Britischer Boulevard-Journalismus Wie die Ratten
Boulevardzeitung "News of the World": Nicht der einzige Fehltritt
Foto: Wolfram Steinberg/ dpaWie um Himmels Willen konnte das passieren? Wie kann es sein, dass Journalisten und ihre käuflichen Helfer die Mailbox eines Mordopfers und der Familien von in Afghanistan getöteten Soldaten abgehört haben? Die Antwort liegt verborgen in den eigentümlichen Gepflogenheiten des britischen Zeitungsjournalismus und des Boulevardjournalismus im Besonderen.
Fast das gesamte 20. Jahrhundert über scharten sich die Zeitungen in der Londoner Fleet Street. Die Reporter trafen sich nur wenige Schritte - oder wenige Stolperer - entfernt von den Redaktionen in den umliegenden Kneipen und bedachten sich gegenseitig mit Erzählungen davon, was sie für ein großartiges durchtriebenes Spiel hielten. Tricks, wie man an Geschichten herangekommen war, wurden hier zu Legenden. Täuschung wurde mit Verweis auf das öffentliche Interesse an der Wahrheit gerechtfertigt. Der Kriegsreporter Nicholas Tomalin schrieb einst: "Die einzigen Qualitäten, die es für Erfolg im Journalismus braucht, sind ratten-ähnliche List, vernünftige Manieren und ein bisschen literarisches Können."
Der Übermut der ratten-ähnlichen List wurde von der Fleet Street mit in die trostlosen Büros der sanierten Sümpfe Londons genommen, wohin die Zeitungen in den achtziger Jahren übersiedelten - angeführt von Rupert Murdoch, der die Gewerkschaften entmachtete und mit einer heimlich aufgebauten neuen Mannschaft 1986 in ein neues Gebäude zog.
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Und der Übermut wurde mitgenommen in eine technisierte Welt, in der die Möglichkeiten, sich des intellektuellen Eigentums anderer zu bedienen, viel größer und viel anfälliger für Missbrauch waren. Im Vergleich zum Zugang zur Handy-Mailbox einer Person hat das Durchwühlen einer Mülltonne als Nachrichtenquelle nur begrenzten Wert.
Ohne Geschichte kein Job
Und der Übermut wurde mitgenommen in eine brutaler gewordene Welt der Grenzüberschreitungen und der Promi-Verehrung, in der die Zeitungen ums Überleben kämpfen. Reporter, die keine Geschichten hatten, mussten am Montag gar nicht erst ins Büro kommen.
Nicht, dass das die Öffentlichkeit besonders gestört hätte. Schließlich wurden die Zeitungen gekauft. Und nicht zuletzt herrschte das Gefühl, dass eine knurrende, unkontrollierbare Presse besser wäre als eine zahme, die den Mächtigen die Hände leckt.
"News of the World": Aus für ein Skandalblatt
Politiker hat das seltsame Wertesystem des britischen Boulevardjournalismus vielleicht gestört. Aber den Mund aufmachen und Unternehmen kritisieren, von deren ihre Karrieren abhängen? Das hat keiner gewagt.
Führende Politiker sowohl der Rechten als auch der Linken haben Rupert Murdoch hofiert. Bis jetzt. Was den Skandal vom Plauderthema zum Aufreger machte, war die Enthüllung, dass die Hinterhältigkeit der Reporter so weit reichte, dass sie sich in die Mailbox einer vermissten 13-jährigen Schülerin einloggten. Und nicht nur das: Alte Nachrichten wurden gelöscht, um Platz für neue zu schaffen - was bei den Angehörigen des Mädchens die falsche Hoffnung weckte, es wäre doch noch am Leben. Für die Öffentlichkeit ist Promi-Klatsch und Talkshow-Geschwätz das eine. Aber die vertraulichen Nachrichten einer brutal ermordeten Jugendlichen oder trauernder Familien von toten Soldaten abzuhören eine ganz andere.
Plötzlich werden die Reporter angegriffen
Das Unbehagen über die Methoden der Boulevard-Medien ist allerdings nicht ganz neu. Vor nicht allzu langer Zeit haben britische Gerichte angeordnet, dass nicht mehr über die unehelichen Affären von Prominenten berichtet werden darf - und selbst über solche Verbote darf nicht mehr berichtet werden. Damals empörte sich die Presse und argumentierte, dass hier ein gefährlicher Angriff auf das Informationsrecht der Öffentlichkeit vorliegen würde. Aber gerade die Öffentlichkeit, in deren Namen man argumentierte, scheint nicht überzeugt zu sein. So konnte es zuletzt schon mal passieren, dass die Autos von Reportern, wenn sie an einem Schauplatz ankamen, angegriffen wurden. Die Leute lieben vielleicht Klatsch, aber sie mögen die Methoden, wie man an den Klatsch kommt, nicht besonders.
Bislang war die britische Einstellung zum Schutz der Privatsphäre entspannter als in Deutschland. Aber die Grenzverletzung der "News of the World", die Privatsphäre einfacher Menschen - und nicht Promis - zu stören, scheint echte Abscheu hervorgerufen zu haben. Das geht einen Schritt zu weit.
Polit-Skandälchen legen sich meist, das kollektive Gedächtnis vergisst sie schnell. Aber bei diesem Skandal kann man sich nicht des Gefühls erwehren, dass hier etwas in Bewegung geraten ist. Die Ereignisse entwickeln sich unvorhersehbar. Noch weiß niemand, was die politischen Folgen für Premierminister David Cameron sein werden, der enge Verbindungen zum "News of the World"-Führungspersonal hat. Und niemand weiß, welche Folgen die Affäre für Murdochs gesamtes Unternehmen haben wird.
Rupert, so heißt es, sei mit ganzem Herzen ein Zeitungsmensch. Er erbte von seinem Vater eine Lokalzeitung und machte aus ihr ein Medienimperium. Sein Sohn und offensichtlicher Thronfolger James ist nicht aus demselben Holz geschnitzt. Er hat den britischen TV-Kanal BSkyB im Visier. Die überkommenen und zweifelhaften Gewohnheiten der "News of the World" mögen nun seine Hoffnungen auf eine helle, druckerschwärze-freie Zukunft im Fernsehgeschäft nähren. Ob sie kommt, wissen wir nicht.