Burning Man Teil 2: Feuertanz unterm Nachthimmel - DER SPIEGEL
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Burning Man Teil 2 Feuertanz unterm Nachthimmel

Nach einer Nacht voller Drogen, Liebe und Feuerteufeln haben am nächsten Morgen die Sanitäter alle Hände voll zu tun. Viele Teilnehmer des Festivals sind in der Wüstenluft schlicht ausgetrocknet.
Von Christian Radler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein steifer Nordwind weht spät nachts dichte Wolken von feinem Staub über die Playa. Wenn die Sicht klarer wird, kann man sich im Dunkeln einigermaßen orientieren. Sonst hilft nur ein gutes Gehör. Rund eine halbe Stunde geht man zu Fuß - quer über die Ebene - von der angesagten Technodisco auf der Ostseite zum Wrack der "Kursk" im Westen. Mit etwas Glück erwischt man dort einen Golfcart zu einem der Jazzclubs, in dem eine Band spielt.

Die Leute bringen außer Wasser, Vorräten und einer Unterkunft alles Erdenkliche in die Wüste: Vor einem Wohnwagen findet sich eine Kollektion von Puppenköpfen, im Sand wirken diese Schrumpfköpfe wie Trophäen eines Kopfjägers. In einem Teehaus werden japanische Zeremonien abgehalten, ein mittelgroßer Wald aus tibetischen Gebetsfahnen flattert im Wind. Daneben parkt ein VW-Bus ohne Motor - aber mit Zehnmetermast und Yachtsegel auf dem Dach. Ein Minisender mit gerade mal 500 Meter Reichweite steht zwischen ausgewachsenen Funkmasten, die Radiosignale fast bis Reno strahlen. Internet-Terminals bieten Wetterbericht und Burning Man News. Manche Burner haben außer ihren Hunden oder Pferden sogar ausgestopfte Rehe oder Bären dabei. Auch Schlangen sind keine Seltenheit. Alles ist möglich: Hier steht ein vier Meter langes Sofas mit Elektroantrieb, dort eine halbantike Frisierhaube neben Pyramiden aus Kupferblech, wo die kosmische Energie angeblich ganz deutlich zu spüren ist. Kristallkugeln liegen vor einem Wohnwagen, an dem ein Mobile aus Tierknochen in Wind schaukelt.

Wo so viel Kreativitität und Eigeninitiative zu finden ist, schläft auch die Werbewirtschaft nicht. Am Himmel schreibt ein Flugzeug WWW.SEX.COM in das Blau - wieder ein Grund für die "echten" Burner zu grummeln. "Alles Blödsinn", findet John, der seit acht Jahren zum Festival kommt. "Das Gejammer ist das Einzige, was schlimmer wird. Ausverkauf sehe ich keinen. Die sollen sich mal klar machen, dass es hier draußen kein Geld gibt, sondern nur Nettigkeit und guten Willen - wo ist da ein Ausverkauf?" Und alles, was von den Einnahmen übrig bleibe, meint der Glatzkopf im Batik-Sarong, "geht doch ohnehin an hungernde Künstler".

Wenn das mal so einfach wäre. Die Geldangelegenheiten der Burning-äMan-Veranstalter sind ein Buch mit sieben Siegeln. Zwölf Hauptamtliche hat die Organisation, dazu tausende Freiwillige. Teilweise schuften sie acht Wochen in der Gluthitze und erhalten dafür Verpflegung, Wasser und je zwei Freitickets. Fragen nach dem Budget beantworten die Presseverantwortlichen nur ausweichend: "Das Budget liegt zwischen zwei und fünf Millionen Dollar." Viel lieber sprechen sie von den Werten, die Burning Man ausmachen: Die Offenheit des Events für alle, die absolute Freiheit, die mit dem Eintrittsticket (rund 200 Dollar - vor ein paar Jahren waren es noch 45 Dollar) erworben wird, oder der Zugang zu spannender Kunst und aufregenden Happenings. Dabei versichern die Veranstalter, dass sie den Löwenanteil der Einnahmen für die Wiederherstellung des Geländes nach dem Festival verwenden. Die zuständige Behörde kassiert pro Besucher - weswegen die Veranstalter bei den Teilnehmerzahlen zur Untertreibung neigen. Und trotzdem: Die Burning-Man-Stiftung ist einer der größten Geldgeber für alternative Kunst in San Francisco.

Der Samstagabend macht alle bisherigen Kontroversen vergessen: Nach einem Feuertanz mit Hunderten Teilnehmern geht der 15 Meter hohe Burning Man, eine Figur aus Holz und Neon, die dem Event den Namen gab, laut krachend in Flammen auf. Das ist der Auftakt zu einer wilden Partynacht mit mehr als 24.000 gelösten, euphorischen Menschen.

Am Morgen drauf sammeln Ranger die Partyleichen ein und bringen sie in die Klinik. Dr. Allen hat die Morgenschicht. "Wir hatten überwiegend Leute, die an Austrocknung litten", meint Allen. "Wüste plus Ecstasy, Magic Mushrooms und LSD sind eine teuflische Kombination. Die Leute vergessen einfach, dass sie ständig trinken müssen. Bei manchen Patienten haben wir Infusionen gelegt. Einige müssen psychisch betreut werden. Das sieht hier schlimm aus, aber auf jedem Rockkonzert gibt es mehr Probleme. Immerhin: Wir haben diesmal keine Toten."

Am Sonntagabend fegt ein Staubsturm über die Reste des Camps. Tagsüber brennen viele der Installationen auf großen Scheiterhaufen. Jetzt geht auch das Mausoleum in Flammen auf. Über den Radiosender "Piss Clear" sucht ein Künstler dringend fünf Gallonen Benzin, damit er sein Werk ordentlich verbrennen kann. Im Camp rempelt einer der finsteren Irokesen, die zu Beginn des Festivals die Ankommenden kontrolliert hatten, einen Teilnehmer an. "Sorry, tut mir leid, Mann", sagt der Hüne im Lederpanzer artig. "Macht nichts", sagt der andere. Sie prosten sich mit Wasserflaschen zu, dann verschwindet der Irokese in der nächsten Staubwolke.

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