Brückenkampf in Dresden Die Welt nicht mehr im Fluss
Dresden - Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ist aufgebracht: "Wenn die Unesco sich nur ein bisschen ernst nimmt, dann muss sie Dresden den Welterbetitel aberkennen. Denn dieser Titel verpflichtet zum Schutz des Kulturerbes und nicht zu seiner Gefährdung und Schädigung", erklärte der SPD-Politiker heute in der "Sächsischen Zeitung".
Nachdem das sächsische Oberverwaltungsgericht gestern entschieden hatte, Dresden müsse die Entscheidung des Volksentscheids von 2005 für den Bau der Waldschlößchenbrücke zügig umsetzen, ist die Empörung noch einmal hochgekocht. Und man ist sich einig: Aus ästhetischen Gesichtspunkten, aus der kulturellen Perspektive, ist der Bau der seit hundert Jahren geplanten Brücke zu verurteilen. Die Vorwürfe sind klar und einhellig: Der neue Elbübergang würde einen "einmaligen kulturräumlichen Zusammenhang zerstören, die "historischen Sichtachsen zwischen Landschaft und Bauwerken infrastrukturellen Notwendigkeiten" geopfert.
Anders als für das Oberverwaltungsgericht spielt für die Haltung Thierses und anderer Waldschlößchenbrücken-Kritiker das Ergebnis des Volksentscheids keine Rolle - zumal die Dresdner bei der Abstimmung nicht gewusst haben, dass mit dem Bau der Brücke Dresdens Titel als Weltkulturerbe verloren gehen würde.
Dass die Diskussion auch anders geführt werden kann als mit der Keule einer vermeintlich objektiv angenommenen Ästhetik, zeigt ein Blick ins Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Die momentane Wahrnehmung verweise auf ein gesellschaftliches Konstrukt, das Städten und Landschaften die Chance auf Veränderungen und Wachstum und den Menschen die Möglichkeit zu einem dynamischerem Kulturverständnis abspreche. Dieses statische Verständnis werde überhaupt nicht mehr in Frage gestellt, vitale Kulturgüter würden oft nur noch nach ihrem Wert als touristische Attraktionen beurteilt.
Es sei, als würden wir uns weigern, eine Welt im Fluss zu akzeptieren. Die Sorge um die "schöne Aussicht" in der Stadt Dresden gehe häufig einer mit einem "trüben Blick", der sich aus einem diffusen emotionalen Stadt, Landschafts- und Geschichtsempfinden speise.
anr/dpa