Bildungsgipfel "Summit": Protest macht Schule - DER SPIEGEL
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Bildungsgipfel "Summit" Protest macht Schule

Nichts für Protest-Touristen: Während andernorts die Messer gegen den G-8-Gipfel gewetzt werden, setzte man beim Berliner Bildungsgipfel "Summit" auf die Macht des Wortes - und lavierte am Rande der Ratlosigkeit.
Von Uh-Young Kim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als es am Samstag vor Pfingsten plötzlich wie aus Kübeln schüttete, herrschte im Berliner Hebbeltheater immer noch dicke Luft. Kein heiliger Geist erbarmte sich, das babylonische Stimmgewirr unter den 300 Teilnehmern des Bildungsgipfels "Summit" in Einklang zu bringen. Mit jedem Beitrag nahm auf dem 5-tägigen Event im Vorfeld des G8-Gipfels die Dichte, Spannung und Irritation zu – was zunächst ganz im Sinne des Organisationskommitees war.

Zwei Wochen bevor sich die Mächtigen der Welt in Heiligendamm treffen, veranstaltete das Künstler- und Aktivistenkollektiv Multitude e. V. in Zusammenarbeit mit dem Londoner Goldsmiths College den experimentellen Gipfel "Summit – non-aligned initiatives in education culture". Wissen wurde hier nicht als bildungsbürgerliches Gut in der Krise behandelt, wie Mitorganisator Florian Schneider im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE betont: "Es gibt kaum einen Begriff von Bildung außerhalb von reformistischen Debatten. Wir widersetzen uns den Tendenzen der Privatisierung aber auch der Verstaatlichung von Bildung und gehen von einem selbstbestimmten Lernen aus." Jenseits von Pisa-Studien, Elite-Unis oder der Verrohung der Jugend wurde der Fokus auf alternative Formen der Wissensproduktion in selbstorganisierten Zirkeln und an den Rändern oder gar innerhalb von Institutionen gelenkt.

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Modelle wie Schule, Akademie oder Universität in letzter Zeit reizvoll für eine Vielzahl von künstlerischen, sozialen und politischen Aktivitäten geworden sind, die Bildung nicht nur als Thema aufgreifen, sondern praktisch, spielerisch und konzeptuell umsetzen. Zum anderen brennt die Frage, was aus den vielen verschiedenen Formen von Protestbewegungen seit Seattle zu lernen ist. Nach friedlichen und militanten Demonstrationen, Schlingensief-Theater und der Bono-Show haben sich die Nichteinverstandenen nun der Grammatik der Herrschenden ermächtigt und die Struktur des Gipfels gekapert – mit allem, was dazu gehört: Delegierte, Arbeitsgruppen und eine Deklaration.

Bewegung ohne Slogans

Der "Summit" sollte also nicht eine weitere Konferenz der aktivistischen Linken in der momentanen Mobilisierungsflut gegen den G8-Gipfel werden. Während andernorts das Messer gewetzt, mit Säbeln gerasselt und das Katz- und Mausspiel zwischen Ordnungsgewalt und Demonstranten spektakularisiert wird, gehen die Organisatoren den dritten, mitunter steinigeren Weg. Dafür haben sie den verwaisten Begriff des "non-alignment" aus dem Kalten Krieg neu besetzt.

Womit einst die Neutralität von blockfreien Staaten im Ost-West-Konflikt bezeichnet wurde, markiert hier eine offene Strategie, durch die die vielfältigen Einzelinteressen des globalen Widerstands miteinander verbunden werden können. Für Schneider liegt das Potenzial des 'non-alignment' in einer "Haltung des Weder-Noch", die sich nicht einem großen Ganzen unterordnen muss: "Migrantische, arbeits- und geschlechtsspezifische Aspekte können in einem Geflecht verhandelt werden, das vermeintliche Gegensätze wie 'institutionell vs. autonom' oder 'kommerziell vs. gemeinnützig' überschreitet." Bewusst wird auf Fürsprecher, plakative Slogans und einen verwässerten Minimalkonsens verzichtet. Schließlich will man nicht zu dem werden, wogegen man ist. Einfacher wird’s dadurch aber auch nicht. Schon die Gipfel-Website erschlägt den geneigten Protest-Touristen mit Textwüsten aus Spezialdiskursen.

Wohnsitz im Flüchtlingslager

Dennoch kristallisierte sich im Verlauf des Gipfels die Stärke der Metapher heraus, ermöglichte sie doch das transdisziplinäre Zusammentreffen von freien Inititiativen und unabhängigen Köpfen. Londoner Professoren der Visual und Cultural Studies, Architekten aus der Schweiz und Israel, Gewerkschafter aus Holland und den USA, Sex- und Wortarbeiter, indische Softwareentwickler und Medienaktivisten bildeten ein vielstimmiges Reservoir an der Schnittstelle von Akademie, Kunst und Kultur. Jeder für sich genommen ist schon eine blockfreie Einheit mit einer von Brüchen durchzogenen Biografie, wie Sandi Hilal: die palästinensische Architektin mit italienischer Staatsbürgerschaft und Wohnsitz in einem Flüchtlingslager vereint Widersprüche in sich. Einerseits tritt sie dem Machtgebaren von öffentlichen Bauten entschieden entgegen, andererseits macht sie sich für staatsbildende Institutionen in Palästina stark.

In der Praxis gestaltete sich der Clash der Agendas aufreibend. Die Delegierten trafen sich in Arbeitsgruppen über die Hackerkultur, Panels über Selbstorganisation oder zum öffentlichen Deklarationsentwurf. Oft blieb der Großteil der Anwesenden jedoch stumm. In den letzten Reihen schlug die Unruhe allmählich in Unmut um. Draußen im Foyer ging es immer lauter zu. Da wurden Beobachter zu Kritikern – enttäuscht von Erwartungen, aber ohne Einsicht in die Notwendigkeit einzugreifen.

Dass von reger Beteiligung nur punktuell die Rede sein konnte und oft keine Linie erkennbar war, mag auch am Theatersaal als Austragungsort gelegen haben. Viele Redner betonten, keine sein zu wollen, um die Diskussion zu öffnen, und murrten über die Trennung von Bühne und Publikum. Anderen wiederum machte der Graben nichts aus. So geriet der Workshop über die Streiks von Putzhilfen in den USA schnell zur Werbeveranstaltung predigender Gewerkschaftsbosse.

Gescheiterte Utopie

Doch es gab auch Momente, in denen das Potenzial der Veranstaltung hell erstrahlte, wie in der Geschichtsstunde über das "Black Audio Film Collective" mit dem Kulturwissenschaftler Kodwo Eshun, der das Gründungsmitglied der afrobritischen Filmgruppe John Akomfrah über ihre Einflüsse befragte. Gezeigt wurden Ausschnitte aus Filmen von Godard, Eisenstein oder Chris Marker. Akomfrah verstand die Filme als alternative Pädagogik, um sich selbst zu bilden und als schwarzer Avantgardist etwas zu werden, das in keinem offiziellen Lehrplan vorgesehen war.

Wie aber ringt man einer Meute von so verschiedenen und eigenwilligen Singularitäten am Schluss eine gemeinsame Deklaration ab? Nun - gar nicht. In der dritten Nacht des gemeinsamen Entwurfs kam es nach zermürbenden Diskussionen zum Eklat. Man erklärte die Utopie eines Masterplans für gescheitert. Florian Schneider sieht darin kein Problem, sondern einen Erkenntnisgewinn, der sich erst im Verlauf des Experiments abgezeichnet hat: "Wir sind mit der Deklaration notwendigerweise gescheitert. Weil wir nicht die Autorität und Legitimität reklamieren, weil es keine dominante Gruppe gibt und weil wir nicht für jemanden sprechen wollen, sondern uns als 'non-aligned' verstehen. Und trotzdem ist es notwendig, dass wir uns äußern. Jetzt geht es darum, das Scheitern produktiv zu machen, um daraus zu lernen." Dabei hört er sich nicht mal so an, als wolle er sich herausreden. Auf der Website summit.kein.org wird an den Prozess angeknüpft. Und vielleicht findet der nächste Gipfel schon bald in einem palästinensischen Flüchtlingslager oder einem ehemaligen französischen Mädcheninternat statt.