Bronx-Comeback: Coole Kunst des Überlebens - DER SPIEGEL
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Bronx-Comeback Coole Kunst des Überlebens

Er regiert das Ghetto mit seinen Waffen: Mit Pinsel und Leinwand machte Tim Rollins angehende Gewalttäter aus der Bronx zu Stars der Kunstwelt. Jetzt feiert er ein grandioses Comeback - seine Schützlinge sagen: "Er hat uns die Zukunft gerettet."
Von Lars Jensen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein erstes Treffen mit Tim Rollins an einem Augusttag in New York um ein Uhr mittags. Draußen ist es so heiß, dass dem Bus auf der 23rd Street ein Reifen geplatzt ist. Vom Tresen der dunklen Kellerbar, in der wir uns verabredet haben, kann man das Drama gut beobachten – die Klimaanlage kühlt uns und die anderen Gäste ab. Ein abgekämpfter, aber glücklicher Rollins sitzt da. Mit einem verschmitzten Gesicht, dessen Ausdruck stets zwischen Stolz und Zweifel schwankt. Er hat alles gesehen, alles erlebt, was einem Lehrer in der Bronx in einem Vierteljahrhundert zustoßen kann. Respekt: Das Lachen hat er unterwegs nicht verlernt.

Dem Reporter scheint er allerdings nicht zu trauen. Vermutlich traut Rollins niemandem auf Anhieb. Nun soll er sich erst mal einen Drink aussuchen. Der Lehrer wählt: Gin Tonic, das beliebte Mittagsgetränk. Tim Rollins, 52, sieht aus, als habe er noch nie eine Pistole in der Hand gehalten. Oder eine Fliege zerklatscht. Er regiert das Ghetto mit seinen Waffen – mit Pinsel und Leinwand formte er angehende Gewalttäter zu Stars der Kunstwelt. "Doch mein Aussehen täuscht", sagt Rollins. "Mit liberalen Methoden alleine kommst du in der Bronx nicht weiter. Da musst du manchmal brutal und eiskalt entscheiden."

Zum Beispiel im Fall von Carlos Rivera. Ein junger Kerl ohne Eltern, der unter schwerster Dyslexie leidete, als er Ende

der achtziger Jahre bei Rollins auftauchte. Zehn Jahre lang versuchte der Lehrer, Carlos zum Schulabschluss zu treiben. Drei Mal fiel der Junge durch. Doch Carlos war einer der talentiertesten Mitarbeiter in Tim Rollins' Kunstworkshop. Am Tag der allerletzten Prüfung war Carlos wieder spurlos verschwunden – mit seinen Freunden von den Drogengangs. Rollins schmiss Carlos' Kunstwerke auf die Straße. Ein wirksamer Schock: Carlos schaffte später den Abschluss und studierte sogar.

Überall wollen die Leute Rollins’ Geschichten hören. Er verbreitet Hoffnung, und wenn er in Fahrt ist, hat er die Qualitäten eines Star-Entertainers. Gerade kommt er von einer Vortragsreise aus Michigan zurück, wo er über Erziehung und Kunst sprach; übermorgen fliegt er nach Belfast, um mit Schülern an einer Installation im öffentlichen Raum zu arbeiten. Das viel wichtigere und aufwendigere Projekt spielt sich allerdings im Atelier in Chelsea ab. Hier bereitet er mit seinem Team die Werkschau vor, die in der Züricher Galerie Eva Presenhuber zu sehen sein wird: "Tim Rollins and K.O.S.: 25 Years".

Man kann durchaus folgende Behauptung aufstellen: Die Karriere von Rollins, wie er 1982 seinen Job als Lehrer in der South Bronx begann, an der Schule ein Kunstprojekt für Härtefälle gründete, mit den Schülern Ende der achtziger Jahre zur Marktsensation wurde, in Vergessenheit geriet und nun ein internationales Comeback erlebt – das ist die rührendste Geschichte, die die New Yorker Kunstwelt zurzeit zu bieten hat.

Rick Savinon, 36, eines der dienstältesten Mitglieder der "Kids of Survival", drückt es so aus: "Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod. Wenn ich sterbe, hängt mein Werk immer noch im MoMA. Wir sind unsterblich geworden durch unsere Kunst." Um genau zu sein, zeigt die aktuelle Hängung des MoMA sogar drei Gemälde von Tim Rollins and K.O.S. Und viele weitere sind in Dutzenden Häusern wie der Londoner Tate Gallery, dem New Yorker Whitney Museum oder dem Museum für Gegenwartskunst in Basel zu sehen.

Eigentlich überrascht es nicht, dass Rollins ausgerechnet 2007 für das große Publikum wiederentdeckt wird. Auf der verzweifelten Suche nach Kunst, die mehr bietet als Unterhaltung und Rendite, durchforstet der Betrieb die Lager und die Erinnerungen und stößt auf diese Künstlergruppe, die von Rollins mit einem ganz pragmatischen Ziel gegründet wurde. Er wollte ein paar Kindern helfen zu überleben. Wollte Jugendlichen eine Alternative zeigen zum Leben auf der Straße. Sie sollten begreifen, dass es für die Zukunft hilfreicher ist, ein Buch zu lesen, als an der Straßenecke mit Crack zu dealen.

Dass die Bilder von Tim Rollins and K.O.S. im Juni 2007 reißenden Absatz auf der Art Basel finden würden, war damals nicht Teil des Plans gewesen. Aber natürlich wirkt diese Kunst heute wieder irrwitzig trendy. Wahrhaftigkeit ist das heiße Ding in einer Zeit, in der es selbst russischen Oligarchengattinen zu peinlich ist, den brillantenbesetzten Platinschädel von Damien Hirst zu kaufen.

Dann lieber eines dieser großformatigen Gemälde von Tim Rollins and K.O.S., die so seltsame abstrakte Formen zeigen und in den besten Fällen die Energie des abstrakten Expressionismus mit der Eleganz der Minimal Art verbinden. David Ross, der ehemalige Kurator des MoMA und heutige Leiter der Yale School of Art, sagt: "Die Arbeiten handeln nicht von sozialen Problemen, dem harten Leben im Ghetto und anderen naheliegenden Stereotypen. Sie sind so großartig, weil sie die Fantasie nutzen und durch Metaphern den Horizont erweitern, zum Denken anregen. Außerdem zeugen die Bilder von einem enormen ästhetischen Talent."

"Es ging für viele einfach nur ums Überleben"

In Maine geboren und aufgewachsen, war Rollins 1978 nach New York gekommen, um Kunst zu studieren und Künstler zu werden. Doch der Durchbruch gelang ihm nicht, und so nahm er den Job als Lehrer in der Bronx an. Ein 26-Jähriger, der im Wald aufgewachsen war, fand sich plötzlich in einem Kriegsgebiet wieder. "Es kann sich heute keiner mehr vorstellen, wie es 1982 in der South Bronx zuging", sagt Rollins. "Ich konnte die Geschichten nicht glauben, die ich hörte und erlebte. Zwölfjährige kamen mit Schusswunden zum Unterricht, ständig starben Elternteile, Crack wurde gerade populär. Ein Junge sagte, er konnte nicht kommen, weil ihn die Mutter eines Freundes zum Sex zwang. Der Bursche war 13 Jahre alt. Unser Name 'Kids of Survival' war kein Marketinggag, sondern ernst gemeint. Es ging für viele einfach nur ums Überleben."

In den ersten Jahren war der Arbeitsweg von der U-Bahn-Station Prospect Avenue bis zur Public School 52 – zehn Minuten zu Fuß – ein allmorgendlicher Parcourslauf vorbei an brennenden Autos, brennenden Ruinen, brennenden Mülltonnen. Oft hallten Schüsse über die endlosen Brachflächen, manchmal lagen Cracksüchtige im Weg. "Doch ich wusste am ersten Tag, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. In all dem Chaos war auch eine gewaltige kreative Energie zu spüren. Hip-Hop war gerade geboren, und die Graffitikultur breitete sich aus", sagt Rollins.

Also gründete er einen nachmittäglichen Workshop mit dem Titel "Art and Knowledge" in einer leerstehenden Etage des Schulgebäudes. Eingeladen waren alle Jugendlichen ab 13 Jahren, die Schwierigkeiten in der Schule hatten und über künstlerisches Talent verfügten oder einfach Lust hatten mitzumachen. Die Regeln, die Rollins aufstellte, waren klar und verständlich, aber nicht für jeden einfach einzuhalten.

1. Keine kriminellen Aktivitäten außerhalb und innerhalb des Workshops
2. Keine Drogen
3. Keine Waffen
4. Wer nicht täglich zur Schule geht, fliegt raus
5. Kein Ärger mit Mädchen

Dann tauchten Jungs wie Rick Savinon auf. Ein Straßendealer, der immer wieder sitzenblieb, weil er nicht zum Unterricht erschien. "Die Versuchung war groß", erinnert sich Rick, "denn ich konnte auf der Straße tausend Dollar pro Woche verdienen, ohne mich anzustrengen. Aber so viele meiner Freunde starben, und jedes Mal, wenn ein Freund erschossen wurde, habe ich gehofft, einen Ausweg zu finden. Der Ausweg war K.O.S." Mit jedem Jahrgang stießen wieder zehn oder zwölf neue Jungs zur Gruppe, und einige andere verließen K.O.S. – meistens, weil sie die Regeln nicht eingehalten hatten und Rollins sie rauswerfen musste.

Oder weil sie nicht überlebten. Wie Chris Hernandez, der zwölf Jahre alt war, als ihn seine Mutter beim Workshop ablieferte. Ihr Mann war bei einem Überfall auf den Pizzastand erschossen worden, und sie musste danach arbeiten gehen, hatte keine Zeit mehr für Chris. Der Junge stellte sich als extrem talentiert heraus und fertigte schon bald alleine große Bilder – inspiriert von seinen Träumen und von Jules Vernes "Reise zum Mond". In dem preisgekrönten Dokumentarfilm "Kids Of Survival: The Art and Life of Tim Rollins + K.O.S." (der bis heute regelmäßig auf HBO läuft) ist Chris eine Hauptfigur. Dann kam die Nacht, in der eine Bande von Dealern ihn in einer Schießerei als Schutzschild benutzte. "Sein Geist ist immer mit uns", sagt Rick. Und Chris’ bestes Bild "From The Earth To The Moon" hängt an einem Ehrenplatz im Hirshhorn Museum Washington.

An den neuen Arbeiten, die Eva Presenhuber zeigt, wirkten zwölf K.O.S.-Mitglieder mit. Veteranen wie Robert Branch, 30, Adam DeCroix, 34, und Angel Abreu, 34. Aber auch der 1990 in der Bronx geborene Pedro Herrera, ein schmächtiger Junge mit fröhlichem Gesicht. Die ganz harte Zeit im Viertel hat er nicht mehr erlebt. Doch hätte er ohne die Hilfe von K.O.S. einen Schulabschluss geschafft? "Wohl nicht. K.O.S. hat mir die Zukunft gerettet. Und, wie ich hörte, einigen meiner Kollegen hier auch."

Die Vorgehensweise von Rollins hat sich seit 25 Jahren kaum verändert. Bevor er in die Bronx kam, waren Konzeptkünstler wie Sol LeWitt und Hanne Darboven seine Vorbilder. Deren Strategie der seriellen Arbeit kombinierte er mit seinem Lehrauftrag. "Ich bin Marxist, und ich glaube an die utopische Idee, dass die Kunst die Welt verbessern kann", sagt Rollins. Jedem Kunstwerk, das die "Kids" anfertigten, liegt ein Stück klassische Literatur oder Musik zugrunde. Und zwar im Sinne des Wortes: Zunächst lesen alle Mitglieder das Buch oder hören die Musik, dann kleben sie die Textseiten auf eine Leinwand und bemalen sie – mit assoziativen Formen, von Graffiti beeinflusst oder von Vorbildern aus der Kunstgeschichte. "Farm der Tiere", "Mittsommernachtstraum", "Die Enstehung der Arten", Werke von Aristophanes, "Das Tagebuch der Anne Frank", "Frankenstein" bearbeiteten die Kids.

Die bekannteste Reihe ist sicher "Amerika", nach Franz Kafkas Emigrantenroman. Das Hauptgemälde (175 x 425 cm) hängt heute im MoMA. Als Rollins und K.O.S. die Arbeiten 1986 zeigten, bescherte ihnen das den Durchbruch. Aus seiner Zeit an der New York University war Rollins nicht nur mit vielen Künstlern befreundet, sondern kannte auch einige Galeristen, bei denen er immer wieder Ausstellungen unterbringen konnte. Über "Amerika" schrieb die strenge Roberta Smith in der New York Times: "Wie die Kinder mit Rollins' Hilfe die Brücke schlagen zwischen Literatur und Kunst und dabei so effektive Metaphern erzeugen, dürfen Sie auf keinen Fall verpassen."

Dann erlebte die Gruppe, wie es sich anfühlt, von der Kunstwelt in eine Umlaufbahn gehypt zu werden – erst in der New Yorker Galerienszene, später mit Museumsausstellungen in San Francisco, Havanna, Paris und so ziemlich jeder anderen Stadt. Viel Erfolg erzeugt viel Neid. Irgendwann tauchten Fragen auf über Rollins' Arbeitsmethoden und seine pädagogische Strategie: Benutzt er die Kinder? Beutet er als Weißer die Hispanics und Afroamerikaner aus? Es kamen auch Gerüchte über den Verbleib der Einnahmen auf. Schließlich gab es Andeutungen über Affären, die die Kinder miteinander und mit Rollins gehabt haben sollen.

Krise bei K.O.S. wegen unwahrer Sexgeschichten

Die Sexgeschichten waren schnell ausgeräumt, denn sie stimmten einfach nicht. Wo das Geld geblieben war, konnte Rollins lückenlos nachweisen. Er zahlte seinen Schülern ein monatliches Taschengeld, damit sie sich Bücher und Stifte kaufen konnten; der Großteil des Geldes floss in die Produktion der Kunst. Und für die Zukunft der Kinder gründete Rollins einen Fonds, aus dem er Collegegebühren zahlen würde. Wie für Rick Savinon, der ohne das Geld nicht hätte studieren können.

Doch die Gerüchte zeigten Wirkung. Ab Mitte der neunziger Jahre verkauften sich die Arbeiten von Tim Rollins and K.O.S. nur noch schleppend, und es wurde fast unmöglich, die laufenden Kosten zu decken. Das Projekt galt nicht mehr als cool und frisch, und der Markt wandte sich ab. "Wir haben über zehn Jahre lang Kunst ohne Öffentlichkeit gemacht", sagt Daniel Castillo, 28, der 1996 zu K.O.S. stieß. "Aber wir gaben nicht auf, und jetzt werden wir sogar in Europa wahrgenommen." Tim Rollins fügt hinzu, dass es auch ganz angenehm sei, die 30.000 Dollar, die das Projekt im Jahr kostet, solange man es sparsam betreibt, nicht mehr aus seiner eigenen Kasse zahlen zu müssen.

Eva Presenhuber, die Tim Rollins and K.O.S. bereits in den achtziger Jahren kennen- und schätzen lernte, ist froh, dem Kollektiv zum 25. Geburtstag eine Ausstellung widmen zu können. "Ich bin ein Fan von Tim und seiner Arbeit, seit ich ihn in den wilden Jahren in New York traf. Wir müssen die Sammler in Europa natürlich noch überzeugen von der Klasse und der Bedeutung seiner Arbeit. Aber ich glaube, das wird nicht so schwierig."

Heute wie damals, in der wilden Zeit, arbeitet das Kollektiv nach denselben strengen Regeln und mit unerschöpflichem Teamgeist. Der Unterschied: Das Atelier befindet sich nicht mehr in der hellen, riesigen Schuletage, sondern in einem etwas beengten Raum im neunten Stockwerk eines Lagerhauses in der 25th Street Manhattans. "Wir haben einen wohlwollenden Vermieter", sagt Rollins. In der Nachbarschaft preisen Hunderte Galerien ihre Ware an, und in neuen Hochhäusern kosten Wohnungen siebenstellige Summen. Aus Queens, Brooklyn, der Bronx und Philadelphia pendeln die Künstler zur Arbeit.

Im Oktober treffe ich Rollins wieder. Es ist die Woche, in der die Bilder für Zürich fertig werden müssen. Sechs Mitglieder von K.O.S. sitzen zusammen und diskutieren über ein Bild aus der Serie "Krieg der Welten". Ein Großformat, mit strahlenartigen Farbkombinationen: Soll es verschifft werden zur Ausstellung? Am Ende entscheidet das Team dagegen. Die Arbeit gehört zu den schwächeren. "Der Müllkorb ist unser wichtigstes Werkzeug", sagt Rick.

Auf dem Rückweg in die Bronx, wo Tim Rollins in einem hübsch renovierten Gründerzeithaus wohnt, muss er nicht mehr befürchten, von einem Querschläger getroffen zu werden. Die Häuser haben Scheiben in den Fenstern, kleine Geschäfte und Restaurants sind zurückgekehrt, und auf den Flächen zwischen den Gebäuden, wo sich früher Crack-Süchtige beschossen, spielen auch nach Anbruch der Dunkelheit noch Kinder.

Man kann sich wieder wohlfühlen in der Gegend rund um die U-Bahn-Station Prospect Avenue. Und die Leute hier behaupten, Rollins habe mit seiner Arbeit viel dazu beigetragen. Passanten winken ihm von der anderen Straßenseite zu. Eine Frau ruft Rollins aus einer Pizzeria hinterher: "Komm her, mein Kunstlehrer, wir essen eine Pizza."


"Tim Rollins and K.O.S: 25 years", bis 22. Dezember 2007, Galerie Eva Presenhuber, Zürich

© Juno Kunstverlag, 2007