Calista Flockhart: Mager-Star mit schwerer Kost - DER SPIEGEL
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Calista Flockhart Mager-Star mit schwerer Kost

Als Ally McBeal wurde Calista Flockhart zur TV-Ikone. Weil man das liebessüchtige Yuppie-Girl aber nicht ewig spielen kann, versucht sie einen Image-Wechsel. Natürlich im Fernsehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Calista Flockhart sieht müde und zerbrechlich aus. Mit hängenden Schultern und hollywoodschmaler Kinderfigur sitzt sie vor einer Handvoll Journalisten, um sich zu ihrer Rückkehr ins Fernsehen zu äußern, aber eigentlich will sie nicht. Sie wringt ihre Finger, immer wieder legt sie leidend die Hand an die Stirn. Einem Fernsehteam hat sie soeben sämtliche zur Absegnung vorgelegte Fragen, darunter eine nach ihrem Terminplan als Mutter und Berufstätige, gestrichen.



Und auch jetzt ist sie nicht eben inspiriert. Nein, im amerikanischen Fernsehen habe sich aus ihrer Sicht in den vergangenen fünf Jahren nichts verändert, und eigentlich hätte sie mit dem Wiedereinstieg lieber noch sechs Monate gewartet, weil ihr Sohn gerade eingeschult wurde. Ob "Ally McBeal" ihr manchmal fehlt? "Um ehrlich zu sein, erinnere ich mich nicht einmal besonders gut an sie", sagt Flockhart. Sie spricht leise, wirkt fast resigniert. Nicht gerade ein strahlendes Comeback.

Die Folgen des 11. September

Dabei hat es die neue Fernsehserie der 42-Jährigen, die vor fünf Jahren ihre "Ally" zu den Akten legte, einen Sohn namens Liam adoptierte und "meiner Familie zuliebe" ins Privatleben verschwand, in sich: ABCs "Brothers and Sisters" (Deutschlandstart: heute, 20.15 Uhr, Premiere) aus der Feder des renommierten Theaterautoren Jon Robin Baitz ist ein radikal kontemporäres Familienstück, das wie kein anderes die Untiefen der amerikanischen Gesellschaft nach dem 11. September auslotet.

Flockhart spielt die Hauptrolle der Kitty Walker, eine konservative New Yorker Raditotalkerin, die die Aussicht auf einen Job beim Fernsehen nach Los Angeles lockt – zurück in den Schoß der siebenköpfigen Familie, unter deren vermeintlich harmonischer Oberfläche die Konflikte brodeln.

Kittys Mutter (Sally Field) ist verbittert: Sie macht die politische Haltung der Tochter dafür verantwortlich, dass sich ihr jüngster Sohn Justin (Dave Annable) nach dem 11. September zum Einsatz in Afghanistan meldete und den dort erlebten Horror nun mit Betäubungsexzessen bekämpft.

Kittys homosexueller Bruder Kevin (schön und schmallippig: Matthew Rhys) kompensiert unterdessen sein Außenseitergefühl mit geschäftlichem Ehrgeiz als Anwalt, und Kittys Schwester Sarah ("Six Feet Under"-Star Rachel Griffiths) versucht die eigene Ehe, den Familienclan und das Geschäft der Walkers im Alleingang zusammen zu halten. Zudem entspuppt sich die vermeintliche Musterehe der Eltern (Tom Skerritt in einer beeindruckenden Gastrolle neben Fields) ebenso als Illusion wie das erfolgreiche Familienunternehmen.

Aufs Zeitgeschehen programmiert

Baitz hat ein Stück erstaunlich erwachsener, wenn auch mit reichlich Melodramatik aufgemotzter TV-Unterhaltung geschaffen, wie es bisher bloß im Bezahlfernsehen existierte. Nicht zufällig fühlt man sich an HBOs Serie "Six Feet Under" erinnert, wiewohl es "Brothers and Sisters" an vergleichbarer Schärfe fehlt.

Doch die Thematisierung der Irak-Kriegsfolgen, der psychologischen Wunden des 11. September und einer politischen TV-Kultur, die, womöglich als Antwort auf eine tiefe Ratlosigkeit in der Folge der Terrorangriffe, zum hemdsärmeligen Meinungsschaukampf verkommen ist, können für das US-Networkfernsehen als enorm couragiertes Unterfangen gelten. "Ich fand das zeitgemäße Element ungeheuer interessant", sagt auch Flockhart. "Wir reden über Politik, über Benzinpreise, über das, was in den USA derzeit Gesprächsthemen sind."

Warum also ist sie so matt? Ist es die Rolle, die ihr zuviel abfordert? Vorab waren mehrfach Bedenken laut geworden, die zarte Flockhart könne die kampflustige Hartleibigkeit der amerikanischen Polit-Talker, deren Ego oft ihre Expertise weit überragt, nicht ausfüllen. Doch Flockhart weist das von sich. "Vielleicht denken die Leute, ich müsste wie Ann Coulter auftreten und zickig und gemein sein. Das finde ich ziemlich lächerlich", sagt sie und fügt an, dass die Rolle mit ihren persönlichen Überzeugungen nichts zu tun habe.

Noch kurz vor dem US-Start hatte die Serie für Schlagzeilen gesorgt, als Produzenten ausgewechselt, der Pilot umgeschrieben und Sally Field in letzter Minute als Mutter des Clans gecastet wurde. Lästermäuler sprachen bereits vom "Seriendrama der Saison", und Flockhart musste sich nun an mehreren schauspielerischen Schwergewichten messen lassen. Das tut ihr auf dem Schirm nicht immer gut. Sally Fields ergreifende Schilderung einer zerbrochenen Innenwelt durch den Betrug ihres Mannes beispielsweise hat weit größeres tragisches Gewicht als Flockharts nahezu hysterische, tränenerstickte Erinnerung an den 11. September in New York.

Kurskorrektur mit Kind

Vielleicht hat das Familienleben die 42-Jährige mehr Kraft gekostet als erwartet - womöglich hat gar die berüchtigte Übellaunigkeit, mit der Flockharts Dauerpartner Harrison Ford gern der Presse begegnet, abgefärbt? Die Erfahrung der Mutterschaft, soviel räumt die Darstellerin immerhin ein, habe sie stark verändert. "Ich habe überhaupt keinen Ehrgeiz mehr", sagt sie. "Ich möchte einfach morgens zur Arbeit gehen und abends heim zu meiner Familie fahren. Früher war ich ein Workaholic, eine Perfektionistin und überhaupt wahnsinnig ehrgeizig. Ich weiß nicht warum, aber all das ist zusammengeschmolzen, es existiert einfach nicht mehr."

Auch ihr fünfjähriger Sohn Liam steht der Filmindustrie offenbar skeptisch gegenüber. Neulich fragte er seine Mutter, was es bedeute, gefeuert zu werden. "Ich erklärte es ihm, so gut ich konnte", berichtet Flockhart, "und er dachte kurz darüber nach und sagte dann: Aha, dann möchte ich, dass du gefeuert wirst." Und plötzlich huscht doch noch ein kurzes, süßes "Ally McBeal"-Lächeln über Calista Flockharts Gesicht. Liams Forderung wird indes wohl enttäuscht werden. ABC hat sich im Oktober entschlossen, eine ganze Staffel zu drehen.


"Brothers and Sisters": mittwochs, 20.15 Uhr, Premiere