Caligula-Premiere Obszönes Werk von Castorf
Am Schluss fielen alle Hüllen: Mit dem Auftritt einer echten Stripperin beendete der Regisseur Frank Castorf seine mit Spannung erwartete Premiere "Das obszöne Werk: Caligula" an der Berliner Volksbühne. Die drastische Inszenierung nach dem Theaterstück "Caligula" von Albert Camus und dem Prosatext "Das obszöne Werk" von Georges Bataille spaltete am Mittwochabend das an Schocks gewöhnte Volksbühnen-Publikum. Starker Applaus mischte sich am Ende mit zahlreichen Buh-Rufen.
Etwas Besseres als diese Polarisierung konnte dem Intendanten nicht passieren, bekommt er in diesem Monat mit der Wiedereröffnung des Berliner Ensembles unter Claus Peymann und der Schaubühne unter Thomas Ostermeier doch scharfe Konkurrenz in der Hauptstadt. Blutverschmierte Darsteller sind noch das mildeste, was Castorfs Inszenierung zu bieten hat. Liebesakte mit Leichen und ausführliche Gespräche über Fäkalien-Sex riefen nicht bei allen Zuschauern Begeisterung hervor. Dabei ist sein Caligula, eindrucksvoll gespielt von Bernhard Schütz, eigentlich ein ganz sympathischer römischer Kaiser. Nach dem Tod seiner inzestuös geliebten Schwester kann er dem Leben keinen Sinn mehr abgewinnen. Ihm dämmert, dass selbst er, der Kaiser, nicht die wirkliche Macht hat.
"Die Dinge sind, so wie sie sind, nicht wirklich befriedigend", sagt der in Boxershorts und Pelzmantel auftretende Caligula. "Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich." Aus Protest gegen die Götter beschließt der Kaiser, fortan "in der Wahrheit" zu leben, dass heißt: Unverdiente Privilegien und heuchlerische Konventionen abschaffen, vor allem aber seinem eigenen Zerstörungstrieb freien Lauf lassen. Mit blutgetränkter Schlachterschürze hetzt Caligula von da an durch das Geschehen, bleibt allerdings tief unglücklich. Das Ende des Tyrannen, der Mord an Caligula, interessiert Castorf dann schon gar nicht mehr. Mit der ausufernden, Tabus brechenden Sexualität der Bataille-Protagonisten aus "Das obszöne Werk" startet er nahtlos in den zweiten Teil des Theaterabends.
Je enger sich der Regisseur an die Texte der französischen Autoren hielt, desto überzeugender geriet die Inszenierung. Renommierte Volksbühnen-Schauspieler wie Kathrin Angerer, Astrid Meyerfeldt, Kurt Naumann und Matthias Matschke zeigten sich von ihrer besten Seite. Doch je länger der Abend wurde, desto gelangweilter schien ein Teil der Zuschauer zu sein. Im dritten und letzten Teil trieb Castorf die von Camus und Bataille propagierte Absurdität des Daseins dann auf die Spitze. Die Schauspieler spielen Schauspieler, alles wird in Frage gestellt.
Zur Premiere herrschte großer Andrang in der Volksbühne, allein der reißerische Titel wird dem Stück auch weiterhin Zulauf bringen.
Elke Vogel