Bild der Woche Was ist das?
Schwer tut sich der Völkerkundler beispielsweise mit den Amazonas-Indianern, die sich zur religiösen Erbauung halluzinogenes Lianenpulver in die Nase pusten. Da haben die Forscher nämlich ein Problem: Entweder sie schauen nur zu und halten die bedröhnten, wie wild durch die Gegend tanzenden Indianer für blöd. Oder sie schnäuzen mit, dann werden sie selbst für blöd gehalten, und zwar von den Kollegen zu Hause.
Weil solche Konflikte so schwer zu lösen sind, wenden sich immer mehr Ethnologen den heimischen Gebräuchen zu, die ja ebenfalls ganz interessant sind. Das findet auch der "Stern", der früher schon einmal bei den Amazonas-Indianern war und dadurch gewissermaßen zum ethnologischen Boulevard zu zählen ist. Nun aber widmet er sich in einer reich bebilderten Beilage einem noch viel seltsamerem Volk: den Bayern.
Die Auen der Isar, so heißt es dort, gleichen "Kanadas Westen". Und weiter: "Echte Bajuwaren" seien "selbstbewusste Exoten im Zeitalter galoppierender Modetrends". Da kommt man nicht umhin, sich einen Hamburger "Stern"-Reporter vorzustellen, wie er, umgeben von selbstbewussten Exoten, weniger selbstsicher über das Oktoberfest schleicht - und dort auf befremdliche Eingeborene stößt, die lustvoll weißes Pulver in die Nase ziehen.
Da ist er wieder, der alte Konflikt der Volkskundler: Mitschnäuzen, um dann womöglich Edmund Stoiber im Dirndl über den Holztischen schweben zu sehen? Oder doch lieber alle Sinne beisammen halten? Was der "Stern"-Reporter getan hat, wissen wir leider nicht. Eines ist aber sicher: Hätte er mitgeschnäuzt, dann hätte er festgestellt, dass das weiße Pulver bloß aus Glukose und Menthol besteht. Das "Wiesn-Koks", von einem Münchner Geschäftsmann ersonnen, ist der Gaudi des diesjährigen Oktoberfestes. Was genau genommen ja auch wieder ein Fall für die Ethnologen ist.