Britisch-Pakistanische Kunst Haben oder nicht Sein
Indischer oder pakistanischer Alltag ist in England inzwischen zu einem Teil der populären Kultur geworden: Bücher wie "Der Buddha aus der Vorstadt" und Filme wie "Mein wunderbarer Waschsalon" haben ein großes Publikum erreicht. Dazu steht in jeder fortgeschrittenen Plattensammlung eine Scheibe von Cornershop, die mit "Brimful of Asha" sogar einen richtigen Hit hatten. Hanif Kureishi und Talvin Singh sind also keine Unbekannten mehr, aber was ist mit Sutapa Biswas oder Shez360? Wer nicht das Glück hatte, die Ausstellung "Crown Jewels" in Hamburg oder Berlin zu sehen, kennt diese Künstler wahrscheinlich nicht.
Dabei haben sie einiges zu sagen: Der 26-jährige Londoner Künstler Shez360 ist pakistanischer Herkunft und setzt sich kritisch mit der Repräsentation von Minderheiten in Werbung und Medien auseinander. Nicht ohne Grund hat er seine aktuelle Arbeit, das "Tower Hamlets Billboard Project", an genau jenem Ort platziert, an dem neuerdings wie ansonsten überall in London auch "Haben oder nicht Sein" die Frage ist: Tower Hamlets ist ein traditionelles Einwandererviertel, doch in der letzten Zeit ändert sich da einiges. Die Brick Lane ist schick geworden, und mit den Designern und Künstlern sind die Immobilienmakler gekommen. Sie preisen die Gegend an, weil sie angeblich so "multikulturell" ist - ohne dass die Leute, die wirklich einen anderen kulturellen Hintergrund haben, etwas davon hätten.
Der Graben ist tiefer denn je, mal abgesehen von ein paar weißen Liberalen um die dreißig, die indisch essen gehen und so tun, als würden sie die Gerichte kennen "um dann am Ende die Gegend zu übernehmen", berichtet Shez360. Von Mittwoch an werden in Tower Hamlets vier seiner großen Plakatwände zu sehen sein, auf denen ein junger Asiate in verschiedenen Posen als Hamlet dargestellt wird. Ein Appell zur Überprüfung von Stereotypen, den Shez360 ausdrücklich nicht allein an all jene richtet, die meinen, sie wüssten, was nun genau "englisch" sei und was nicht.
Seine bisherige Arbeit hat ihm jedoch ironischerweise nicht etwa Kritik, sondern Lob von der falschen Seite eingebracht: Der damalige Benetton-Star-Fotograf und Werbechef Oliviero Toscani persönlich bot ihm nach einer Einladung in die Benetton-Kreativfabrik einen Einjahresvertrag an - den Shez360 allerdings dankend abgelehnt hat. Berührungsängste mit dem Mainstream hat er, anders als einige Künstler der vorangehenden Generationen, dennoch keine: "Ausbeutung kann in die verschiedensten Richtungen stattfinden. Und was meine Generation betrifft, so sind wir mehr als glücklich, auszubeuten, bevor wir ausgebeutet werden. Ich glaube an Anarchie von innen." Dass beispielsweise Design-Magazine seine Arbeiten veröffentlichen, stört ihn nicht - im Gegenteil. Er betrachtet es als Würdigung seiner hohen professionellen Standards.
Dass er der Werbung eines Tages doch noch auf den Leim gehen wird, ist vorerst übrigens nicht zu befürchten, denn dafür hasst er sie, zumindest gelegentlich, doch zu sehr. So wurde unter einem seiner Plakate eines der britischen Milchindustrie platziert, das vor einem schwarzen Hintergrund ein weißes Glas Milch zeigt und, auf "the right stuff" anspielend, fragt: "The white stuff - are you made of it?" Da kann Shez360 nur noch den Kopf schütteln: "Machen die das mit Absicht, sind die einfach nicht ganz dicht oder haben die ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Das ist ja absurd. Wenigstens hängt mein Plakat über ihrem, in solchen Momenten glaube ich dann wieder an Gott."
Doch wird Shez360 auch dem Zugriff des Kunstmarkts entkommen, wie er einst in jungen Jahren als Sprüher nächtens flink der Bahnpolizei entkommen ist? Seine nächste Ausstellung, die einen Galerieraum zum Schein in eine multikulturelle Werbeagentur verwandelt, findet nämlich im November in einer Galerie in der noblen Isestraße in Hamburg-Eppendorf statt. Die Wahrscheinlichkeit, dort ein ähnliches Publikum wie in Tower Hamlets direkt mit seinem Anliegen zu erreichen, dürfte erfahrungsgemäß nicht sonderlich groß sein.