Architektin Bo Bardi Frei und ungezähmt
Wie kann man verhindern, nach dem Tod vergessen zu werden? Wahrscheinlich muss man etwas schaffen, das bleibt. Von dem viele Menschen etwas haben. Ein Haus, einen Stuhl, ein Kulturzentrum, ein Museum - wer all das erdacht und erbaut hat, demjenigen sollte doch ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher sein.
Nicht so Lina Bo Bardi. Die italienischstämmige brasilianische Architektin (1914-1992) ist genauso wie Lilly Reich und viele andere Architektinnen ihrer Generation vergessen worden. "Lina Bo Bardi hat keinen Wert darauf gelegt, sich selbst zu bewerben. Sie war kein Oscar Niemeyer, der bis ins hohe Alter ein exzellenter Propagandist seiner eigenen Arbeit war", sagt Noemí Blager. Sie ist Kuratorin der Ausstellung "Lina Bo Bardi - Together", die nun im Deutschen Architektur Zentrum DAZ in Berlin gezeigt wird.
Auch Blager, selbst Architektin und aus Argentinien, kannte Bo Bardi bis vor einigen Jahren nicht. Dabei ist Brasiliens wichtigstes Museum, das Museu de Arte de São Paulo, kurz MASP, von Bo Bardi. Ebenso das Kultur- und Sportzentrum SESC Pompéia oder das Museu de Arte Popular do Unhão in Salvador da Bahia. Und Bo Bardi konnte noch viel mehr - sie entwarf Theaterkostüme und Möbel, wie den Bowl Chair, den das italienische Möbelunternehmen Arper nun zum ersten Mal seit seinem Entwurf zu fünfhundert Stück à 5000 Euro hat fertigen lassen, sie schrieb und illustrierte für Mode- und Kunstmagazine. Die Wanderausstellung "Together" in Berlin thematisiert allerdings fast nur ihre Bauwerke.
Dschungel im Wohnzimmer
Schade, dass man Architektur nicht um die Welt schicken kann. Stattdessen zeigen nun Videos von Tapio Snellman das Leben und Treiben in Bo Bardis Bauten, die von so viel Farbe, Spaß und Großzügigkeit zeugen, dass man am liebsten in die Leinwand springen würde. Mitten hinein ins SESC Pompéia, eine ehemalige Fassfabrik aus der Bo Bardi zwischen 1977 und 1986 ein wildbuntes Kulturzentrum machte, mit Himmelsbrücken, die die Besucher über die Dächer von São Paulo vom einen ins andere Gebäude bringen, einem Schwimmbad, Basketballfeldern oder Theaterworkshops. Oder in ihr Luftschloss aus Glas, ihr Wohnhaus in São Paulo, 1953 gebaut, dem in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet ist. Ein gläsernes Rechteck auf Stelzen, in der Mitte ausgehöhlt, sodass der brasilianische Dschungel mitten durchs Wohnzimmer wachsen kann, frei und ungezähmt. Denn das war es, was Bo Bardi mit ihrer Architektur suchte, die Freiheit. Für die hatte sie 1946 ihr Heimatland Italien verlassen.
Bo Bardi, 1914 als Achillina Bo geboren, hatte nach ihrem Architekturstudium einige Jahre für Gio Ponti gearbeitet und 1940 ihr eigenes Büro eröffnet. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war alles anders - Bo Bardi reiste 1945 für Pontis Zeitschrift "Domus" durch Italien, das Leid und die Zerstörung, die sie auf dieser Reise sah, sollten sie ein Leben lang prägen. "1946 realisierten wir, dass unser Traum eines modernen und freien Italien bereits vorbei war", sagte Bo Bardi 1992 der Journalistin Olivia de Oliveira. Ihr Mann Pietro Maria Bardi, damals Direktor der Galleria d'Arte di Roma, hatte gute Kontakte nach Brasilien, das Auswandern war beschlossene Sache.
Durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und in der Auseinandersetzung mit der Handwerkskunst der Brasilianer veränderte sich ihr Ansatz - weg von der glatten Moderne hin zu einer sozialeren und politischeren Architektur, die in engem Dialog steht mit den Menschen vor Ort, ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten und ihrem handwerklichen Geschick, von dem sie als Architektin gerne Gebrauch machte. Ihre Häuser sollten leben, und sie tun es bis heute - ihr Kunstmuseum in São Paulo, eine Box aus Glas, hängte sie an zwei knallrote Betonbügel über einen offenen Platz. Dieser überdachte Raum sollte für Spontanes und Ungeplantes da sein, eine architektonische Einladung zum Zusammenkommen, eine Geste aus Beton. "Noch heute startet fast jede Demonstration in São Paulo von diesem Platz", erzählt Kuratorin Blager. Auch in diesen WM-Wochen, in denen die ganze Welt nach Brasilien schaut. Auch auf Bo Bardis Gebäude, ohne von ihr zu wissen.