Bildungs-Doku Volle Kanne Penne
Die Glocke schlägt zur ersten Stunde, ein paar Schüler schlurfen noch in die Klasse. Fast die Hälfte der 9a fehlt. Entschuldigt ist keiner der Abwesenden. Also muss der robuste Kalfaktor der Wittelsbacher Hauptschule in München mal wieder ein paar Hausbesuche machen und Schwänzer einsammeln. Als er vor der Wohnungstür von Benjamin steht, blinzelt der ihm nur verschlafen entgegen. Ist mal wieder spät geworden gestern; seinen "Quali" hat sich Benjamin sowieso schon abgeschminkt.
Der "Quali" ist der qualifizierende Hauptschulabschluss. Die 9a hat die letzte Etappe zu absolvieren, die Lehrer machen Dampf. Es wird ermahnt und aufgemuntert. Eine oft zermürbende Routine, der eine heikle Frage zugrunde liegt: Geht da noch was? Wer den "Quali" nicht schafft, der darf sich auf ein Leben mit Hartz-IV einrichten. Es ist kurz vor zwölf. Na ja, für nicht wenige Schüler ist es eigentlich schon später.
Einiges, was man in "Die Hauptschule" sieht, entspricht erstmal den handelsüblichen Horrorszenarien, die in den letzten Jahren nach Pisa-Schock und Rütli-Grauen in den Medien kursierten. Einigen Schülern der 9a fällt es schwer, in ganzen Sätzen zu sprechen; andere haben keinerlei Bewusstsein dafür, dass ihre Schulnoten über ihren weiteren Lebensweg entscheiden.
Schläfer und "schwules Englisch"
Was soll man mit denen machen? Von der Schule verweisen oder doch noch ein letztes Mal zum Unterricht zwingen? Und wenn ja, wie soll das gehen bei einem notorischen Schulschwänzer wie Benjamin, der in Englisch eine sechs hat, das aber nicht weiter schlimm findet, weil Englisch ja sowieso nur was für "Schwule" sei?
Doch die von Arte und BR produzierte Doku ist kein Schocker aus dem Horrorreich namens Hauptschule, und sie ist auch kein Thesenfilm über das Bildungssystem, in dem Fluch und Segen der deutschen Regelschule reflektiert werden. "Die Hauptschule" kommt vielmehr als Alltagschronik daher, in der all die Widersprüche eingefangen werden, die das Leben bereithält.
Einfache Antworten sucht man hier vergeblich. Und eine einheitliche Strategie kann es für die gleichermaßen freundliche wie verzweifelte Klassenlehrerin der 9a schon deshalb nicht geben, weil keine Schülerbiographie der andern gleicht.
Man nehme nur Phillip und Fahri: Der eine war einst auf einer Montessori-Schule, geriet nach der Scheidung seiner Eltern auf den absteigenden Ast, hat sich dafür aber im Sport zu einem der besten europäischen Squash-Spieler hoch gekämpft. Der andere stammt aus Albanien, pflegt zuhause seinen im Bürgerkrieg erblindeten Vater und hat bei der Probe zu einem Einstellungsgespräch große Probleme, seinem Gegenüber unter Verwendung von Verben zu erklären, weshalb er gerne Maurer wäre. Was beide verbindet, ist lediglich der Wunsch nach einem Abschluss.
Einen angenehm unaufgeregten Bericht aus den unteren Regionen des deutschen Bildungssystems hat Regisseur Uli Kick ("Scary Furchterregend") vorgelegt. Ruhig und doch mit Emphase berichtet er vom Kampf um den "Quali". Und dabei schaut er auch auf die Lehrer, die hierzulande ja nicht unbedingt hohes Ansehen genießen, wie jüngste Diskussionen zeigen.
Große Siege sind in diesem Beruf eben nicht zu erzielen; auf Erweckungserlebnisse wie in Pädagogen-Soaps made in Hollywood darf man nicht hoffen. Dass sich die harten Jungs zum Beispiel mit Schokoriegeln zu kleinen Bildungsbestien umerziehen lassen, so wie das einst Michelle Pfeiffer in der Hollywood-Schmonzette "Dangerous Minds" glückte, ist eher unwahrscheinlich.
Von Wundern lernen
Die Schule kann nun mal keine Läuterungsanstalt sein, in der Lehrer mit Charisma und Kampfwillen sämtliche gesellschaftliche Schräglagen ausgleichen. Stattdessen geht es bei der Bildungsvermittlung gerne mal einen Schritt vor und dann wieder zwei zurück, so wie das unlängst ja schon in Lars Kraumes Lehrerpsychogramm "Guten Morgen, Herr Grothe" ernüchternd vorgeführt wurde.
Leider ist bei der Erstausstrahlung auf Arte nur eine um fast die Hälfte gekürzte Version jenes Filmes zu sehen, der unter dem Titel "Klassenkampf" vor kurzem auf den Münchnern Filmfestspielen lief. Genug bewegende und erhellende Momente gibt es jedoch auch in dieser Fassung. Etwa wenn eine erstaunlich erwachsene persische Schülerin aus ihrem Leben erzählt: von ihrer Mutter, die schon mit 14 schwanger geworden ist, oder von ihrem Traum, sich als Parfümeriefachverkäuferin bis nach ganz oben zu arbeiten.
Denn mag die eine Hälfte der Klasse auch regelmäßig den Unterricht verpennen, die andere rackert sich umso heftiger für seine Ziele ab. Und manchmal zieht diese ausgeschlafene Hälfte sogar die schwache mit. So schafft ausgerechnet Faulenzer Benjamin dann doch noch den Abschluss. Wie die Klassenlehrerin beim Verteilen der Zertifikate sagt: "Das fällt wohl in die Kategorie: Wunder gibt es immer wieder."
Wer als Hauptschullehrer nicht kapitulieren will, der muss eben auch bereit sein, an solche Wunder zu glauben.
"Die Hauptschule": Samstag, 18.00 Uhr, Arte