darum kämpfen, ob sie in den reichen oder in den armen Bereich delegiert wurden. Zwei von ihnen hatten sich dafür zum Beispiel mit Götterspeise zu bewerfen, die anderen Matches erforderten ähnliche Geschicklichkeit. Die Verlierer hausen von nun an in einem Bereich, der an die maroden Nasszellen im Horrorschocker "Saw" erinnert, während der Wirkungsbereich der Gewinner samt Sauna und samtroten Bettenlager an einen frisch aufgewischten Mittelklassepuff gemahnt.

Im Wartesaal des Lebens

Ob sich aus der Arm-Reich-Konstellation die von den Verantwortlichen erhofften Frust- und Verteilerkämpfe ergeben, bleibt abzuwarten. Vorab hieß es ja, man wolle jetzt verstärkt die Konfliktlösungsstrategien der Bewohner herausarbeiten und habe deshalb bewusst gebildete und sprachgewandte Charaktere ins Haus geholt. In der ersten Sendung war davon noch nichts zu spüren: Das Personal speiste sich wie eh und je zum Großteil aus Table-Dancern, Türstehern und anderem kunstvoll toupiertem und tätowiertem Prekariat.

Immerhin: Tänzerin Isi hat das Gymnasium besucht; darauf wies sie bei ihrer Vorstellung ebenso hin wie auf ihre Lust am Ausziehen. Strippen mit Abitur, so lautet die nur minimal modifizierte "Big Brother"-Strategie im Jahr 2008. Eigentlich ist also alles beim Alten, zumal Isi auch gleich am Anfang darauf hinwies, dass sie sich durchaus vorstellen könne, im komplett überwachten Container Sex zu haben.

Bis es so weit ist, dürfte allerdings noch reichlich gequalmt werden im "Big Brother"-Haus, diesem Wartesaal des Lebens.