Breker-Ausstellung Nebel in der Tabuzone
Schwerin - Vor dem Eingang haben sich zwei Polizeibeamte postiert, drinnen achten Sicherheitsleute auf jede verdächtige Regung und mehrere Zivilpolizisten haben sich unter die Gäste gemischt. Im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin will man für alle Fälle gerüstet sein. Für Proteste wütender Antifaschisten oder den Aufmarsch militanter Neonazis.
Die Welt schaut in diesen Tagen auf die kleine Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns, sogar ein Reporter von der "New York Times" hat sich angekündigt. Das passiert selten genug, deshalb will man sich von seiner besten Seite präsentieren. Der Dielenboden ist so frisch gebohnert, dass man bei jedem Schritt festklebt, und in einem angrenzenden Raum werden den angereisten Gästen zur Erfrischung Fruchtspieße gereicht.
Man könnte sagen, dass der Coup gelungen ist, im Sommerloch gehörig ins Gerede gekommen zu sein. Dafür hat man sich ganz schön was getraut: Als erste öffentliche Institution nach Ende des Zweiten Weltkrieges widmet das kommunale Schleswig-Holstein Haus dem umstrittenen Bildhauer Arno Breker (1900 bis 1991) eine Einzelausstellung. Unter dem Titel "Zur Diskussion gestellt" werden bis zum 22. Oktober rund 70 Werke von dem Mann gezeigt, der Hitlers Lieblingsbildhauer war und der als "Dekorateur der Barbarei" (Klaus Staeck) dem nationalsozialistischen Wahn vom Herrenmenschentum bereitwillig skulpturale Entsprechungen schuf.
Um es gleich zu sagen: Alles blieb ruhig bei der Eröffnung am Freitag. Keine Störenfriede oder unliebsamen Claqueure, nur eine einsame Protestierende, die vor dem Eingang Flugblätter verteilte und einen Bilderzyklus zeigte "In Verehrung für die entarteten Künstler". Die einzigen, die die gewohnte Stille störten, waren die Journalisten. Mit ihren Kameras, Mikrofonen und Laptops fielen sie in das windschiefe Fachwerkhaus ein. Sie drängelten sich durch die winzigen Ausstellungsräume und wischten sich im Sekundentakt den Schweiß von der Stirn. Allerdings nicht vor Aufregung über die Brisanz dessen, was sie zu sehen bekamen, sondern vor Hitze.
Leerer Blick ins Nirgendwo
In der Mediendiskussion der vergangenen Tage war es nicht mehr so sehr um die Frage gegangen, ob man Brekers Nazi-Kunst ausstellen dürfe oder nicht. Sie ist, unter anderem von Günter Grass, Michael Naumann und Michel Friedmann inzwischen überzeugend mit "ja" beantwortet worden. Es ging in Feuilleton-Artikeln und Stellungnahmen prominenter deutscher Geistesgrößen zur Causa Breker immer mehr darum, wie ein solches heikles Unterfangen zu bewerkstelligen sei.
In Schwerin geht man chronologisch vor, zeigt die Anfänge Brekers, als der Bildhauer in Frankreich lebte und stark von Rodin beeinflusst war. Es folgen die "Entscheidungsjahre", die Breker als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom verbrachte und schließlich seine Rückkehr nach Deutschland. "Im Auftrag" haben die Ausstellungsmacher jene Schaffensperiode genannt, in Breker sich als hoch dotierter Staatsbildhauer hemmungslos Hitler und seinen gigantomanen Ideen verschrieb und zum Profiteur des Regimes wurde.
Die zwei Skulpturen "Wäger" und "Wager" machen das besonders deutlich: Nach antikem Vorbild modellierte Körper, denen Breker Köpfe und Frisuren nach dem damaligen Zeitgeschmack aufgesetzt hat. Das Kreuz übertrieben V-förmig, den leeren, entindividualisierten Blick ins Nirgendwo gerichtet. Seine Statuen sollten "nordisches Rassegefühl" ausdrücken, dafür wurde Breker gefeiert.
Auch sein Wirken nach 1945 ist dokumentiert. Büsten von Salvador Dali, Konrad Adenauer oder Ludwig Erhard zeigen, dass Breker nach dem Krieg, obwohl nicht mehr öffentlich ausgestellt, dennoch von prominenten Gönnern unterstützt wurde. Dazu sind einige Fotos und Urkunden in Vitrinen zu besichtigen, ergänzende, durchaus kritische Erklärungen sind an den Wänden angebracht.
Nein, diese Arno-Breker-Ausstellung ist sicherlich keine Hommage, davon wird sich jeder Besucher leicht überzeugen können. Die Ausstellungsmacher, allen voran der Kurator Rudolf Conrades, haben sich redlich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln darum bemüht, einen Überblick über Arno Brekers Schaffen zu geben und damit dieses kunstgeschichtliche Phantom des Dritten Reiches ein wenig zu enttabuisieren.
Interessengeleitete Ausstellung
Doch hier liegt das Problem: Es zeugt im besten Falle von Naivität, dass sich ausgerechnet ein städtisches Kulturhaus ohne wissenschaftliche und personelle Kapazitäten an ein so heikles Thema wagt. Tatsächlich ist die Forschung über die Zeit des Nationalsozialismus auf keinem Gebiet so lückenhaft wie in der Kunstgeschichte. Auf den Bildhauer Arno Breker trifft das ganz besonders zu, da ein Großteil seines Werkes im Krieg zerstört wurde oder verschollen ist.
Zudem hält seine Witwe, die die Leihgeberin aller in Schwerin ausgestellten Stücke ist, alle Dokumente über ihren verstorbenen Ehemann, die Aufschluss über seine Verstrickung in die Machenschaften des Regimes geben könnten, unter Verschluss. Im Katalog ist ein zweifelhafter Beitrag zu lesen, der offenbar von einem Bekannten der Breker-Witwe verfasst wurde. Er hatte, wie den Fußnoten zu entnehmen ist, als einziger Einsicht in das Breker-Archiv und beschreibt Brekers Engagement für politisch Verfolgte.
Das alles legt nahe, dass die Ausstellung in erheblichem Maße vom Interesse der Witwe abhängig ist.
Wichtige Tatsachen wie die dünne Quellenlage hätte man in der Ausstellung thematisieren müssen. Ebenso wird ein wichtiges Charakteristikum von Brekers während der NS-Zeit entstandenen Skulpturen unterschlagen: ihre schiere Größe. Lediglich auf einem unscheinbaren Foto, lassen sich die gigantomanen Ausmaße vieler Arbeiten erahnen. Breker steht inmitten seiner von ihm geschaffenen Werke und wirkt wie ein Zwerg. Sicher, die Decken der Ausstellungsräume sind zu niedrig, um seine großen Bronzen dort zu zeigen, doch man hätte andere Wege finden können, das deutlich zu machen. So verniedlicht man Breker und nicht wenige werden sich fragen, wozu die ganze Aufregung gut gewesen ist.
So besteht denn auch die Eröffnungsfeierlichkeit hauptsächlich in verbalem Schulterklopfen nach dem Motto: "Denen haben wir es gezeigt". Vom Minister über den Kulturdezernenten bis zum Kurator ist man sichtlich stolz auf die gelungene Provokation, die man vorab reichlich ungeschickt als "Kultursommer-Event" vermarktet hatte. Die Witwe Brekers indes hält sich im Hintergrund. Für Fragen steht sie nicht zur Verfügung, doch dringt durch, dass sie mit der Präsentation ihres Ehemannes nicht glücklich ist: zu viel Hitler.