Bildgeschichten-Ausstellung Kunst gegen Atomkraft
Der Anspruch des Hamburger Kunstvereinsdirektors Florian Waldvogel ist ehrenwert und idealistisch: Um die "Überbrückung der Kluft zwischen Kunstproduktion und Publikum" soll es - neben der Entwicklung der Bildsprache - bei der Ausstellung mit politisch motivierten Bildgeschichten vom Mittelalter bis heute gehen. Weil die Bildergeschichte "die demokratischste aller Kunstformen" sei, denn jeder könne sie lesen und verstehen.
Da ist natürlich von Comics die Rede, und davon, dass in der Ausstellung nicht die Frage gestellt werde, ob ein Propaganda-Flugblatt Kunst ist oder nicht. "Über solche Debatten sind wir bewusst lange hinweg. Wir mischen die Medien, wir überschreiten die Begriffsdefinition von Kunst, weil wir unsere Alltagswelt als Universum verstehen und alles ausgewählt haben, was dazu beiträgt", sagt die Pressesprecherin Beate Anspach. Damit wolle man den Kunstverein auch für Menschen öffnen, die nicht nur an der klassischen Bildenden Kunst interessiert sind.
Und die können nun genauso die 1538 entstandenen "Totentanz"-Holzschnitte von Hans Holbein d.J. betrachten wie das Comic "Maus, Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman von 2009. Oder politische Karikaturen von Daumier bis Erich Ohser, dem Zeichner der Bildgeschichten von "Vater und Sohn" neben Flugblättern mit "aufklärerisch-partizipatorischen Aufgaben" zum Beispiel gegen Atomkraft, Fremdenhass oder Krieg. Oder Hergés "Tim und Struppi". Comics sind zu sehen, illegal gecoverte Geschichten wie "Asterix und das Atomkraftwerk" von 1980 oder auch die in Plastik eingeschweißten "Sicherheits- und Verhaltensmaßnahmen im Notfall" von verschiedenen Fluglinien.
Von "Oedipus" bis zur "Protestbewegung der 80er Jahre"
Viele Drucke kleben auf schräg geneigten Stellflächen, vor denen kleine Treppchen aufgebaut sind, damit man sie ganz oben noch lesen kann. Kann man oft aber nicht - zu klein ist die Schrift. Zeichnungen hängen in den Raum hinein oder in grafischen Formationen an der Wand. In 18 Themen wie z.B. "Oedipus", "Marxismus", "Der Mensch in der Masse", "Holocaust" oder "Gesellschaftsbilder" und "Protestbewegung der 80er Jahre" ist die Schau gegliedert, einfach an der Wand entlang aufgehängt ist kaum eine Bildfolge.
Im unteren Raum zum Thema "Medien, Gewalt, Krieg und Krankheit" sind drei große -Haring-Graffiti-Wandzeichnungen zu sehen. Eine zeigt einen Berg stilisierter Fernsehbildschirme, darauf hängen ziemlich schräg zwanzig Blätter aus "Los Desastres de la Guerra" von .
Ziemlich überraschend diese Präsentation, aber die eigentliche Überraschung ist, dass alle drei Wandbilder gar nicht von Keith Haring, sondern dessen Graffities "nachempfunden" sind. Das seien "Illustrationen, auf deren Hintergrund Arbeiten präsentiert werden", sagt die Pressesprecherin, "wir haben uns ganz bewusst für Motive im Stil von Keith Haring entschieden, weil sie eine ganz einfache, über Generationen und Ländergrenzen hinweg verständliche Bildsprache haben". Und warum hängt darauf ausgerechnet Goya? "Als Synonym dafür, dass heute natürlich die Kriegsbilder aus dem Fernsehen kommen", sagt Anspach.
Hakenkreuz und Apokalypse
Und dann kommt Dürer. Nicht alle Darstellungen auf den Holzschnitten seiner "Apokalypse" kann man erkennen, denn einige Blätter hängen ganz oben fast an der Decke, insgesamt ergibt sich aus den 16 Blättern die Form eines nicht ganz vollständigen Hakenkreuzes. Warum? Weil "die größte anzunehmende Apokalypse des 20. Jahrhunderts eben der Zweite Weltkrieg und die Shoah waren und darauf verweist auch die Dürer-Apokalypse", sagt Anspach. Und es gehe darum, zu zeigen, welche Themen zu ihrer jeweiligen Zeit dargestellt worden seien und das Hakenkreuz-Symbol sei "ganz klar ein wichtiges Zeichen", das häufig in Bildgeschichten vorkäme.
Viel Zeit muss man mitbringen und die Bereitschaft, sich auf die eigenwillige Präsentation der Politischen Bildgeschichten einzulassen. Und vielleicht auch dafür, in der eingerichteten Bibliothek in den Heften und Büchern zu lesen, denen die Blätter entnommen sind. Denn die Schau zeigt zwar die formalen Gemeinsamkeiten der Geschichten, die die Bilder erzählen, aber inhaltlich findet weder Information noch Auseinandersetzung statt. Auch nicht im Katalog, der ohne jeden Text auskommt.
Ausstellung: "Wo ist der Wind, wenn er nicht weht? - Politische Bildergeschichten von Albrecht Dürer bis Art Spiegelman". Kunstverein Hamburg, seit 1817. Bis 14.3.2010, Tel. 040/32 21 57.