"Blind-Date-Special" bei Jauch Peitsche oder Rohrstock?
Gunda Hess ist eine sympathische junge Dame. Ledig, keine Kinder und aus Düsseldorf. Wenn sie chattet, nennt sie sich "Skihaserl". Wenn sie lacht, wackelt der Stuhl unter ihrem Hintern. Dirk Lippold ist ein nur wenig älterer Herr, der nicht unbedingt vor Lebensfreude übersprudelt. Geschieden, zwei Kinder und aus Paderborn. Im Internet nennt er sich "Der Süßeste von allen", aber natürlich auf Italienisch. Bevor er mal den Mund aufmacht, drückt er erstmal ängstlich die Lippen zusammen.
Doch das mit dem Lippenzusammendrücken half gestern Abend nicht, denn der selbständige mobile Augenoptiker saß bei "Wer wird Millionär", der Quotenfestung von RTL, die sich diesmal als "Blind Date Special" präsentierte. Es wurde gar nicht so wahnsinnig viel zwischen den Fragen geredet - aber für die potentielle Partnerzusammenführung alles Wichtige gesagt.
Sonderbar, wie Jauch das macht: Lässt seine Kandidaten da in blitzender Gameshow-Kulisse auf diesen futuristischen Bistro-Hockern sitzen, von denen ihnen unangenehm die Beine ins Nichts baumeln, während er ihnen beiläufig Intimes abringt, so als absolviere er gerade die zehnte Sitzung als Eheberater mit ihnen.
Jauch fragt dann zum Beispiel Kandidatin Hess, weshalb es mit dem letzten Partner nicht so recht geklappt hat. "Er war viel älter als ich", erklärt die. Wie viel älter? "14 Jahre". Aha, und was lasse denn in diesem Alter nach? Die Kandidatin kichert. Dann wird Kandidat Lippold dazu gerufen, den Hess bislang nur über den Chat im Internet kennt und der einen flatternden blassblauen Pullover anhat. Jauch: "Solche tragen 43-Jährige aber auch!" Hess dementiert: "Na, die Pullover von meinem Ex-Freund sahen sportlicher aus."
Korrekt arbeitet man sich in den fünfstelligen Gewinnbereich vor, aber die Fragen nach dem Wissen geraten langsam in den Hintergrund. Als die Kandidaten bei 32.000 Euro sind, weiß man eigentlich alles über sie. Dass Lippold sein Geld in die Expansion seines Unternehmens stecken will, dass er mit seiner letzten Frau drei Jahre gechattet hat, bevor sie zusammengekommen sind, dass er überhaupt ein ziemlich langsamer Typ ist und somit das Gegenteil der Gameshow-Hasardeurin Hess, die ihr Geld auf einer Weltreise verjubeln will. "Ich sehe da eine gewisse Dominanz. Es gibt Friktionen", so der trockene Befund von Partnervermittler Jauch.
Montag ist ja so was wie ein Tag der Wahrheit bei der RTL-Sendefamilie. Überall werden die Leute ausgequetscht. Erst tat das gestern Jauch bei "Wer wird Millionär?", im direkten Anschluss Christoph Bauer auf RTL 2 bei "Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit", der Show mit dem Lügendetektor.
Doch so ähnlich die Stoßrichtung, so unterschiedlich der Moderationsstil: Jauch improvisiert frei und versteht gerne auch mal etwas falsch, auf dass sich die Befragten konkreter fassen müssen und noch mehr von sich preisgeben; Bauer liest jede einzelne Frage vom Kärtchen ab, um bloß alles richtig zu machen. In Jauchs Plauderton wirkt noch das intimste Nachbohren wie ein sanftes Schulterklopfen, während Bauer selbst bei der Frage nach dem Lieblingsbrotaufstrich den CIA-Verhörer spielt.
Das zeigt, wie weit die beiden Shows auseinander liegen: Bei "Wer wird Millionär?" wird das Anderssein als Normalität gefeiert, bei "Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" wird der Normalo als andersartig vorgeführt - was auch damit zu tun hat, dass bei RTL 2 mindestens jede zweite Frage auf die mögliche Abweichung vom geschlechtlichen Status Quo zielt. Jeder ist da irgendwie schuldig.
SM-Szenarien am Bistrotisch
Ein bisschen ging es gestern übrigens auch bei Jauch ums Thema Nummer eins, immerhin muss bei so einem "Blind Date Special" auch der sexuelle Horizont des anderen erschlossen werden. So wurde irgendwann die Frage gestellt, was nicht in ein Dominastudio gehöre: Die Peitsche? Der Rohrstock? Oder doch die Lüsterklemme?
Keiner der beiden Kandidaten wollte so recht sein Wissen in diesem Bereich unter Beweis stellen. Aber mit welcher Lust sie an ihrem Bistrotisch die unterschiedlichen SM-Szenarien durchspielten, ließ auf eine gewisse Experimentierlaune schließen.
Paartherapeut Jauch lächelte selig.