Boris Michailow Der Feind ist das Leben
Zwischen dem offiziellen Bild, das die Sowjetunion einst von sich und ihrer siegreichen Arbeiterklasse hatte und der Realität damals und heute liegen Welten. Helden sehen anders aus als jener "verdiente Lokomotivführer", den der ukrainische Fotograf Boris Michailow für seine zirka 400 Aufnahmen umfassende Arbeit "Case History" in der kargen "Komunalka" in Charkow besucht hat. Weder der Globus, den der Mann präsentiert, noch seine Auszeichnung am Revers oder die Reste der stolzen Uniform vermögen den Betrachter auch nur den Bruchteil einer Sekunde lang zu blenden. Die schäbigen Teppiche, das traurige Unterhemd und der Rest des Mobiliars sagen genug. Auf einer weiteren Aufnahme wird gezeigt, wie er eine Axt schwingt - ein Schlächter, eine tragische Gestalt. Auch, was die Nachbarn über den Mann berichteten, klingt nicht sonderlich heldenhaft: Seine Katze habe er erschlagen, da er von seiner knappen Rente für das Tier kein Futter mehr kaufen konnte.
Dennoch bezeichnet Boris Michailow die "Bomzhes" (Obdachlosen ohne finanzielle Unterstützung), die er zwischen 1997 und 1998 in Charkow fotografiert hat, als "Helden". In der brutalen Zeit des Übergangs würden sie als Erste sterben, so seine Begründung, "als schützten ihre Leben die Leben der anderen." "Wer stirbt denn im Krieg zuerst?", so fragt der ehemalige Elektroingenieur, und gibt auch gleich die Antwort: "Helden natürlich. Sie gehen zuerst rein und sterben als Erste. In dieser Situation erleben wir Ähnliches." Der Feind, den Jung und Alt so wacker mit Klebstoffschnüffeln und Wodka bekämpfen, sei "das Leben."
Nun sind die von einer Bank preisgekrönten Dokumente dieses verzweifelten und aussichtslosen Kampfes nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, in der Londoner Whitechapel Gallery zu sehen, die sich seit einem Jahrhundert um einen Austausch zwischen elitärer Kunstwelt, sozialer Realität und der unmittelbaren Umgebung im traditionell armen Londoner Osten bemüht. Stattdessen stellt die Saatchi Gallery die Werke Michailows aus - die kühlen Räume in der Boundary Road sind einer der heißesten Treffpunkte der hippen Londoner Society.
Bei der Eröffnung der Ausstellung war alles vertreten, was in London Geld, Rang, Namen oder zumindest ein frisches Piercing hatte: von der unübersehbaren Louis-Vuitton-Anhängerschaft über die funky Pop-Fraktion bis zu den Vertretern des diskreten Charmes der Bourgeoisie. Vielleicht auch, weil sich vor der Armut anderer Leute der eigene Reichtum besonders gut inszenieren lässt.
Es wäre naiv, bei diesem Kontrast auf die oft beschworene "aufrüttelnde Wirkung" der Aufnahmen zu hoffen. Doch gelingt es Michailow zwischen vielen Arbeiten, die lediglich banale Beobachtungen darstellen oder auf den bloßen Schock angelegt sind, immer wieder, den Betrachter zu verunsichern. Besonders schockierend für das abgeklärte westliche Auge ist der Blick in den eigenen Zerrspiegel: Als wäre es ein Bild unter dem gallischen Motto "Liberté, toujours", lümmelt da ein noch nicht einmal jugendlicher Obdachloser mit durchgeblutetem Kopfverband und blauem Auge in der Gegend herum und mimt trotz seiner verzweifelten Lage den entspannten Freizeitbürger, der heute mal wieder tut, was er am liebsten mag: Nämlich gar nichts. Doch die Ferien für immer stellen sich hier nur noch als Vorhölle einer deindustrialisierten Zone dar, in der jedes Mittel zum Überleben gut genug ist. Dazu gehört auch das Modellstehen in drastischen Posen für den Fotografen. Michailow wurde mehrfach dafür kritisiert, dass er seine "Modelle" bezahlte. Der Künstler antwortet auf diese Vorwürfe: "Wer würde ihnen denn sonst überhaupt Geld geben?"
Boris Michailow: "Case History", Ausstellung 13.9. bis 25.11.2001, The Saatchi Gallery, 98a Boundary Road,
London. Öffnungszeiten Do.-So. 12-18 Uhr
Das Buch zur Ausstellung: "Case History", Scalo Verlag 1999; 480 Seiten; 439 Abbildungen; 98 Mark